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Fluktuation: Starke Wirtschaft führt zu mehr Jobwechseln

Generell nimmt die Fluktuation der Mitarbeiter dann zu, wenn die Lage am Arbeitsmarkt gut ist. Dies bekamen die Unternehmen in den vergangenen Jahren deutlich zu spüren. Wie viele Stellen innerhalb eines Jahres neu besetzt werden müssen, unterscheidet sich allerdings auch von Branche zu Branche erheblich.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die gute Lage am Arbeitsmarkt hat als Nebeneffekt eine relativ hohe Fluktuationsrate: Im Jahr 2017 wechselten rechnerisch gut 32 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten den Job.
  • Am höchsten war die Fluktuation mit fast 120 Prozent in der Arbeitnehmerüberlassung: In Zeitarbeitsfirmen beträgt die durchschnittliche Beschäftigungsdauer somit weniger als ein Jahr.
  • Allgemein wechseln junge Menschen häufiger den Arbeitsplatz als Ältere, Ungelernte sowie Akademiker häufiger als Fachkräfte mit Berufsabschluss und ausländische Staatsbürger häufiger als Deutsche.
Zur detaillierten Fassung

Ende Juni 2018 waren in Deutschland fast 33 Millionen Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt und die Arbeitslosenquote betrug im August nur noch 5,2 Prozent. Damit steht der deutsche Arbeitsmarkt weiterhin so gut da wie noch nie seit der Wiedervereinigung (Grafik). Arbeitslosenzahlen und Arbeitslosenquote 2017 und 2018 im Monatsvergleich

Für Arbeitnehmer und Jobsuchende ist das eine komfortable Situation – das Entlassungsrisiko ist gering und das Arbeitsplatzangebot groß. Für die Unternehmen jedoch wird es immer schwieriger, offene Stellen adäquat zu besetzen, weil die Auswahl an Bewerbern immer kleiner wird. Erschwerend kommt die hohe Fluktuation hinzu:

Im Jahr 2017 mussten rechnerisch gut 32 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Stellen in Deutschland neu besetzt werden. Fluktuationsquote im Jahr 2017

Genau genommen wäre die Fluktuationsquote der Anteil jener Stellen, auf denen innerhalb eines Jahres ein Mitarbeiterwechsel stattfindet. Allerdings wird dieser Sachverhalt statistisch nicht erhoben, deshalb muss die Fluktuation näherungsweise berechnet werden: Sie ergibt sich aus dem Durchschnitt aus neu geschlossenen und beendeten Arbeitsverhältnissen, der in Relation zum Bestand an Beschäftigungsverhältnissen gesetzt wird.

So gemessen haben die Mitarbeiterwechsel in letzter Zeit spürbar zugenommen. Die Fluktuationsrate kletterte von 27,5 Prozent im Jahr 2011 auf 31,0 Prozent 2015. Das Jahr 2017 lässt sich damit wegen einer Umstellung in der Statistik zwar nicht eins zu eins vergleichen, die aktuellen Werte zeigen aber, in welchen Branchen und bei welchen Arbeitnehmern Jobwechsel besonders häufig sind.

Wo die Fluktuation hoch ist

Zeitarbeit. In der Arbeitnehmerüberlassung kommen auf zehn Stellen im Schnitt fast zwölf neu geschlossene beziehungsweise beendete Beschäftigungsverhältnisse (Grafik). Das bedeutet im Umkehrschluss: Die durchschnittliche Beschäftigungsdauer eines Mitarbeiters in der Zeitarbeit beträgt weniger als ein Jahr – rein rechnerisch wechseln die Zeitarbeitsfirmen ihr Personal binnen eines Jahres mehr als einmal komplett aus. Dies verdeutlicht, dass die Zeitarbeit ihre Funktion als Sprungbrett in andere Branchen erfüllt. Fluktuationsquote in einzelnen Branchen im Jahr 2017

Rein rechnerisch wechseln die Zeitarbeitsfirmen ihr Personal binnen eines Jahres mehr als einmal komplett aus – die Zeitarbeit erfüllt somit ihre Funktion als Sprungbrett in andere Branchen.

In der Landwirtschaft und im Gastgewerbe ist die Fluktuation ebenfalls überdurchschnittlich hoch. Dies hängt nicht nur, aber auch damit zusammen, dass das Geschäft in beiden Bereichen jahreszeitlich geprägt ist und folglich viele Saisonkräfte beschäftigt werden.

Das entgegengesetzte Bild bietet die öffentliche Verwaltung: Dort fand 2017 gerade einmal auf jeder achten Stelle ein Mitarbeiterwechsel statt. Ähnlich auf Dauer angelegt sind die Arbeitsverhältnisse bei Banken und Versicherungen mit einer Fluktuation von knapp 15 Prozent und im Verarbeitenden Gewerbe mit etwas weniger als 19 Prozent.

Junge und Ältere. Auffallend hoch ist die Fluktuationsrate bei den ganz jungen und den ganz alten Mitarbeitern mit 76 beziehungsweise 56 Prozent (Grafik). Die Erklärung dafür ist einfach: Die unter 25-Jährigen steigen erst ins Berufsleben ein, in diesem Alter werden also viele Arbeitsverträge neu geschlossen und auch Jobwechsel kommen häufiger vor. Die über 65-Jährigen dagegen gehen nach und nach in den Ruhestand, Stellenwechsel im strengen Sinn betreffen sie kaum.

Im klassischen erwerbsfähigen Alter zwischen 25 und 65 Jahren ist die Fluktuation insgesamt wesentlich niedriger – wer über 55 Jahre alt ist, wechselt den Job aber besonders selten.

Ausländische Staatsbürger. Zwei von drei sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit ausländischem Pass haben im Jahr 2017 ihren Arbeitsvertrag beendet und/oder einen neuen abgeschlossen. Damit kommen Jobwechsel bei Ausländern mehr als doppelt so häufig vor wie bei Menschen mit deutschem Pass. Ein Grund dafür ist, dass Ausländer oft in Branchen mit hoher Fluktuation arbeiten, etwa im Gastgewerbe und in der Landwirtschaft.

Ungelernte. Menschen ohne Berufsausbildung üben oft Helfertätigkeiten aus, die einfach zu erlernen sind, für die sich wegen der wenig spezifischen Kenntnisse im Fall von Kündigungen aber auch schnell neues Personal finden lässt. Davon zeugt eine Fluktuationsrate von gut 56 Prozent in Aushilfsjobs.

Gelernte Fachkräfte dagegen sind ihrem Arbeitgeber sogar etwas treuer als die akademisch ausgebildeten. Ausgemachte Experten wechseln auch deshalb häufiger die Stelle als Beschäftigte, die auf Spezialisten- oder Fachkraftniveau arbeiten, weil das Erklimmen der Karriereleiter vielfach mit mehr als einem Arbeitsplatzwechsel verbunden ist. Eine Rolle für die höhere Fluktuationsquote auf der obersten Qualifikationsstufe spielt aber auch die Befristung von wissenschaftlichen Stellen (siehe „Befristungen: Das eingebildete Problem“).

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