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Die fetten Jahre am Arbeitsmarkt sind vorbei

Das Jahr 2018 wird als jenes Jahr in die deutsche Arbeitsmarkthistorie eingehen, in dem die Rekordmeldungen nicht abrissen. Wie es 2019 weitergeht, hängt von verschiedenen Faktoren ab – unter anderem von den arbeitsmarktpolitischen Weichenstellungen, Stichwort Hartz IV. Die IW-Prognose 2019 fällt aber auch wegen der Konjunkturrisiken nur verhalten optimistisch aus: Die Zahl der Arbeitslosen wird vorerst wohl nicht unter die Marke von zwei Millionen sinken.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Aussichten für den Arbeitsmarkt 2019 sind verhalten optimistisch. Zwar mehren sich die Konjunkturrisiken, dennoch rechnet das IW mit einem weiteren Anstieg der Erwerbstätigenzahl und einem Rückgang der Arbeitslosenquote.
  • Das inzwischen seit mehr als zehn Jahren andauernde Beschäftigungswunder hat Deutschland seit 2008 rund 5 Millionen zusätzliche sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze gebracht.
  • Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist von 2008 bis 2018 um eine halbe Million auf 0,8 Millionen zurückgegangen – damit künftige Krisen die Erfolge nicht zunichte machen, ist es wichtig, dass arbeitsmarktpolitische Reformen wie Hartz IV 2019 nicht zurückgedreht werden.
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Deutsche Bank, E.ON, Siemens, VW, Bayer, Ford: All diese Großunternehmen haben 2018 für die kommenden Jahre einen kräftigen Stellenabbau in Deutschland angekündigt. Und die Liste ließe sich noch verlängern. Kommt die Arbeitslosigkeit zurück nach Deutschland? Diesen Teufel würde derzeit wohl kein seriöser Arbeitsmarktforscher an die Wand malen, zumal die meisten Unternehmen den Stellenabbau nicht über Entlassungen erreichen wollen, sondern vor allem über den vorgezogenen Ruhestand und das Nicht-Neubesetzen von Stellen. Auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) beurteilt die Lage auf dem Arbeitsmarkt noch positiv (Grafik): Das IW rechnet in seiner Konjunkturprognose für 2019 mit einem weiteren Anstieg der Erwerbstätigenzahl um 300.000 gegenüber 2018. Entwicklung und Prognose der wichtigsten Arbeitsmarkdaten für die Jahre 2017 bis 2019 Die Arbeitslosenquote könnte noch einmal um 0,2 Punkte auf 5,0 Prozent fallen. Diese Zahlen zeigen, dass es keinen Grund zur Panik gibt. Allerdings wird der Aufschwung am Arbeitsmarkt voraussichtlich nachlassen: Von 2017 auf 2018 hatten sich die Daten schließlich noch stärker verbessert. Die gebremste Dynamik zeigt sich an einer Reihe von Frühindikatoren: Die Zahl der Zeitarbeitnehmer ist seit Anfang 2018 rückläufig: Von Januar bis Oktober sank die saisonbereinigte Zahl der Beschäftigten in der Branche um mehr als 8 Prozent. Meist reagiert die Nachfrage der Unternehmen nach Zeitarbeit schnell auf konjunkturelle Impulse und gilt damit als verlässlicher Indikator für die Entwicklung des allgemeinen Arbeitskräftebedarfs. Nicht ganz auszuschließen ist allerdings, dass die 2017 ausgeweiteten Regulierungen – die Begrenzung der Höchstüberlassungsdauer auf 18 Monate und das Equal-Pay-Prinzip – einen Sondereffekt ausgelöst haben. Der Zuwachs an offenen Stellen fiel 2018 schwächer aus. Während von Januar bis Oktober 2017 noch 70.000 zusätzliche offene Stellen gegenüber dem Vorjahreswert registriert wurden, waren es im selben Zeitraum des vergangenen Jahres nur noch 20.000 – wohlgemerkt mehr als 2017. Der BA-X-Index der Bundesagentur für Arbeit, der neben den gemeldeten Stellen auch Jobs für Freiberufler und Angebote aus der privaten Arbeitsvermittlung berücksichtigt, stieg zwar nicht mehr, verharrte aber das gesamte Jahr 2018 auf sehr hohem Niveau.

So gut lief der Arbeitsmarkt 2018

Welche Qualität der deutsche Arbeitsmarkt inzwischen erreicht hat, zeigt ein Blick zurück. Denn anders als von Zweiflern oft moniert, besteht das seit mehr als zehn Jahren andauernde Beschäftigungswunder keineswegs hauptsächlich aus atypischen Jobs – im Gegenteil (siehe„Der Arbeitsmarkt in Deutschland: Alles andere als prekär“ und Grafik): In Deutschland gab es 2018 gut fünf Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze mehr als 2008 – allein im vergangenen Jahr kamen 700.000 dazu. Entwicklung der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung von 2008 bis 2018 Dass in den Unternehmen tatsächlich mehr zu tun ist und nicht nur Vollzeitstellen auf Minijobber verteilt wurden, ist auch an der Entwicklung des Arbeitsvolumens abzulesen: Im Jahr 2018 summierten sich die Arbeitsstunden aller Erwerbstätigen auf 61 Milliarden, rund drei Milliarden mehr als 2008. Und die Arbeit wird 2019 voraussichtlich nicht weniger: Das IW prognostiziert einen weiteren Anstieg der Arbeitsmenge um 250 Millionen Stunden. Wie gut das vergangene Jahr alles in allem gelaufen ist, macht die Entwicklung der monatlichen Arbeitslosenzahlen eindrucksvoll deutlich: Schon 2017 war gut – 2018 noch einmal ein ganzes Stück besser (Grafik): Arbeitslosenzahlen und Arbeitslosenquote 2017 und 2018 im Monatsvergleich Trotzdem ist es nicht ratsam, die Augen davor zu verschließen, dass sich die Konjunkturrisiken mehren: Dazu gehören der Brexit, der Protektionismus, die Börsenturbulenzen und die Angst vor einer neuen globalen Finanzkrise. Auch deshalb gaben sich die Unternehmen in der IW-Konjunkturumfrage vom Herbst 2018 in Sachen Beschäftigungsaufbau deutlich zurückhaltender als ein halbes Jahr zuvor.

Das Erreichte 2019 bewahren

Umso wichtiger ist es, 2019 nicht zu jenem Jahr werden zu lassen, das die arbeitsmarktpolitischen Errungenschaften aus der Regierungszeit von Bundeskanzler Gerhard Schröder Anfang der 2000er Jahre wieder zunichtemacht. Häufen sich derzeit doch die Vorschläge, die Grundsicherung für Arbeitsuchende, das umstrittene Hartz IV, zu reformieren: So möchte zum Beispiel die SPD den Bezug des Arbeitslosengelds I verlängern, damit Arbeitslose erst später in Hartz IV rutschen. Die Grünen wollen dagegen die Sanktionen bei Versäumnissen in der Mitwirkungspflicht der Arbeitslosen abschaffen. Auch eine Erhöhung der Leistungen und deren Gewährung unabhängig vom Haushaltskontext, also beispielsweise gut verdienenden Partnern, ist im Gespräch.

Viele Reformvorschläge für Hartz IV wären dem Vorhaben abträglich, die Zahl der Langzeitarbeitslosen weiter zu verringern.

All das wäre jedoch vor allem dem Vorhaben abträglich, die Zahl der Langzeitarbeitslosen weiter zu verringern. Immerhin hat Deutschland auch hier große Fortschritte gemacht: 2018 waren nur noch 0,8 Millionen Menschen länger als zwölf Monate arbeitslos – 90.000 weniger als ein Jahr zuvor und eine halbe Million weniger als 2008. Gerade weil die Chancen auf eine neue Stelle mit der Dauer der Arbeitslosigkeit schwinden, ist dieser Erfolg nicht hoch genug einzuschätzen. Und all die gut gemeinten Reformen von Hartz IV, die den Betroffenen den Leidensdruck nehmen sollen, würden wohl eher dazu führen, dass sich die Langzeitarbeitslosigkeit wieder verfestigt. Das wiederum könnte sich bitter rächen, wenn die nächste größere Krise kommt.

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