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„Italiener schmeißen das Geld nicht zum Fenster raus“

Italiens Wirtschaft ist eng verwoben mit der EU, allein 4.000 italienische Unternehmen sind an deutschen Firmen beteiligt. Warum Italien trotz seiner aktuellen politischen Probleme ein attraktiver Wirtschaftspartner ist, erläutert Jörg Buck, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutsch-Italienischen Handelskammer.

Kernaussagen in Kürze:
  • Jörg Buck, Vorstandsmitglied der Deutsch-Italienischen Handelskammer, relativiert im Interview die Besorgnis über die Lage in Italien. Der Haushaltsentwurf halte immerhin noch die Maastricht-Schwelle ein, zudem habe Italien alle Reformvorgaben aus Brüssel erfüllt.
  • Italien ist 2018 Deutschlands fünftwichtigster Handelspartner. Für unternehmerische Investitionen in Italien spricht laut Buck vor allem die hervorragend aufgestellte Zulieferindustrie.
  • Angst vor einem Austritt Italiens aus der Eurozone oder der EU hat Buck nicht: Selbst den regierenden Populisten sei klar, wie eng verwoben Italien mit der EU ist.
Zur detaillierten Fassung

Italiens Außenhandel mit Deutschland und der EU wächst seit Jahren. Aus unternehmerischer Sicht ist der umstrittene Haushaltsentwurf Italiens eigentlich begrüßenswert, schließlich tragen die höheren Ausgaben dazu bei, dass weiter fleißig im- und exportiert werden kann, oder? Ja, die Handelspartnerschaft Italiens mit der EU ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen und wir erwarten für 2018 wieder einen neuen Rekordwert. Für Deutschland wird Italien 2018 der fünftwichtigste Handelspartner sein. Mit den Größenordnungen des italienischen Haushaltsentwurfs habe ich grundsätzlich kein Problem, schließlich bleibt die Neuverschuldungsquote mit 2,4 Prozent unterhalb der Maastricht-Schwelle, der Primärhaushalt ist sogar positiv. Sehr kritisch sehe ich allerdings, dass die Haushaltsmittel kaum in Zukunftsinvestitionen wie die Digitalisierung fließen sollen, sondern vor allem in die soziale Absicherung. Trotzdem gibt es Ärger mit der EU, weil der Schuldenstand Italiens insgesamt einfach viel zu hoch wird aufgrund dieses Haushaltsentwurfs. Diese Schulden wurden vor allem in den 1990er Jahren angesammelt. Viele Europäer denken, die Italiener würden das Geld zum Fenster rausschmeißen. Aber dieses Bild stimmt nicht. Seit 2011 hat Italien alle Brüsseler Vorgaben und Reformmaßgaben eingehalten.

Jörg Buck ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutsch-Italienischen Handelskammer; Foto: AHK Italien Was ist die Lösung?

Für das Überschuldungsproblem brauchen wir eine europäische Lösung. Das muss zwischen Italien und der EU-Kommission gemanagt werden.

In puncto Geschäftsfreundlichkeit schneidet Italien im Doing-Business-Index der Weltbank schlechter ab als Russland und Ruanda. Warum sollten deutsche Unternehmen dennoch in Italien investieren? Weil es in Italien eine hervorragend aufgestellte und funktionierende Zuliefererstruktur gibt. Italien ist wie Deutschland ein Industrieland, zu dessen wichtigsten Branchen der Maschinenbau, die Elektrotechnik, die Pharmaindustrie sowie die Luft- und Raumfahrt zählen. Es gibt rund 2.100 deutsche Unternehmen, die mit mindestens 50 Prozent an einem italienischen Unternehmen beteiligt sind.

Es gibt in Italien eine hervorragend aufgestellte und funktionierende Zuliefererstruktur.

Und umgekehrt? Deutschland ist für Italien ein interessanter Markt, da sich die Zielmärkte ideal ergänzen. Aktuell sind ungefähr 4.000 italienische Unternehmen an deutschen Betrieben beteiligt. Viele italienische Firmen nutzen den deutschen Standort, um von dort aus neue Märkte, beispielsweise in Skandinavien, zu erschließen. Im schlimmsten Fall endet der Haushaltsstreit damit, dass Italien die Eurozone oder gar die EU verlässt. Wie wahrscheinlich ist das? Das ist kein realistisches Szenario, Italien ist nicht Griechenland. Erstens wissen auch die Populisten, die jetzt in Rom regieren, wie eng verwoben Italien mit Europa ist. Selbst die Fünf-Sterne-Bewegung will keinen Austritt Italiens aus der EU. Und zweitens sind auch die Italiener selbst von Europa überzeugt: Sie trauen den EU-Institutionen nämlich mehr zu als der eigenen Politik.

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