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„Die Vereinigten Staaten sind Europas wichtigster Partner“

Die Beziehungen Deutschlands und der Europäischen Union zu den USA waren schon mal inniger. Dabei gibt es in der amerikanischen Bevölkerung eine große Wertschätzung gegenüber der Bundesrepublik, sagt Sigmar Gabriel, Ex-Außenminister und Vorsitzender der Atlantik-Brücke. Von der US-Präsidentenwahl im November verspricht er sich dagegen wenig freundschaftsbelebende Akzente.

Kernaussagen in Kürze:
  • Sigmar Gabriel, Ex-Außenminister und Vorsitzender der Atlantik-Brücke, befürchtet, dass sich die transatlantischen Beziehungen auch nach der US-Präsidentenwahl nicht wesentlich verbessern werden - selbst dann nicht, wenn Donald Trump im Herbst abgelöst werden sollte.
  • Die beiden Großmächte USA und China ringen um die Weltordnung. Deshalb komme es laut Gabriel umso mehr darauf an, dass Europa zusammenhalte.
  • Gabriel will dafür sorgen, dass die Atlantik-Brücke in Deutschland aktiver wird und dass verstärkt europäische Partner aus der Politik, der Wirtschaft sowie aus NGOs und Thinktanks eingebunden werden.
Zur detaillierten Fassung

Wissen Sie schon, wo Sie am 3. November, dem Tag der US-Wahl, sein werden?

Sehr wahrscheinlich werde ich in Deutschland sein, auf der Wahlparty der Atlantik-Brücke.

Und für welchen Kandidaten drücken Sie die Daumen?

Dass wir in Deutschland nicht der Meinung sind, dass die aktuelle amerikanische Administration die richtige Politik macht, ist ja bekannt. Trotzdem halte ich nicht viel davon, sich aus dem Ausland mit lauter Stimme in andere, demokratische Wahlen einzumischen. Das würden wir uns als Deutsche auch verbitten.

Welches Wahlergebnis wäre denn für Europa wünschenswert?

Gut für Europa wäre ein amerikanischer Präsident, der Europa nicht als Gegner sieht, sondern als Partner, als Alliierten, von mir aus auch als Wettbewerber. Das tut der amerikanische Präsident derzeit nicht und das macht es so schwer.

Unabhängig davon, ob Donald Trump im November wiedergewählt wird oder nicht: Was passiert nach Trump? Spätestens 2024 ist seine Ära zu Ende.

Bis dahin vergeht noch ziemlich viel Zeit. Meine große Sorge ist, dass die bevorstehende Wahl Probleme mit sich bringt – und zwar egal, wie sie ausgeht. Ich glaube, es wird ein knappes Rennen zwischen Republikanern und Demokraten. Und das birgt die Gefahr, dass beide Seiten das Wahlergebnis nicht akzeptieren.

Gut für Europa wäre ein amerikanischer Präsident, der Europa nicht als Gegner sieht, sondern als Partner, als Alliierten. Das tut der amerikanische Präsident derzeit nicht und das macht es so schwer.

Das amerikanische Wahlsystem lässt zu, dass – wie schon beim letzten Mal – jemand Präsident wird, der zwar nicht die Mehrheit der Stimmen bekommt, aber die Mehrheit der Wahlmänner und -frauen. Ich sehe die große Gefahr, dass die Legitimität der Wahl angezweifelt wird – sowohl, wenn Trump gewinnt, als auch, wenn er verliert. Das führt dazu, dass sich Amerika nach der Wahl weiter mit sich selbst beschäftigt und seine Außenpolitik, wie heute schon, Reflex der innenpolitischen Auseinandersetzung bleibt. Und das ist für eine Großmacht ein Problem.

Wenn Sie auf Ihre Erfahrungen als Vorsitzender der Atlantik-Brücke blicken: Ist denn die Stimmung zwischen Deutschland und den USA auf der Arbeitsebene besser?

Auch die offiziellen Gespräche sind ja in der Regel nicht von großer Unfreundlichkeit geprägt. Es gibt harte Auseinandersetzungen, die etwas damit zu tun haben, dass deutsche und europäische Interessen anders gelagert sind als die derzeitigen amerikanischen.

Wir laufen hinein in eine Konfrontation, in der die beiden großen Mächte USA und China um die Weltordnung ringen.

Was ich wirklich angenehm finde bei meinen Aufenthalten in den Vereinigten Staaten, ist die Wertschätzung Deutschlands und Europas in der amerikanischen Bevölkerung. Es gibt die paradoxe Lage, dass die deutsche Beurteilung Amerikas noch nie so schlecht war wie heute – und die amerikanische Beurteilung Deutschlands in der Bevölkerung noch nie so gut. Wir dürfen nicht den Fehler machen, Trump gleichzusetzen mit Amerika. Sigmar Gabriel ist Ex-Außenminister und Vorsitzender der Atlantik-Brücke; Foto: IW Medien

Was denken Sie: Wie lange werden die USA noch Großmacht sein?

Wir laufen auf jeden Fall hinein in eine Konfrontation, in der die beiden großen Mächte USA und China um die Weltordnung ringen. Und es wird sehr darauf ankommen, dass wir Europäer zusammenhalten, damit wir in diesem Spiel auch eine Stimme haben.

Wie schätzen Sie die Chancen – Stichwort Brexit – dafür ein, dass Europa diese Einheit wiederherstellen kann?

Natürlich sehe ich diese Chance, aber dafür wird man Zeit, Kraft und Ideenreichtum investieren müssen, übrigens auch Geld. Das hat auch etwas mit der Frage zu tun, wie sich Deutschland verhält: Wir haben in den vergangenen zwei Jahren die Franzosen und ihren Präsidenten ziemlich allein gelassen, was in Frankreich zu großer Frustration und auch zu Alleingängen geführt hat. So etwas darf man nicht machen.

Wie sind Sie zur Atlantik-Brücke gekommen?

Ich bin dort seit vielen Jahren Mitglied. Im vergangenen Jahr hat mich der damalige Vorsitzende Friedrich Merz gefragt, ob ich Interesse hätte, seine Nachfolge anzutreten.

Gerade jetzt, wo das deutsch-amerikanische Verhältnis so schwierig ist, ist die Arbeit der Atlantik-Brücke besonders wichtig. Selbst ein geeintes Europa wird in der Welt von morgen zu klein sein – es wird immer Partner benötigen und die Vereinigten Staaten sind ein Partner. Sie sind der wichtigste Partner, den wir haben.

Und was haben Sie persönlich in der Atlantik-Brücke zu einem besseren deutsch-amerikanischen Verhältnis beigetragen?

Das kann ich selbst schwer beantworten. Aber ich habe mir drei Dinge vorgenommen: Erstens möchte ich, dass die Atlantik-Brücke in Deutschland aktiver wird. Es gibt viel zu tun für das Verständnis Amerikas in Deutschland. Zweitens müssen wir uns klar darüber werden, dass Amerika nicht so bleiben wird, wie es unter Donald Trump ist, aber es wird auch nie wieder so werden, wie es mal war. In einigen Jahren wird die Mehrzahl der Amerikaner keine europäischen Wurzeln mehr haben, sondern lateinamerikanische, asiatische, afrikanische. Und dieses Amerika von morgen kennen wir gar nicht. Wir sind – von einigen Ausnahmen abgesehen — gewohnt, mit dem klassischen, europäischstämmigen, weißen Establishment zu arbeiten.

Drittens muss sich die Atlantik-Brücke europäisieren oder zumindest europäische Partner finden. Ich denke dabei an Thinktanks, NGOs, aber auch an Vertreter aus Politik und vor allem auch aus der Wirtschaft.

Die Atlantik-Brücke

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