Tarifpolitik Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Das Tarifjahr 2019 hat Konflikte an Bord

Im vergangenen Jahr waren die Tarifverhandlungen überdurchschnittlich konfliktintensiv und es traf – wieder einmal – den Verkehrssektor besonders hart. Auch in diesem Jahr steht der Passagierflugbetrieb im Fokus.

Kernaussagen in Kürze:
  • Das Tarifjahr 2018 war laut IW-Konfliktbarometer im langfristigen Vergleich leicht überdurchschnittlich konfliktintensiv – aber dreimal so konfliktreich wie 2017
  • Besonders viel hat dazu der Verkehrssektor beigetragen – der Luftverkehr hat die Eisenbahner diesmal jedoch klar ausgestochen. Betroffen waren vor allem die Fluggesellschaften Ryanair und Eurowings
  • Das Tarifjahr 2019 macht da weiter, wo 2018 aufgehört hat: mit ambitionierten Lohnforderungen und drohenden Flugausfällen.
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Endlich steht die Tarifeinigung für das Sicherheitspersonal der Flughäfen. Ist also der Urlaub 2019 gerettet? Mitnichten. Schließlich ist die Security nicht die einzige Berufsgruppe, die den Luftverkehr lahmlegen kann – frei nach dem Motto: „Alle Flieger stehen still, wenn eine der vielen Gewerkschaften es will.“ In den kommenden Monaten droht gleich ein ganzer Reigen neuen Ungemachs. Dabei war schon das Tarifjahr 2018 nicht ohne (Grafik): Die Tarifverhandlungen in Deutschland verliefen 2018 mit durchschnittlich 9,9 Punkten auf dem IW-Konfliktbarometer fast dreimal so konfliktreich wie jene im Jahr 2017 mit 3,5 Punkten. Die Konfliktstatistik der Tarifrunde 2018 im Vergleich mit dem langjährigen Durchschnitt seit 2000 Besonders viel hat dazu der Verkehrssektor beigetragen – und hier stach der Luftverkehr die ebenfalls streikfreudigen Eisenbahner diesmal klar aus. Gebeutelt war 2018 vor allem Ryanair. Bei der irischen Billigfluglinie ging es darum, erstmals Tarifverträge für das Personal in Deutschland zu entwickeln, und zwar gleich für mehrere Berufsgruppen und mit mehreren Gewerkschaften: Auf den Jahresspitzenwert von 53 Konfliktpunkten brachte es das Tauziehen zwischen Ryanair und der Vereinigung Cockpit. Die Pilotenvertreter hatten die Verhandlungen zwischenzeitlich für gescheitert erklärt, eine Urabstimmung durchgeführt und zum unbefristeten Streik aufgerufen. Geeinigt hat man sich schließlich darauf, bis Ende März 2019 insgesamt vier Tarifverträge abzuschließen. Eines der Kernelemente ist der Umbau der Vergütungsstruktur: Die variablen Anteile werden reduziert und das Grundgehalt aufgestockt. Doch auch die doppelten Verhandlungen für die Flugbegleiter mit der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di und der Unabhängigen Flugbegleiter Organisation UFO verliefen zäh. Während ver.di inzwischen mit Ryanair übereingekommen ist, harren die Gespräche der Iren mit UFO noch einer Lösung. Geprägt hat das Tarifjahr 2018 neben der arbeitgeber- und arbeitnehmerseitigen Pionierarbeit bei Ryanair vor allem Folgendes: Hohe Lohnforderungen. Sie bewegten sich in den vom IW untersuchten Branchen zwischen 5,5 und 7,5 Prozent. Ein innovativer Abschluss in Deutschlands größtem Wirtschaftszweig, der Metall- und Elektro-Industrie. Bestimmte Beschäftigtengruppen können ab 2019 zwischen einem tariflichen Zusatzentgelt und zusätzlichen freien Tagen wählen. Schwierige Verhandlungen bei T-Systems, in der Druckindustrie und in der Gebäudereinigung. Während bei der Telekom-Tochter der angekündigte Abbau von 6.000 Stellen die Gespräche belastete, es im November aber nach sieben Verhandlungsrunden doch zu einer Einigung kam, ist diese bei den Druckern noch nicht in Sicht. Die Kündigung des Manteltarifvertrags durch die Arbeitgeber soll zwar den Flächentarif für die Unternehmen attraktiver machen, brächte für die Arbeitnehmer aber Verschlechterungen bei Weihnachts- und Urlaubsgeld. Das stieß erwartungsgemäß auf wenig Gegenliebe im Gewerkschaftslager, das nach der Kündigung des Entgeltvertrags als Retourkutsche eine Lohnforderung von 5 Prozent für 2019 aufgestellt hat. Derzeit liegen die Verhandlungen in der Druckindustrie genauso auf Eis wie bei den Gebäudereinigern, deren wichtigste Forderung ein tarifliches 13. Monatsgehalt ist. Der Stillstand der Bahn. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) demonstrierte eindrucksvoll, wie sich mit einem vierstündigen Warnstreik ein ganzes Land lahmlegen lässt. Am 10. Dezember 2018 wurde der komplette Fernverkehr eingestellt und auch im Nahverkehr rollte vielerorts nichts mehr. Die Einigung auf eine zweistufige Lohnerhöhung von insgesamt 6,1 Prozent über zwei Jahre kommt die Bahn zwar teuer, hat aber den Vorteil, dass sie auch von der Lokführergewerkschaft GDL angenommen wurde und weitere Ausstände abwendete.

Diese Konflikte stehen im Tarifjahr 2019 bevor

Das Tarifjahr 2019 macht da weiter, wo 2018 aufgehört hat (Grafik): mit abgehobenen Lohnforderungen und Fliegern, die bald wieder am Boden bleiben könnten. Denn nicht nur Drucker und Reinigungskräfte haben ihren Konflikt über den Jahreswechsel mitgeschleppt, sondern auch die Flugbegleiter von Eurowings und Ryanair. Ein Überblick über die Forderungen von Gewerkschaften und Arbeitgebern in den laufenden Tarifverhandlungen Die Lufthansa-Tochter immerhin konnte ihren über 15 Runden gehenden Schlagabtausch mit ver.di über den Manteltarif des Kabinenpersonals Ende Januar beilegen. Vereinbart wurden unter anderem eine Begrenzung der Dienstzeit auf 55 Stunden binnen sieben Tagen, bezahlte Krankheitstage und nach 12 Stunden Flugdienstzeit eine Pause von mindestens 14 Stunden. Eurowings hofft, dass sich auch die Spartengewerkschaft UFO mit dem Verhandlungsergebnis einverstanden erklärt. Die Airline hat dann aber trotzdem kaum Verschnaufpause, denn schon Ende März geht es mit ver.di in eine neue Lohnrunde für die Flugbegleiter.

Das Tarifjahr 2019 macht da weiter, wo 2018 aufgehört hat: mit abgehobenen Lohnforderungen und Fliegern, die bald wieder am Boden bleiben könnten.

UFO dagegen hält nicht nur Ryanair weiter auf Trab, sondern ab dem Sommer auch wieder die Deutsche Lufthansa, deren Tarifvertrag mit dem Kabinenpersonal am 30. Juni endet. Diese im Sommer 2016 besiegelte Übereinkunft zu erzielen, hatte fast drei Jahre gedauert und der Kranich-Airline im November 2015 einen Arbeitskampf über acht Tage beschert, den bis dato längsten ihrer Geschichte. Wenn UFO daran anknüpft, lässt sich nicht ausschließen, dass die Flugpassagiere schon in den Sommerferien darunter leiden werden. Zudem geht es 2019 in einigen Branchen um viel Geld. Ob es die IG Metall in der Textil- und Bekleidungsindustrie sowie der Eisen- und Stahlindustrie ist, der Marburger Bund für die Klinikärzte oder ver.di für den öffentlichen Dienst und das private Bankgewerbe: Unter einer Lohnforderung von 5 Prozent ist keine Arbeitnehmervertretung in die Tarifrunde 2019 eingestiegen – und das, obwohl sich der Aufschwung am Arbeitsmarkt nicht mehr ungebremst fortsetzen dürfte (siehe „Die fetten Jahre am Arbeitsmarkt sind vorbei“). Weitere größere Branchen, in denen im Verlauf des Jahres noch Tarifverhandlungen anstehen, sind der Einzelhandel, der Groß- und Außenhandel, das Kfz-Gewerbe, die Chemie, die Versicherungen und zum Jahresabschluss dann auch die Zeitarbeit mit ihren fast eine Million Beschäftigten (Grafik). Kündigungstermine ausgewählter Tarifverträge 2019

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