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Inflation der Einser-Abiture

Immer mehr junge Menschen in Deutschland legen ein Top-Abitur hin. Da stellt sich die Frage, ob das am steigenden Bildungsniveau oder an gesunkenen Anforderungen liegt. Die Antwort ist ziemlich eindeutig.

Kernaussagen in Kürze:
  • Hatten im Jahr 2006 deutschlandweit 14.999 Abiturienten einen Notenschnitt von 1,4 oder besser, waren es 2017 schon 27.748.
  • Wäre der starke Anstieg der Top-Abiturienten ein Zeichen für ein gestiegenes Bildungsniveau, müsste sich das auch in Leistungsvergleichen wie dem PISA-Test wiederfinden. Dem ist aber nicht so.
  • Da sich die Inflation der Einser-Abiturienten offenbar nicht mit einem Zuwachs an Kompetenz erklären lässt, ist die Bildungspolitik gefordert.
Zur detaillierten Fassung

Im Jahr 2008 forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Wir müssen die Bildungsrepublik Deutschland werden.“ Offenbar ist Merkels Ruf erhört worden: Hatten im Jahr 2006 nur knapp 38 Prozent der 20- bis 24-Jährigen die Hochschul- oder Fachhochschulreife, waren es 2017 bereits mehr als 53 Prozent. Dass immer mehr junge Menschen die gymnasiale Oberstufe durchlaufen, ist an sich positiv, denn Bildung ist – wie Merkel damals sagte – die Voraussetzung für Chancengleichheit und legt den Grundstein für bessere Arbeitsplätze und sozialen Aufstieg. Trotzdem muss – nicht zuletzt angesichts des bekannten Lehrermangels – gefragt werden, wie es sein kann, dass immer mehr Abiturienten mit Top-Noten abschließen: Hatten im Jahr 2006 deutschlandweit 14.999 Abiturienten einen Notenschnitt von 1,4 oder besser, waren es 2017 schon 27.748. Diese Inflation von guten Noten zeigt sich auch, wenn man die Zahl der Top-Abiturienten in Relation zur Bevölkerung im entsprechenden Alter setzt (Grafik): Im Jahr 2017 waren deutschlandweit 3,3 Prozent der Bevölkerung Abiturienten mit einer Abschlussnote von 1,4 und besser – fast doppelt so viele wie im Jahr 2006. So viel Prozent der Bevölkerung im entsprechenden Alter waren Abiturienten mit einer Abschlussnote von 1,4 und besser Die Einser-Quoten unterscheiden sich allerdings regional erheblich. Sie reichen von 1,9 Prozent der Bevölkerung in Niedersachsen bis zu 5,3 Prozent in Brandenburg und Thüringen.

Da sich die Inflation der Einser-Abiturienten offenbar nicht mit einem Zuwachs an Kompetenz erklären lässt, ist die Bildungspolitik gefordert.

Wäre der starke Anstieg der Top-Abiturienten ein Zeichen für ein gestiegenes Bildungsniveau, müsste sich das auch in Leistungsvergleichen wie dem PISA-Test wiederfinden. Doch dem ist nicht so: Der Anteil der 15-Jährigen in Deutschland, die das Höchstniveau (PISA-Stufe sechs) erreichen, ist von 2006 bis 2015 in Mathematik von 4,5 auf 2,9 Prozent gesunken und in den Naturwissenschaften mit 1,8 Prozent konstant geblieben. Da sich die Inflation der Einser-Abiturienten offenbar nicht mit einem Zuwachs an Kompetenz erklären lässt, ist die Bildungspolitik gefordert. Vor allem aufgrund der großen Unterschiede zwischen den Bundesländern sollte sie die Abiturprüfungen bundesweit so weit vereinheitlichen, dass sie dasselbe Leistungsniveau dokumentieren. Dabei gilt es darauf zu achten, dass die Anforderungen an die Abiturienten nicht weiter sinken.

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