Landinvestitionen Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Der große Landrausch

Da freie Anbauflächen in vielen Ländern Mangelware sind, kaufen oder pachten Unternehmen Ackerland im Ausland. Vor allem afrikanischer Boden ist für ausländische Investoren eine rentable Anlage. Doch weil dabei die Rechte der einheimischen Bevölkerung oft missachtet werden, ist die Landnahme umstritten.

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Im Jahr 2010 pachtet das indische Unternehmen Karuturi Global 100.000 Hektar Ackerfläche in West-Äthiopien – das entspricht einer Fläche, die größer ist als Berlin –, um dort Reis, Mais und Palmölpflanzen anzubauen. In Kamerun betreibt das US-Finanzunternehmen Herakles Capital eine rund 73.000 Hektar große Palmölplantage.

Diese großflächigen Investitionen ausländischer Unternehmen gehören zu den größten und umstrittensten Landkäufen der Welt. Menschenrechtsorganisationen kritisieren, dass beim Verkauf der Flächen keine Rücksicht auf die Rechte der Einheimischen genommen wird. Beim sogenannten Land Grabbing würden sie häufig mit Gewalt aus ihrer Heimat vertrieben und stünden ohne Existenzgrundlage da.

Die Onlineplattform „Land Matrix“ verfügt über die verlässlichsten Daten zu diesen großflächigen Landkäufen und Verpachtungen von Ackerfläche an ausländische Inves­toren und registriert Käufe ab jeweils 200 Hektar (Kasten). Aktuell finden sich auf der Website Daten zu mehr als 1.000 Käufen:

Seit dem Jahr 2000 wurden weltweit mehr als 37 Millionen Hektar Land an ausländische Unternehmen verpachtet oder verkauft – das entspricht ungefähr der Fläche von Deutschland.

Manche Schätzungen gehen sogar von weitaus höheren Zahlen aus – demnach sollen mittlerweile bereits bis zu 203 Millionen Hektar Land in der Hand von ausländischen Investoren sein.

Ein Grund für die gestiegene Nachfrage nach Anbaufläche ist die rasant wachsende Weltbevölkerung und der damit zunehmende Bedarf an Nahrungsmitteln. Hinzu kommt, dass sich durch den Anstieg des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens, vor allem in den Schwellenländern, auch die Ernährungs­gewohnheiten ändern und mehr tierische Nahrung und Getreide nachgefragt werden. Da es in vielen Ländern aber an bestellbarem Boden mangelt und die Nahrungssicherung gefährdet ist, kaufen oder pachten Unternehmen im großen Stil Anbauflächen im Ausland.

Seit 2000 haben ausländische Investoren aus nahezu 90 Staaten in 
74 Zielländern in Land investiert. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Entwicklungsländer mit güns­tigem Klima, fruchtbaren Böden und niedrigen Löhnen – beste Bedingungen also für kostengünstigen Anbau (Grafik):

Zwischen 2000 und 2014 wurden in Afrika nahezu 21 Millionen Hektar Ackerfläche an ausländische Inves­toren verkauft oder verpachtet.

Viele Investoren kommen aus Schwellenländern – häufig herrscht in ihrer Heimat Wassermangel, sodass sich der Boden nur begrenzt zur Landwirtschaft eignet. So baut zum Beispiel Ägypten im Sudan Weizen an. Ähnliches gilt für Indien und China: Durch ihre stark wachsende Bevölkerung ist die Nachfrage nach Nahrungsmitteln geradezu explodiert. Zudem stehen durch Industrialisierung und Verstädterung immer weniger Agrarflächen zur Verfügung. Aber auch Industrieländer sind an Anbauflächen im Ausland interessiert. Am meisten Land haben die USA im Ausland gekauft oder gepachtet – rund 7,2 Millionen Hektar (Grafik).

Mehr als ein Viertel aller Flächen wird für den Anbau von Nahrungspflanzen genutzt, ein weiteres Fünftel für Biokraftstoffpflanzen (Grafik). Eine klare Trennung zwischen diesen beiden Nutzungsgruppen ist jedoch nicht möglich, da sich einige Pflanzen sowohl als Nahrungsmittel als auch zur Herstellung von Biokraftstoffen eignen.

Richtig eingesetzt können die Investitionen aus dem Ausland durchaus positive Effekte auf die jeweilige Region haben, zum Beispiel durch neue Arbeitsplätze oder den Ausbau von Infrastrukturprojekten (siehe Kasten Pro und Kontra). Allerdings fehlen dazu vielerorts die rechtlichen Grundlagen. Die meisten Klein­bauern haben nur Gewohnheitsrechte, die sie aber häufig im Zuge der großflächigen Landkäufe verlieren. Vereinbarte Entschädigungen bleiben oft aus. Manche Kritiker sprechen daher schon von einem Kolonialismus 2.0. Um die Lebensgrundlagen der betroffenen Menschen zu sichern, fordern internationale Organisationen deshalb verlässliche Rechte für die Nutzung und den Zugang von Land.

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