Bruttoinlandsprodukt Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Der Wohlstandseffekt der Hauptstadt

Zwischen London und dem Rest Großbritanniens klafft eine große Wohlstandskluft. Ähnlich sieht es auch in vielen anderen EU-Ländern aus – mit einer Ausnahme.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die meisten Bewohner des Stadtteils City of London haben gegen den Brexit gestimmt – wohl auch, weil ihr Wohlstand viel größer ist als der im restlichen Großbritannien.
  • Ein ähnliches Gefälle beim Bruttoinlandsprodukt je Einwohner besteht auch in vielen anderen EU-Ländern.
  • Nur Deutschland sticht heraus: Hier spielt die Hauptstadt Berlin keine besondere wirtschaftliche Rolle.
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Nicht alle Briten haben für den Brexit gestimmt. Die Bewohner des Londoner Stadtteils City of London plädierten mit einer großer Mehrheit von 75 Prozent und hoher Wahlbeteiligung für den Verbleib des Königreichs in der Europäischen Union.

Was unterscheidet die City of London vom Rest des Landes – oder vielmehr: Was unterscheidet Großbritannien von seiner Hauptstadt? Die Briten haben dazu eine klare Meinung, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov ergab: Sie halten London für überlaufen, zu teuer, schlicht für keinen guten Ort, um dort mit seiner Familie zu leben. Für die wirtschaftliche Lage ihrer Heimatregion spiele die Stärke der Hauptstadt zwar keine Rolle, sagen sie, dennoch denken die meisten Befragten, dass die britische Wirtschaft insgesamt von der Finanzbranche in der Londoner City profitiert. Und dieser Eindruck täuscht nicht (Grafik):

Wenn man London und seine Einwohner ausklammert, verringert sich das durchschnittliche Bruttoinlands­produkt (BIP) je Einwohner im Vereinigten Königreich für 2014 um 11 Prozent.

Fast jedes vierte Pfund des britischen BIP wurde in London verdient. Mit dieser wirtschaftlichen Übermacht ist die Kapitale an der Themse zwar ein auffallendes Beispiel, sie steht unter Europas Hauptstädten aber nicht allein da.

London, Paris, Athen – ohne Hauptstadt schrumpft das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner im jeweiligen Land kräftig.

Noch dominanter ist zum Beispiel Athen für Griechenland. Dessen Wirtschaftsleistung pro Kopf wäre ohne sein historisches, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum um sage und schreibe 20 Prozent geringer.

Ausgesprochen hoch fällt auch der Paris-Effekt für das zentralistische Frankreich aus: Von der französischen Wirtschaftsleistung je Einwohner gingen ohne Paris 15 Prozent ab. In der Hauptstadtregion Île-de-France lebt ein knappes Fünftel aller Franzosen – dieses Fünftel erwirtschaftet aber ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts.

Der starke Mittelstand in ländlichen Regionen ist ein Alleinstellungsmerkmal der deutschen Wirtschaft.

Auf den weiteren Plätzen im Ranking der – aus der nationalen Warte gesehen – wirtschaftlich wichtigsten Hauptstädte folgen Prag, Lissabon, Kopenhagen und Helsinki. Ohne deren Strahlkraft würde der Wohlstand im jeweiligen Land um 13 bis 14 Prozent schrumpfen.

Arm, aber sexy: Berlin ist besonders

Aus der Reihe tanzt dagegen Deutschland. Berlin sei arm, aber sexy, wusste Ex-Bürgermeister Klaus Wowereit die Hauptstadt einst gut zu verkaufen und traf damit den Nagel auf den Kopf: Berlin steuert gerade einmal 4 Prozent zum deutschen BIP bei und hat sogar einen leicht dämpfenden Effekt von 0,2 Prozent auf das Pro-Kopf-Einkommen der gesamten Bundesrepublik – der ohne den Länderfinanzausgleich und die spezielle Hauptstadtförderung des Bundes noch größer ausfiele. Berlins untergeordnete wirtschaftliche Rolle ist untypisch für Europa, aber typisch für Deutschland: Es ist Ausdruck des föderalistischen Geschäftsmodells. Dass der Mittelstand gerade auch in ländlichen Regionen stark ist, ist eines der Alleinstellungsmerkmale der deutschen Wirtschaft.

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