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Gekommen und geblieben

Weil die Wirtschaft boomte und Arbeitskräfte knapp waren, hat Westdeutschland von 1955 bis 1973 auf der Basis von Abkommen mit den Mittelmeerländern Gastarbeiter angeworben. Viele sind geblieben und haben Deutschland ein neues Gesicht gegeben.

Kernaussagen in Kürze:
  • Vom ersten Anwerbeabkommen 1955 bis zum Anwerbestopp 1973 stieg die Zahl der ausländischen Arbeitnehmer in Deutschland auf fast 2,6 Millionen.
  • Die meist an- oder ungelernten Kräfte halfen, die Arbeitskräfteengpässe infolge des "Wirtschaftswunders" zu beseitigen.
  • Trotz des Anwerbestopps stieg der Anteil aller Ausländer an der westdeutschen Bevölkerung zwischen 1973 und 1983 von 6,9 auf 8,1 Prozent.
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Das griechische Restaurant, das italienische Eiscafé und die türkische Dönerbude um die Ecke gehören heute selbstverständlich zum Erscheinungsbild deutscher Städte. Ohne die zugewanderten Gastarbeiter wäre das kaum vorstellbar.

Den Startschuss gab das im Dezember 1955 geschlossene Anwerbeabkommen mit Italien. Bis 1968 folgten unter anderem Verträge mit Spanien, Griechenland, der Türkei, Portugal und Jugoslawien. Die Resonanz war groß (Grafik):

Bis zum Anwerbestopp im Jahr 1973 stieg die Zahl der ausländischen Arbeitnehmer in Deutschland auf fast 2,6 Millionen.

Die Initiative für die Abkommen ging von den Heimatländern der Gastarbeiter aus. Die Auswanderung sollte die dortigen Arbeitsmärk­te entlas­ten. Und bei ihrer späteren Rückkehr – so die Hoffnung – hätten die Gastarbeiter neues Know-how und Ersparnisse in Form dringend benötigter Devisen im Gepäck.

Zugleich hatten diese Länder kein Interesse, qualifizierte Fachkräfte zu verlieren. Die Anwerbekommissionen achteten deshalb zwar auf die gesundheitliche Eignung der Bewerber, nicht aber auf deren Qualifikation. Die Gastarbeiter waren folglich meist an- oder ungelernte Kräfte, die in der Bundesrepublik einfache Tätigkeiten ausübten.

Die deutsche Wirtschaft nahm dieses zusätzliche Arbeitsangebot gern auf, gab es doch in den 1950er und 1960er Jahren vor allem wegen des „Wirtschaftswunders“ immer größere Arbeitskräfteengpässe:

Die Arbeitslosenquote in Westdeutschland sank von 11 Prozent im Jahr 1950 auf knapp 6 Prozent im Jahr 1955 – bis 1960 ging sie sogar auf gut 1 Prozent zurück.

Den Abkommen zufolge sollten die Gastarbeiter nach einigen Jahren in ihre Heimatländer zurückkehren. Nach dem Rotationsprinzip sollten neue Arbeitnehmer aus dem jeweiligen Herkunftsland nachrücken. Dennoch ermöglichte schon das erste Abkommen mit Italien den Familiennachzug. Der Vertrag mit der Türkei von 1961 schloss diesen Nachzug zwar zunächst aus und ersetzte das Rotationsprinzip durch eine Befristung des Aufenthalts auf zwei Jahre. Doch diese Einschränkungen galten nur bis zur Neufassung des Abkommens im Jahr 1964.

Als sich die Beschäftigungssituation 1973 durch die erste Ölkrise und das Eintreten der Babyboomer in den Arbeitsmarkt stark verschlechterte, stoppte die Bundesregierung zwar die Anwerbung. Doch damals hatten viele Gastarbeiter in Deutschland bereits Wurzeln geschlagen und holten ihre Angehörigen nach. Die Zahl der ausländischen Arbeitnehmer ging somit nur leicht zurück – der Anteil aller Ausländer an der Bevölkerung stieg zwischen 1973 und 1983 sogar von 6,9 auf 8,1 Prozent. Die Anwerbung von Gast­arbeitern hatte das Gesicht Deutschlands nachhaltig verändert.

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