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„Bildung muss beitragsfrei sein“

Kein anderes Bundesland konnte sich im IW-Bildungsmonitor 2017 so stark verbessern wie das Saarland. Der iwd hat den saarländischen Minister für Bildung und Kultur, Ulrich Commerçon (SPD), nach den Gründen gefragt.

Kernaussagen in Kürze:
  • Das Saarland hat sich im IW-Bildungsmonitor 2017 von allen Bundesländern am stärksten gegenüber 2016 verbessert.
  • Der saarländische Bildungsminister Ulrich Commerçon führt dies vor allem darauf zurück, dass die Bildungspolitik stärker die Sicht der Schüler einnimmt und auf individuelle Förderung setzt.
  • Auch in der Frage, ob das Abitur weiterhin nach acht oder wieder nach neun Jahren auf dem Gymnasium zu erreichen sein sollte, plädiert Commerçon dafür, auf die Bedürfnisse der einzelnen Schüler einzugehen.
Zur detaillierten Fassung

Herr Commerçon, dank jahrelanger Verbesserungen liegt das Saarland bereits auf Platz sechs des IW-Bildungsmonitors. Was machen Sie besser als Ihre Kollegen in anderen Bundesländern?

Wir machen drei Dinge anders. Erstens führen wir keine Strukturdebatten, denn die lähmen nur. Zweitens haben wir es geschafft, von der lehrerzentrierten Sicht des Unterrichts wegzukommen und mehr die Perspektive der Schüler und Schülerinnen zu sehen. Wir setzen auf individuelle Förderung und haben eine flächendeckende externe Evaluation jeder einzelnen Schule. Heute diskutieren wir nicht mehr theoretisch am grünen Tisch, sondern ganz konkret die Probleme der einzelnen Schule. Drittens haben wir enorme Fortschritte in Sachen Ganztagsschule gemacht. Dadurch können wir den einzelnen Schüler mit seinen Fähigkeiten in den Mittelpunkt stellen und sind weg von der defizitorientierten Betrachtung.

Probleme gibt es aber bei der Ganztagsbetreuung im Sekundarbereich I – hier liegt das Saarland unter dem Bundesdurchschnitt.

In der Tat waren wir noch vor fünf Jahren das Bundesland mit den wenigsten Ganztagsschülern. Inzwischen haben wir aufgeholt, aber bei den gebundenen Ganztagsschulen – an denen die Schüler verpflichtet sind, an mindestens vier Wochentagen für jeweils mindestens sieben Zeitstunden an den ganztägigen Angeboten teilzunehmen – haben wir noch Nachholbedarf. Allerdings haben alle Schulen im Saarland eine freiwillige Ganztagsbetreuung. Diese zusätzlichen Angebote wie Nachmittagsbetreuung werden jedoch von der Statistik nicht erfasst. Grundsätzlich planen wir, das Landesinvestitionsprogramm fortzusetzen, das wir vor drei Jahren begonnen haben, um den Schulen in Sachen Ganztagsbetreuung zu helfen.

Bei der Erfolgsquote der Berufsausbildung im dualen System hinkt das Saarland ebenfalls hinterher.

Dazu muss man wissen, dass diese Quote nur ein Durchschnittswert ist. Wenn man sich die einzelnen Kammern anschaut, sieht es schon anders aus: Im Bereich der IHK, in dem immerhin fast zwei Drittel aller Prüfungen stattfinden, haben wir eine Erfolgsquote von fast 92 Prozent und sind damit besser als der Bundesdurchschnitt. Im öffentlichen Dienst ist es mit fast 99 Prozent sogar noch besser. Wo wir erheblich unter dem Bundesdurchschnitt liegen, ist der Bereich der Handwerks- und Landwirtschaftskammern. Die Gründe dafür kennen wir nicht genau, wir vermuten aber, dass das weniger an den Berufsschulen liegt, sondern mehr an der Qualifikation der Auszubildenden. Wir schauen uns das noch genau an.

Sie wollten zum G9 zurückkehren, sind aber vom Koalitionspartner CDU ausgebremst worden. Werden Gymnasiasten im Saarland irgendwann wieder neun Jahre die Schulbank drücken?

Ich glaube nicht, dass das die entscheidende bildungspolitische Frage ist. Es gibt Schüler, die schaffen das Abitur in acht Jahren, andere brauchen neun oder zehn. Oder nur sieben. Wir sollten von der Jahrgangsbezogenheit wegkommen und mehr den Takt der Schüler und Schülerinnen berücksichtigen.

G8 oder G9? Wir sollten von der Jahrgangsbezogenheit wegkommen und mehr den Takt der Schüler berücksichtigen.

Was wir allerdings zur Kenntnis nehmen mussten, ist die hohe Unzufriedenheit der Eltern. Diese wünschen sich in allen Untersuchungen eine Rückkehr zum G9. Gleiches sagen Wirtschaft und Hochschulen – die beklagen weniger die inhaltlichen Kompetenzen der Schüler nach G8, sondern die mangelnde Persönlichkeitsentwicklung. Im Koalitionsvertrag haben wir deshalb vereinbart, dass wir das Thema mit allen Beteiligten – Eltern, Schüler, Lehrer – noch einmal diskutieren und im Laufe der Legislaturperiode klären. Das muss aber sorgfältig vorbereitet werden, denn der größte Fehler bei der Einführung von G8 war ja, dass man es ohne konkrete Vorbereitungen einfach mal gemacht hat.

Kein Ressortchef möchte, dass sein Ministerium abgeschafft wird. Aber Hand aufs Herz: Wäre es nicht besser, wenn Bildung Bundessache würde und nicht jedes Land sein Süppchen kochen darf?

Da möchte ich differenzieren. Zum einen halte ich das Kooperationsverbot, nach dem der Bund die Länder nicht unterstützen darf, für falsch. Das gilt insbesondere für die Gebäudesanierung und die Ausstattung der Schulen. Was jedoch die schulischen Inhalte angeht, gibt es inzwischen einen sehr großen Konsens der Bildungsministerkonferenz – dazu brauchen wir den Bund nicht.

Es gibt ja gute Gründe, warum landespolitische Besonderheiten bei den schulischen Inhalten eine Rolle spielen. Das Saarland zum Beispiel ist das Bundesland, in dem Französisch die wichtigste Fremdsprache ist – schon allein deshalb, weil es aufgrund der geografischen Nähe einen sehr großen grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt gibt. In Brandenburg dagegen spielt die Nähe zu Polen eine zentrale Rolle.

Der saarländische Koalitionsvertrag erlaubt es den Hochschulen, „Verwaltungskostenbeiträge zu generieren“. Müssen Studenten im Saarland demnächst für ihr Studium bezahlen?

Nein, wir führen die Studiengebühren nicht wieder ein, denn wir sind der Überzeugung, dass Bildung beitragsfrei sein muss, auch schon im frühkindlichen Bereich. Was die Beteiligung an den Verwaltungskosten angeht, so geht es dabei um 50 Euro pro Semester – darauf können sich die Studierenden im Saarland einrichten und verlassen.

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