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Türkische Wirtschaft auf der Kippe

Alles bestens – so lässt sich das Bild der türkischen Wirtschaft beschreiben, das Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan in einem ARD-Interview gezeichnet hat. Tatsächlich aber droht die politische Instabilität in der Türkei die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der vergangenen Jahre zu beenden. Das hat auch für die Handelspartner in der EU Folgen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Das kaufkraftbereinigte Pro-Kopf-Einkommen in der Türkei hat sich seit dem Jahr 2001 mehr als verdoppelt.
  • Die politische Entwicklung stellt die Wirtschaftserfolge jedoch infrage.
  • Dies dürfte auch für die Handelspartner in der EU Folgen haben – nicht zuletzt für Deutschland, da hier gut ein Fünftel aller Waren verkauft wird, die die EU aus der Türkei importiert.
Zur detaillierten Fassung

Die bisherige Bilanz beeindruckt: Seit die Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) im Jahr 2002 die Regierung übernahm, ist die türkische Wirtschaft real um jährlich fast 5 Prozent gewachsen. Die Staatsverschuldung hat sich seither mehr als halbiert – auf 33 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Und die Inflationsrate lag zuletzt im einstelligen Bereich – in den 1990er Jahren stiegen die Preise pro Jahr im Schnitt noch um 77 Prozent. Mit der Wirtschaft wuchs auch der Wohlstand:

Das kaufkraftbereinigte Pro-Kopf-Einkommen in der Türkei hat sich seit 2001 mehr als verdoppelt und liegt in etwa auf dem Niveau der EU-Länder Bulgarien und Kroatien.

Doch die politischen Rahmenbedingungen haben sich in letzter Zeit verschlechtert. Demokratie, Meinungsfreiheit und Sicherheit sind nicht mehr selbstverständlich gewährleistet. Außerdem breitet sich die Korruption im Land aus – im Ranking der Korruptionswahrnehmung von Transparency International ist die Türkei von Platz 53 im Jahr 2013 auf Platz 66 im Jahr 2015 gefallen.

Wirtschaftserfolge infrage gestellt

Die jüngsten politischen Geschehnisse stellen die türkischen Wirtschaftserfolge zusätzlich infrage. Schon im Mai 2016 – also noch vor dem Putschversuch – kamen 35 Prozent weniger Touristen als im Vorjahresmonat. Das Geschäftsklima hat sich erheblich eingetrübt – der Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe liegt seit März unter der Schwelle von 50 Punkten, oberhalb der ein geschäftliches Wachstum zu erwarten ist. Im Juni ist der Index sogar auf 47,4 Punkte gesunken – den niedrigsten Wert seit der Wirtschaftskrise von 2009. Die türkische Lira verliert an Wert. Die Börse reagiert heftig:

Der türkische Aktienmarktindex ist allein in der Woche vom 15. bis 22. Juli um 15 Prozent eingebrochen.

Für die europäischen Handelspartner wird die Eintrübung der türkischen Wirtschaft nicht folgenlos bleiben. Schließlich ist das Land am Bosporus für die EU der fünftwichtigste Handelspartner nach den USA, China, der Schweiz und Russland. Der Anteil türkischer Erzeugnisse an den EU-Warenimporten lag 2015 bei 3,6 Prozent, der entsprechende Exportanteil betrug 4,4 Prozent. Im Vergleich zum EU-Handel mit den USA sind diese Anteile zwar relativ gering. Doch für einzelne EU-Länder und Branchen spielt die Türkei eine große Rolle. So gehen knapp 7 Prozent der griechischen und sogar fast 9 Prozent der bulgarischen Warenexporte in die Türkei.

Ein Fünftel aller Waren, die die EU aus der Türkei importiert, werden in Deutschland verkauft.

Innerhalb der EU ist Deutschland der mit Abstand größte Handelspartner für die türkische Wirtschaft:

Gut ein Fünftel aller Waren, die die EU aus der Türkei importiert, werden in Deutschland verkauft – der deutsche Anteil an den EU-Exporten in die Türkei beträgt sogar fast 30 Prozent.

Deutschland bezieht von türkischen Herstellern in erster Linie Textilien und Bekleidung – diese machen 29 Prozent der deutschen Warenimporte aus der Türkei aus. Doch auch die türkische Automobilindustrie ist ein wichtiger Lieferant. Sie produzierte 2015 über 800.000 Kraftfahrzeuge für die EU – mehr als die Hersteller aus den USA und Japan zusammen.

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