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„Der Lehrermangel trifft vor allem die Benachteiligten“

Weil die Bundesländer schlecht planen, gibt es deutschlandweit zu wenige Lehrer. Doch nicht alle Kinder und Jugendlichen sind von diesem Mangel gleichermaßen betroffen, weiß IW-Bildungsexpertin Ruth Maria Schüler.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der heutige Lehrermangel in Deutschland ist hauptsächlich auf die unzureichende Planung der Bundesländer zurückzuführen, sagt IW-Bildungsexpertin Ruth Maria Schüler.
  • Lehrer fehlen vor allem an Grundschulen, Haupt- und Realschulen sowie an Förderschulen und somit dort, wo Schüler besonders gefördert werden sollten.
  • Allgemein braucht es eine bessere Planung und eine gesteigerte Attraktivität des Lehramts an Grundschulen, Haupt- und Realschulen, Berufsschulen und Förderschulen, um dem Lehrermangel entgegenzuwirken.
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Und wieder fehlen Lehrer. Das Phänomen ist altbekannt und sollte niemanden überraschen, denn die Bundesländer stehen regelmäßig vor diesem Problem: nämlich immer dann, wenn jene Generation Lehrer in den Ruhestand geht, die wegen eines Lehrermangels zuvor eingestellt wurde. Dabei sollten sich Schülerzahlen und Pensionierungen anhand von Geburtenzahlen und der Altersstruktur der Lehrer gut prognostizieren lassen.

Natürlich sind Ereignisse wie der Zuzug von einer Million Geflüchteter und damit auch von Tausenden schulpflichtigen Kindern in den Jahren 2015/2016 schwer vorhersehbar, aber das ist nicht die Ursache für den heutigen Lehrermangel. Diese liegt vielmehr in einer unzureichenden Planung der Bundesländer.

Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf brauchen eine umfassende pädagogische Qualifizierung und vor allem eine berufliche Perspektive

Dabei trifft der Lehrermangel besonders jene Schüler, die von Beginn an mit einem Nachteil in ihre Schullaufbahn starten. So ist der Lehrermangel an Grundschulen besonders groß – also gerade da, wo familiär bedingte Unterschiede noch am ehesten aufgefangen werden könnten. Und so zieht sich der Lehrermangel durch die gesamte Schullaufbahn dieser Kinder: Lehrer fehlen nämlich nicht an Gymnasien, sondern vor allem an Haupt- und Realschulen sowie an Förderschulen. Schaffen es diese Schüler dann trotz Unterrichtsausfall, Betreuung durch nicht qualifizierte Lehrkräfte und anderer kreativer Methoden, dem Lehrermangel entgegenzuwirken, zum Schulabschluss, sehen sie sich an den Berufsschulen dem nächsten Lehrermangel gegenüber.

Ruth Maria Schüler ist Econimist im Fachbereich Bildung im Institut der deutschen Wirtschaft; Foto: IW Medien Eine schnelle Lösung für den Lehrermangel scheinen die Bundesländer in der Einstellung von Seiteneinsteigern gefunden zu haben, das sind Akademiker ohne ein grundständiges Lehramtsstudium. Doch auch hier belegt eine Studie der Bertelsmann Stiftung beispielhaft für Berliner Grundschulen, dass Seiteneinsteiger ausschließlich an sogenannten Brennpunktschulen eingesetzt werden. Das zeigt, dass auch innerhalb einer Schulform ausgerechnet jene Schüler am meisten vom Lehrermangel betroffen sind, die guten Unterricht besonders nötig hätten.

Natürlich kann auch ein Seiteneinsteiger ein kompetenter Lehrer sein und guten Unterricht gestalten, aber dafür müssen die notwendigen Bedingungen geschaffen werden: So brauchen Seiteneinsteiger eine umfassende pädagogische Qualifizierung und vor allem eine berufliche Perspektive.

Insgesamt muss es neben einer besseren Planung des Lehrerbedarfs gelingen, die Attraktivität des Lehramts an Grundschulen, Haupt- und Realschulen, Berufsschulen und Förderschulen zu steigern – denn deren Schüler von heute sind die Fachkräfte von morgen.

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