Einkommensverteilung 16.02.2017 Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Die Vermessung der Mitte

Die Mittelschicht erodiert, lautet eine These in der aktuellen Verteilungsdiskussion. Doch so pauschal stimmt das nicht, hat das IW Köln in einer Studie herausgefunden. Allerdings erreichen bestimmte Menschen mit höherer Wahrscheinlichkeit die Mitte als andere.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Mittelschicht gilt in Deutschland als tragende Säule der Gesellschaft, wird aber von Abstiegsängsten geplagt.
  • Laut einer Analyse des IW Köln gehören heute je nach Abgrenzung zwischen knapp 50 und 80 Prozent der Bundesbürger zur Mittelschicht.
  • Während das Gros der Facharbeiter zur eng gefassten Mitte zählt, finden sich Beamte und Pensionäre eher in der oberen Mitte oder unter den Reichen wieder, Arbeitslose dagegen sind meistenteils arm.
Zur detaillierten Fassung

„Die Krise der Mittelschicht ist eines der beherrschenden Themen beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos“, schrieb Mitte Januar die „Süddeutsche Zeitung“. Und „stern.de“ rätselte vor kurzem: „Ist die Mittelschicht eine Illusion?“ Die Verteilungsforscher aus dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln versuchen, diese Frage zu beantworten, indem sie genau hinschauen.

Je nach Abgrenzung gehören knapp 50 bis 80 Prozent der Bundesbürger der Mittelschicht an.

Der erste Schritt zu differenzierten Erkenntnissen ist, die deutsche Bevölkerung nicht einfach in Arm, Mitte und Reich einzuteilen, sondern fünf Schichten zu bilden. Zwar ist das Einkommen nicht das einzige Kriterium, an dem sich die Zugehörigkeit eines Menschen zu einer Schicht festmacht – Bildung und Werte beispielsweise spielen auch eine Rolle. Dennoch ist das Geld in der Verteilungsdiskussion der ausschlaggebende Faktor. Deshalb wird die Schichtenabgrenzung anhand der Relationen zum Medianeinkommen vorgenommen, das für einen Single im Jahr 2014 monatlich 1.758 Euro netto betrug (Grafik):

Die klassische Mittelschicht umfasst Einkommen von 80 bis 150 Prozent des Medians. Zur unteren Mitte gehören alle, die über mehr als 60 Prozent des Medianeinkommens verfügen, und die obere Mitte endet beim Zweieinhalbfachen. Daran gemessen, ist Deutschland nach wie vor eindeutig eine Mittelschichtsgesellschaft (Grafik):

Knapp 48 Prozent der Bundesbürger gehören zur Mitte im engen Sinn – nimmt man die obere und untere Mitte dazu, sind es sogar 80 Prozent.

Wer diese Mitte repräsentiert, erfährt man, wenn man sich die soziodemografischen Merkmale genauer anschaut. So zählen Alleinerziehende eher selten zur Mittelschicht: Rund 38 Prozent von ihnen gehören zu den relativ Armen und weitere 25 Prozent zur unteren Mitte. Ähnliches gilt für die unter 25-Jährigen und für Menschen mit niedrigem Bildungsstand: Unter ihnen finden sich im Vergleich zur Gesamtbevölkerung wenig Mittelschichtler – und noch weniger Oberschichtler.

Mitte oder nicht – auch eine Frage der Berufsgruppe

Aufschlussreich ist auch die Analyse nach Berufsgruppen. Demnach verläuft die Grenze zur Mittelschicht längst nicht mehr an der sogenannten Kragenlinie, die einstmals Arbeiter von Angestellten trennte. Im Gegenteil:

Fast 70 Prozent der Facharbeiter, Vorarbeiter und Meister gehören zur Mittelschicht.

Nach oben abgesetzt haben sich im Wesentlichen drei Gruppen, die damit keine typischen Vertreter der Mitte im engen Sinn mehr sind. Dazu zählen vor allem die 6,3 Millionen hochqualifizierten Angestellten. Von ihnen ist mehr als die Hälfte der oberen Mitte oder den Einkommensreichen zuzurechnen – während dies in der Gesamtbevölkerung nur auf jeden Fünften zutrifft.

Rentner gehören eher zur unteren Mitte – Pensionäre zur oberen.

Die zweitgrößte Gruppe sind die Selbstständigen – und das gilt sogar für Solo-Selbstständige und Freiberufler ohne Mitarbeiter: Mehr als 28 Prozent von ihnen gehören der oberen Mitte an und 15,5 Prozent sind sogar reich. Selbstständige müssen allerdings auch Altersvorsorge und Krankenversicherung aus ihrem Einkommen bestreiten.

Die dritte Gruppe sind die Beamten – einschließlich der ehemaligen:

41 Prozent der Pensionäre zählen zur oberen Mitte – und jeder zehnte zu den Reichen.

Nach unten aus der Mittelschichtsgesellschaft hinaus fallen vor allem Arbeitslose: 58 Prozent von ihnen sind armutsgefährdet. Damit ist Arbeitslosigkeit das Abstiegs- und Armutsrisiko schlechthin.

Aus IW-Trends 1/2017

Judith Niehues: Die Mittelschicht in Deutschland – Vielschichtig und stabil

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