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Mittelstand: Viele Chefsessel im Angebot

Allein bis Ende kommenden Jahres brauchen 227.000 kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland einen Nachfolger. Zwar ist das Bewusstsein über die Herausforderungen eines Generationswechsels in den Führungsetagen deutlich gestiegen – doch es gibt auch Tausende Betriebe, bei denen die geordnete Übergabe wohl nicht mehr rechtzeitig klappen wird.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Nachfolge im Mittelstand gestaltet sich schwierig: Jeder fünfte Firmeninhaber in Deutschland ist älter als 60 Jahre. Gleichzeitig gibt es immer weniger Menschen, die sich selbstständig machen wollen.
  • Das Bewusstsein für die Herausforderungen des Generationswechsels ist gewachsen. Dennoch haben sich 36.000 Betriebe, die bis Ende 2020 eine Übergabe anstreben, noch kaum um das Thema gekümmert.
  • Die Nachfolge wird nicht mehr so häufig familiär geregelt. Im Jahr 2017 wollten 54 Prozent der Chefs ihre Firma an ein Familienmitglied übergeben,2018 waren es nur noch 45 Prozent.
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Man kann es gar nicht oft genug sagen: 99,95 Prozent aller deutschen Unternehmen sind kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Per Definition der KfW Bankengruppe erzielen diese Betriebe einen jährlichen Umsatz von weniger als 500 Millionen Euro. Die meisten der 3,76 Millionen Unternehmer und Selbstständigen führen jedoch Firmen von deutlich kleinerem Kaliber: 87 Prozent haben einen Jahresumsatz von weniger als 1 Million Euro und 81 Prozent weniger als fünf Beschäftigte. In der Summe aber ist der Mittelstand ganz groß: Die kleinen und mittleren Unternehmen beschäftigen mehr als 31 Millionen Menschen – das sind gut 70 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland. Schon diese Zahlen zeigen, wie wichtig der Mittelstand mit seinen vielen Familienunternehmen für die deutsche Volkswirtschaft ist. Zwar geht es den KMU derzeit hervorragend – die Beschäftigung ist auf Rekordniveau und die Umsätze sind zuletzt so stark wie lange nicht mehr gestiegen (siehe: „Mittelstand obenauf“). Doch ein Problem – ein doppeltes sogar – hat das Herz der deutschen Wirtschaft: Zum einen ist bereits mehr als jeder fünfte Firmeninhaber älter als 60 Jahre und zum anderen gibt es in Deutschland immer weniger Menschen, die sich selbstständig machen wollen. Mit anderen Worten: Dem Mittelstand fehlt der Nachwuchs an Chefs und Chefinnen. Wie dringend diese gesucht werden, hat die Research-Abteilung der KfW Bankengruppe vor Kurzem durch eine Unternehmensbefragung herausgefunden (Grafik): Von den gut 1,4 Millionen KMU, die sich schon Gedanken über ihren Fortbestand per Nachfolge gemacht haben, planen 227.000 ihre Übergabe bereits bis Ende 2020. So viel Prozent der mittelständischen Unternehmen in Deutschland waren im Jahr 2018 bei der Nachfolgeplanung auf folgendem Stand Zwar zeigt die KfW-Befragung auch, dass das Bewusstsein für die Herausforderungen des Generationswechsels bei den Inhabern inzwischen deutlich gewachsen ist: Noch nie haben sich so viele Firmenlenker mit der Nachfolgefrage beschäftigt; und fast zwei Drittel der Firmen – rund 141.000 –, die bis Ende 2020 eine Übergabe anstreben, haben bereits einen konkreten (Verhandlungen abgeschlossen) oder potenziellen (Verhandlungen laufen noch) Nachfolger gefunden.

Etwa 36.000 mittelständische Betriebe, die bis 2020 eine Übergabe anstreben, haben bislang nur Informationen gesammelt oder sich noch gar nicht um das Thema gekümmert.

Knapp ein weiteres Viertel – gut 52.000 Mittelständler – sind zumindest aktiv auf der Suche nach einem Nachfolger. Umgekehrt stehen aber auch 16 Prozent der Firmen mit (fast) leeren Händen da: Etwa 36.000 Betriebe, die bis 2020 eine Übergabe anstreben, haben bislang nur Informationen gesammelt oder sich noch gar nicht um das Thema gekümmert. Diese Unternehmen werden wahrscheinlich kaum noch rechtzeitig einen Nachfolger finden. Denn die Übergabe eines Betriebs ist derart komplex, dass der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) eine Vorbereitungszeit von mindestens drei Jahren empfiehlt.

Mehr Schließungen geplant

Eine weitere schlechte Nachricht: Im vergangenen Jahr gingen bereits 16 Prozent aller KMU – das sind 600.000 Betriebe – davon aus, dass ihr Unternehmen mit dem Ruhestand des Chefs oder der Chefin geschlossen wird – im Jahr 2017 waren es nur 14 Prozent. Dies könnte ein Hinweis auf die zunehmenden Schwierigkeiten sein, angesichts der dünner besetzten jüngeren Generationen und der guten Alternativen auf dem Arbeitsmarkt einen geeigneten Nachfolger zu finden. Möglich ist aber auch, dass sich in den Führungsetagen mittlerweile eine realistischere Sicht auf die Nachfolgeoptionen eingestellt hat. Rund acht von zehn Unternehmern, die sich altersbedingt mit der Nachfolgefrage auseinandersetzen müssen, führen einen Kleinstbetrieb mit maximal vier Beschäftigten – und je kleiner eine Firma ist, desto weniger sinnvoll erscheint offenbar eine Geschäftsübergabe, wie die KfW-Befragung zeigt: 41 Prozent der Eigentümer von Kleinstunternehmen wollen mit ihrem Ruhestand das Geschäft aufgeben – von den KMU mit 10 bis 49 Beschäftigten sagen das lediglich 7 Prozent. Für die Chefs von KMU ab 50 Beschäftigten ist die Stilllegung kaum eine Option – nur 2 Prozent ziehen das in Erwägung. Aufgrund der hohen Zahl an betroffenen Mitarbeitern wären diese Fälle aber volkswirtschaftlich besonders schmerzlich.

Nachfolge ist seltener Familiensache

All die Inhaber, die sich für eine Fortführung ihres Unternehmens entschieden haben, müssen vor allem die Frage beantworten, an wen sie das Geschäft übergeben wollen. Das schöne deutsche Wort „Familienunternehmen“ lässt ahnen: Traditionell sind die meisten Nachfolgelösungen ein Generationswechsel innerhalb der Familie. Im vergangenen Jahr zeigte sich jedoch in der KfW-Befragung eine deutliche Verschiebung (Grafik): Wollten 2017 noch 54 Prozent der Senior-Chefs ihr Unternehmen an ein Familienmitglied übergeben, waren es 2018 nur noch 45 Prozent. Überlegungen mittelständischer Unternehmen zur zeitnahen Nachfolgeregelung Damit konnte die Option „Übergabe an externen Käufer“, die ebenfalls auf 45 Prozent kam, erstmals mit dem Generationswechsel innerhalb der Familien gleichziehen. Sofern der neue Chef oder die neue Chefin von außen kommt, kann sich die Übergabe besonders schwierig gestalten, da der oder die Neue logischerweise nicht das gleiche Vorwissen und die Kontakte mitbringt wie ein Familienmitglied. Kostenlose Nachfolgebörsen versuchen nicht nur, Verkäufer und Käufer zusammenzubringen, sondern auch, die Informationsasymmetrien zwischen den Partnern zu verringern. Die größte Nachfolgebörse in Deutschland ist nexxt-change, zu den Betreibern der Plattform gehören unter anderem das Bundeswirtschaftsministerium, die KfW Bankengruppe, der DIHK und der Zentralverband des Deutschen Handwerks.

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