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Der Arbeitsmarkt in Deutschland: Alles andere als prekär

Die Schallmauer von 45 Millionen Erwerbstätigen ist durchbrochen, die Arbeitslosigkeit historisch niedrig – seit mehr als zehn Jahren geht es am deutschen Arbeitsmarkt aufwärts. Doch das Jobwunder wird oft als prekär verunglimpft: Es basiere vor allem auf atypischen Beschäftigungsformen wie Minijobs und Zeitarbeit, heißt es regelmäßig. Ein Irrtum, wie diese Grafikstrecke zeigt.

Erwerbstätige und Arbeitslose: Rekorde geknackt

Mehr als 44 Millionen Erwerbstätige und nur noch 2,5 Millionen Arbeitslose – im Jahr 2017 stand der deutsche Arbeitsmarkt so gut da wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Die registrierte Arbeitslosigkeit erfasst zwar nicht das ganze Ausmaß der Unterbeschäftigung – aber auch diese ist binnen zehn Jahren um fast 1,3 Millionen zurückgegangen (siehe Arbeitslosenzahlen: Keine alternativen Fakten).

Erwerbstätige Arbeitslose Unterbeschäftigte (ab 2008)
in 1.000

Erwerbstätige: mit Arbeitsort in Deutschland (Inlandskonzept); Unterbeschäftigte: Arbeitslose einschließlich Teilnehmern an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, Älteren, Erkrankten und geförderten Existenzgründern, aber ohne Kurzarbeiter

Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Bundesamt

Arbeitslosenquote: Überall stark gesunken

Besonders die ostdeutschen Bundesländer haben vom Boom am Arbeitsmarkt profitiert. Im Jahr 2017 lag die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland mit 7,6 Prozent gut 11 Prozentpunkte unter dem Niveau von 2005 – jenem Jahr, in dem die deutschen Arbeitslosenzahlen ihren Höchststand erreicht hatten. In Westdeutschland grenzen die Arbeitslosenquoten von Bayern und Baden-Württemberg bereits an Vollbeschäftigung.

2005 2017
Arbeitslosenquote in Prozent

Quelle: Bundesagentur für Arbeit

Jugendarbeitslosigkeit: Vorbild Deutschland

Noch 1999 betitelte das Wirtschaftsmagazin „The Economist“ Deutschland als „kranken Mann Europas“. Heute glänzt Deutschland im EU-Vergleich mit seiner geringen Arbeitslosigkeit – und die Jugendarbeitslosenquote von 6,8 Prozent ist sogar am niedrigsten. Zwar steht in Griechenland, Spanien und Italien keineswegs jeweils mehr als ein Drittel aller Jugendlichen arbeitslos auf der Straße – sondern die Quote bezieht sich nur auf jene unter 25-Jährigen, die wirklich Arbeit suchen. Aber auch beim Anteil der arbeitslosen Jugendlichen an allen Jugendlichen steht Deutschland zusammen mit Tschechien am besten da.

Arbeitslosenquote der unter 25-Jährigen Anteil der Arbeitslosen an allen unter 25-Jährigen
2017 in Prozent

Länderauswahl einschließlich des jeweils besten und schlechtesten EU-Landes; Arbeitslosenquote der unter 25-Jährigen: Arbeitslose in Prozent der Erwerbspersonen, also jener Jugendlichen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und nicht in einer Ausbildung sind; Arbeitslosenquote (ALQ): Erwerbslosenquote nach ILO-Definition

Quelle: Eurostat

Erwerbsformen: Vollzeit ist normal

Das deutsche Jobwunder wird oft mit dem Hinweis kleingeredet, es seien hauptsächlich prekäre Arbeitsplätze entstanden, also beispielsweise befristete Stellen und Minijobs. Ein Blick zurück zeigt: In Deutschland gibt es heute gut 1,8 Millionen Vollzeitbeschäftigte mehr als vor zehn Jahren – aber 400.000 weniger als vor 20 Jahren. Einen regelrechten Boom haben allerdings Teilzeittätigkeiten mit mehr als 20 Stunden erfahren. Und dass die Zeitarbeit tatsächlich spürbar zugenommen hat, ist wegen ihrer Funktion als Sprungbrett durchaus begrüßenswert (siehe Zeitarbeit: Sprungbrett für Flüchtlinge).

1997 2007 2017
Erwerbstätige in 1.000

Erwerbstätige: ohne Erwerbstätige, die noch zur Schule gehen, studieren oder eine Ausbildung absolvieren, sowie ohne Wehr-, Zivil- und Freiwilligendienstleistende; teilweise Überschneidungen; Zeitarbeitnehmer 1997: keine Angaben verfügbar

Quelle: Mikrozensus

Erwerbstätige: ohne Erwerbstätige, die noch zur Schule gehen, studieren oder eine Ausbildung absolvieren, sowie ohne Wehr-, Zivil- und Freiwilligendienstleistende; teilweise Überschneidungen; Teilzeit < 20 h/Woche: einschließlich Minijobs; Zeitarbeitnehmer 1997: keine Angaben verfügbar

Quelle: Mikrozensus

Teilzeit versus Vollzeit: Meist wunschgemäß

Anfang 2019 tritt das Gesetz zur sogenannten Brückenteilzeit in Kraft. Es gewährt Arbeitnehmern das Recht auf eine Arbeitszeitverkürzung für bis zu fünf Jahre mit anschließender Rückkehr zum ursprünglichen Wochenpensum. Damit will die Politik vor allem die häufig teilzeitarbeitenden Frauen aus der vermeintlichen Teilzeitfalle – einmal Teilzeit, immer Teilzeit – befreien. Ein Abgleich von Arbeitszeitwunsch und -wirklichkeit zeigt jedoch: Nur wenige Teilzeitbeschäftige sind mit ihrer Arbeitszeit unglücklich und wollen mehr arbeiten (siehe Brückenteilzeit: Ein Gesetz für 0,9 Prozent).

11 Prozent aller abhängig Beschäftigten arbeiteten im Jahr 2016 wöchentlich …
… bis 15 Stunden … 16 bis 25 Stunden … 26 bis 34 Stunden … 35 und mehr Stunden
Von ihnen wollten so viel Prozent …

Ohne Auszubildende, Ein-Euro-Jobs und Beschäftigte mit Nebenerwerb

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel

Befristet Beschäftigte: Tendenz abnehmend

Familie gründen, Wohnung mieten oder einen Immobilienkredit aufnehmen – all das ist für Arbeitnehmer mit einer unbefristeten Stelle einfacher. Unternehmen betonen dagegen immer wieder, dass der Aufbau von Stellen mit befristeten Verträgen leichter sei, weil diese eine gewisse Flexibilität böten. Anders als oft behauptet ging die Erholung des Arbeitsmarkts in Deutschland seit 2005 jedoch keineswegs mit der Zunahme von befristeten Arbeitsverhältnissen einher, seit 2010 sind sie sogar leicht rückläufig. Genutzt werden Befristungen allerdings bei nahezu jeder zweiten Neueinstellung, deshalb sind jüngere Mitarbeiter überdurchschnittlich häufig betroffen (siehe Befristungen: Das eingebildete Problem).

Befristet Beschäftigte in Prozent aller …

Ohne Auszubildende

Quellen: IAB, Statistisches Bundesamt, Institut der deutschen Wirtschaft

Minijobs: Gefragter Zuverdienst

Vor allem der Einzelhandel und die Gastronomie sind auf die flexiblen Arbeitskräfte angewiesen, um lange Öffnungszeiten und Stoßzeiten abzudecken. Die Zahl der Nur-Minijobber ist jedoch seit 2010 rückläufig, geringfügige Beschäftigungsverhältnisse werden also nicht als Ersatz für normale Teilzeit- und Vollzeitstellen genutzt. Einen Boom gibt es dagegen bei den Minijobs im Nebenerwerb, weil sie für Arbeitnehmer steuerfrei sind, wenn die Jobs vom Arbeitgeber pauschal versteuert werden. Zudem fallen bis zur Grenze von 450 Euro keine Sozialabgaben an. Ein zusätzlicher Minijob ist also oft lukrativer als die Aufstockung der regulären Arbeitszeit (siehe Attraktiver Zweitjob).

Geringfügige Beschäftigungs­verhältnisse in 1.000

Quelle: Bundesagentur für Arbeit

Zeitarbeit: Vor allem eine Chance für Arbeitslose

Zeitarbeit ist keine Arbeit zweiter Klasse, sondern eine vollwertige sozialversicherungspflichtige Beschäftigung mit vollem Kündigungsschutz, Urlaubsanspruch und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Für die Unternehmen bedeuten Zeitarbeitnehmer in erster Linie Flexibilität, weil sie helfen, Engpässe zu überbrücken. Bei dünnerer Auftragslage dagegen verhindert ein gewisser Anteil an Zeitarbeitnehmern betriebsbedingte Kündigungen der Stammbelegschaft. Nicht zu unterschätzen ist außerdem die Funktion der Zeitarbeit als Sprungbrett: Im Jahr 2017 waren zwei von drei neueingestellten Mitarbeitern der Zeitarbeitsfirmen zuvor arbeitslos (siehe Zeitarbeitsbranche unter Druck).

So viel Prozent der 2017 neu eingestellten Zeitarbeit­nehmer waren …

33 Prozent … zuvor beschäftigt: 67 Prozent … zuvor beschäftigungslos:

Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Institut der deutschen Wirtschaft

Einbetten:
Kernaussagen in Kürze:
  • Mehr als 44 Millionen Erwerbstätige und nur noch 2,5 Millionen Arbeitslose – im Jahr 2017 stand der deutsche Arbeitsmarkt so gut da wie noch nie seit der Wiedervereinigung.
  • Besonders die ostdeutschen Bundesländer haben vom Boom am Arbeitsmarkt profitiert. Im Jahr 2017 lag die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland mit 7,6 Prozent gut 11 Prozentpunkte unter dem Niveau von 2005.
  • Weitere Zahle zu Jugendarbeitslosigkeit, befristeter Beschäftigung und Minijobs finden sie in unser interaktiven Grafik unter iwd.de/grafikstrecke-arbeitsmarkt
Zur detaillierten Fassung

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