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Interview: „Dann hätten wir den gläsernen Beitragszahler“

Forderungen, das Problem der unterschiedlichen Lebenserwartungen über das Rentenversicherungssystem zu lösen, erteilt IW-Rentenexperte Jochen Pimpertz eine klare Absage. Die Verantwortung für ein gesundheitsbewusstes und möglichst langes Leben könne den Bürgern letztlich niemand abnehmen.

Kernaussagen in Kürze:
  • IW-Rentenexperte Jochen Pimpertz erteilt Forderungen, das Problem der unterschiedlichen Lebenserwartungen über das Rentenversicherungssystem zu lösen, eine klare Absage.
  • Zu den Argumenten von Pimpertz gehört, dass die für die Rentenversicherung maßgeblichen beitragspflichtigen Einkommen gar keine so eindeutige Korrelation mit der Lebenserwartung zeigten.
  • Aus der Sicht des IW-Experten ließe sich die Lebenserwartung grundsätzlich über Bildung und ein gesundheitsbewusstes Verhalten erhöhen. Hier sieht Pimpertz aber vor allem die Bürgerinnen und Bürger selbst in de Pflicht.
Zur detaillierten Fassung

Die je nach Einkommenshöhe und beruflicher Stellung unterschiedliche Lebenserwartung wird beim Renteneintrittsalter bislang nicht berücksichtigt. Muss das deutsche Rentensystem umgestaltet werden?

Die klare Antwort vorweg ist „Nein“. Zunächst ist daran zu erinnern, dass es ja für langjährig Versicherte mit 45 Beitragsjahren bereits die Möglichkeit gibt, vorzeitig ohne Abschläge in den Ruhestand zu gehen. Und davon profitieren vor allem Menschen, die nicht studiert, sondern sich beruflich aus- und weitergebildet haben. Insofern gibt es schon eine Differenzierung im System.

Jochen Pimpertz ist Leiter des Kompetenzfelds Öffentliche Finanzen, Soziale Sicherung, Verteilung im IW; Foto: IW Medien Wenn man nun die bisherige Regelung mit Blick auf die unterschiedliche Lebenserwartung verschiedener Bevölkerungsgruppen als ungerecht empfindet und Rentner mit bestimmten Erwerbsbiografien besserstellen will, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Man müsste entweder die jungen Beitragszahler – die aufgrund der demografischen Entwicklung ohnehin steigende Rentenbeiträge und ein künftig niedrigeres Rentenniveau zu erwarten haben – noch zusätzlich belasten oder anderen Rentenbeziehern etwas wegnehmen. Will man das?

Warum ist die gesetzliche Rentenversicherung nicht der geeignete Hebel für mehr Rentengerechtigkeit zwischen den Beschäftigtengruppen?

In der Rentenversicherung zählen allein die beitragspflichtigen Einkommen. Sie zeigen aber gar keine so eindeutige Korrelation mit der Lebenserwartung: Gerade am unteren Rand der Rentenberechtigten, die nach den gesammelten Entgeltpunkten sortiert werden, ist die Lebenserwartung sogar überdurchschnittlich hoch. Dabei geht es unter anderem um Menschen, die im Wesentlichen in Teilzeit gearbeitet haben, irgendwann in die Selbstständigkeit gegangen sind oder verbeamtet wurden. Sie haben dann, auch aufgrund ihres vermutlich eher höheren Bildungsniveaus, ein vergleichsweise hohes (Haushalts-)Einkommen erzielt und damit einhergehend eben oft auch eine relativ hohe Lebenserwartung.

Selbst wenn man die empfundenen Ungerechtigkeiten gezielt angehen wollte, müsste die Rentenversicherung über personenbezogene Informationen zur beruflichen Tätigkeit, zur Einkommenshöhe und zum familiären Hintergrund verfügen. Diese fehlen ihr nicht nur, deren Erhebung würde auch zum gläsernen Beitragszahler führen.

Was sollte die Politik denn stattdessen tun, damit Menschen mit körperlich und/oder psychisch belastenden Jobs ihren Ruhestand möglichst lange genießen können?

Was grundsätzlich die Lebenserwartung erhöht und damit die Rentenbezugsdauer, sind Bildung und ein gesundheitsbewusstes Verhalten. Hier ist schon viel passiert –etwa durch den stetig verbesserten Arbeitsschutz und das betriebliche Gesundheitsmanagement, die nicht zuletzt die Zahl der Arbeitsunfälle in den Betrieben kontinuierlich und deutlich gesenkt haben.

Am Ende liegt ein Gutteil der Verantwortung für ein gesundes Leben aber in den Händen der Bürgerinnen und Bürger selbst.

Wäre es – davon abgesehen – gesellschaftlicher Konsens, dass die Belastungen in bestimmten Berufen zu hoch sind, dann müssten auf gesamtgesellschaftlicher Ebene Lösungen gefunden werden, um den Betroffenen den Umstieg in andere Berufe zu erleichtern.

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