Vermögensverteilung in Deutschland und Europa
In Deutschland beträgt das durchschnittliche Vermögen der Haushalte mit rund 450.000 Euro mehr als in Frankreich, aber weniger als in Belgien oder Luxemburg. Im Vergleich zu den drei Nachbarstaaten ist das Vermögen in der Bundesrepublik allerdings ungleicher verteilt.
- In der Slowakei herrschte zuletzt mit einem Gini-Koeffizienten von 55,5 die EU-weit geringste Vermögensungleichheit, in Schweden war sie mit einem Wert von 87,4 am höchsten.
- Deutschland zählte mit einem Wert von 76,4 zu den EU-Staaten mit einer vergleichsweise hohen Vermögensungleichheit.
- In der Bundesrepublik trägt insbesondere der seltene Besitz von Wohneigentum in den unteren Vermögensgruppen wesentlich zur Vermögensungleichheit bei.
Wenn es um das Thema Wohlstand geht, steht die Verteilung der Vermögen in Deutschland regelmäßig im Zentrum hitziger Debatten. Im April 2026 nahmen 81 Prozent der Bundesbürger die Vermögensverteilung im Land als ungerecht wahr und sahen deshalb die Politik am Zug.
Aber was zählt eigentlich alles zum Vermögen? Und ist es in Deutschland tatsächlich besonders ungerecht verteilt? Neben Immobilien, Anleihen, Aktien, Fonds sowie Spar- und Sichtguthaben gehören auch Guthaben in privaten Rentenversicherungen sowie Wertgegenstände und Fahrzeuge zum Bruttovermögen. Der Nettowert von Betriebsvermögen – immerhin rund jeder zwölfte Haushalt in Deutschland verfügt über diese Art von Kapital – fließt ebenfalls mit in die Vermögensbilanz ein. Zieht man nun Hypotheken und Kredite von den Bruttovermögenswerten ab, erhält man das Nettovermögen.
Die Niederlande, Österreich, Tschechien und Deutschland zählen zu den Staaten mit einer vergleichsweise hohen Vermögensungleichheit – mit Ausnahme Tschechiens handelt es sich hierbei um etablierte westeuropäische Wohlfahrtsstaaten mit hohem Lebensstandard.
Der Vergleich mit anderen EU-Staaten zeigt, dass Deutschland in puncto Haushaltsnettovermögen zwar nicht ganz vorne, aber doch auf den ersten Plätzen liegt (Grafik):
Im Jahr 2024 verfügten die Haushalte in der Bundesrepublik im Schnitt über gut 450.000 Euro, das reichte im Ranking der Eurostaaten für Platz sechs.
Angeführt wird die Vermögensliste von Luxemburg mit einem Durchschnittsvermögen von knapp 1,5 Millionen Euro. Auch das Medianvermögen lag dort mit rund 750.000 Euro – die Hälfte aller Luxemburger Haushalte verfügte also über ein höheres Nettovermögen – deutlich über dem Niveau der übrigen betrachteten Länder. Das Medianvermögen in Deutschland betrug gut 120.000 Euro und bewegte sich damit eher im unteren Mittelfeld der Eurostaaten.
Inflationsbereinigt ist das Medianvermögen in Deutschland seit 2011 um fast 60 Prozent gestiegen
Anders als in vielen anderen EU-Ländern haben sich in Deutschland jedoch die realen Medianvermögen in den vergangenen 15 Jahren erfreulich entwickelt: Von 2011 bis 2025 wuchs das Medianvermögen inflationsbereinigt um knapp 60 Prozent, lediglich Malta verzeichnete mit 66 Prozent einen noch stärkeren realen Vermögensanstieg. Österreich erzielte ein Plus von 48 Prozent, in Finnland und Frankreich stagnierten die Zahlen. Und in Griechenland sowie in Italien lagen die realen Vermögen zuletzt sogar merklich unter dem inflationsbereinigten Niveau von 2011.
So weit die absoluten Werte. Wie gleich oder ungleich die Vermögen innerhalb eines Landes verteilt sind, steht auf einem anderen Blatt. Aufschluss darüber gibt der Gini-Koeffizient, der den Grad der relativen Ungleichheit der Vermögensverteilung misst. Bei einem Wert von null würden alle Haushalte in einem Land über das gleiche Vermögen verfügen, ein steigender Gini-Koeffizient zeigt eine zunehmend ungleiche Verteilung an. Der Indikator variiert innerhalb der EU-Staaten erheblich (Grafik):
In der Slowakei herrschte zuletzt mit einem Gini-Koeffizienten von 55,5 die EU-weit geringste Vermögensungleichheit, in Schweden war sie mit einem Wert von 87,4 am höchsten.
Die Niederlande, Österreich, Tschechien und Deutschland zählten mit Werten zwischen 75 und 80 zu den Staaten mit einer vergleichsweise hohen Vermögensungleichheit. Auffällig hierbei ist, dass es sich mit Ausnahme Tschechiens um etablierte westeuropäische Wohlfahrtsstaaten mit hohem Lebensstandard handelt. Eine mögliche Erklärung für die höhere Vermögensungleichheit in diesen Ländern ist, dass ein gut ausgebauter Sozialstaat typischerweise höhere Steuern und Sozialversicherungsabgaben verlangt, die zur Finanzierung der sozialen Leistungen erforderlich sind, und sich dadurch sowohl die Notwendigkeit als auch der finanzielle Spielraum der Haushalte für den Aufbau privater Vermögen reduziert. Gleichzeitig fließen Ansprüche gegenüber den gesetzlichen Sozialversicherungssystemen nicht in die konventionelle Vermögensmessung ein, sodass die Ungleichheit überschätzt wird. Eine erhöhte Vermögensungleichheit muss also nicht automatisch ein Gerechtigkeitsdefizit bedeuten.
Immobilienbesitz entscheidender Faktor für die Vermögensverteilung
Innerhalb der EU variiert nicht nur die Verteilung der Vermögen, sondern auch deren Zusammensetzung. Zwar sind Immobilienvermögen in allen Staaten der Eurozone die bedeutendste Komponente des Bruttovermögens der Haushalte, doch auf Malta, in der Slowakei und in Lettland kommt ihnen mit jeweils rund 70 Prozent eine besonders große Bedeutung zu. In Österreich machen Immobilien 55 Prozent des Bruttovermögens aus, in Deutschland 58 Prozent. Ein Abgleich dieser Werte mit den Gini-Koeffizienten der genannten Länder legt den Schluss nahe, dass eine höhere Wohneigentumsquote tendenziell mit einer geringeren Vermögensungleichheit einhergeht.
Um die vergleichsweise hohe Ungleichheit in Deutschland zu reduzieren, sollte die Politik den Vermögensaufbau in den unteren und mittleren Vermögensgruppen stärken. Neben guten Rahmenbedingungen für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum, das breite Einkommenszuwächse ermöglicht und Spielraum fürs Sparen schafft, wären auch niedrigere Erwerbsnebenkosten beim Kauf einer selbst genutzten Immobilie förderlich – schließlich trägt insbesondere der seltene Besitz von Wohneigentum in den unteren Vermögensgruppen wesentlich zur Vermögensungleichheit bei.