Energiepreise Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Anstieg des Gaspreises könnte viele Arbeitsplätze kosten

Die ohnehin durch die Corona-Pandemie gebeutelte Wirtschaft in Deutschland und Europa wird durch die Folgen des Kriegs in der Ukraine zusätzlich geschwächt. Steigt der Gaspreis weiter, drohen erhebliche Wohlstandsverluste und ein Anstieg der Arbeitslosigkeit, wie eine Simulationsrechnung des IW zeigt.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die von der Corona-Pandemie geschwächten Volkswirtschaften in der EU werden durch die ökonomischen Auswirkungen des russischen Kriegs gegen die Ukraine zusätzlich belastet, vor allem durch die drastisch gestiegenen Energiepreise.
  • Setzt sich der Preisanstieg fort, sind auch die Aussichten für die deutsche Wirtschaft düster.
  • Die Folgen skizzieren zwei vom IW simulierte Szenarien zur weiteren Energiepreisentwicklung – dem pessimistischeren Szenario zufolge könnte die Wirtschaftsleistung 2023 um 2 Prozent niedriger ausfallen als im Basisszenario und es würden 2023 mehr als 300.000 Arbeitsplätze abgebaut.
Zur detaillierten Fassung

Gut zweieinhalb Jahre nach Ausbruch der Corona-Pandemie sind in vielen Ländern Europas die wirtschaftlichen Einbußen durch Lockdowns, Lieferengpässe und weitere Störfaktoren noch nicht wettgemacht – zumal krankheitsbedingte Ausfälle von Arbeitnehmern und die harte Corona-Politik Chinas eine Normalisierung der globalen Wirtschaft nach wie vor erschweren. Die Folge:

Im Schnitt der 27 EU-Staaten lag das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal 2022 nur knapp über dem Wert des vierten Quartals 2019.

Andere zentrale Kennziffern wie die Industrieproduktion oder die privaten Konsumausgaben erreichten im EU-Schnitt ebenfalls gerade mal das Vor-Corona-Niveau oder verfehlten es sogar.

Und statt sich allmählich weiter zu erholen, müssen die europäischen Volkswirtschaften nun noch die ökonomischen Auswirkungen des russischen Kriegs gegen die Ukraine verkraften. Der derzeit größte Belastungsfaktor sind die drastisch gestiegenen Energiepreise (Grafik):

Im Juni 2022 mussten die Kunden am Gasmarkt in Europa für jede Wärmemengeneinheit rund achtmal so viel bezahlen wie drei Jahre zuvor.

Preise für Erdgas und Erdöl in Dollar

Auch Rohöl hat sich zuletzt deutlich verteuert – ein Barrel kostete im Juni nahezu doppelt so viel wie vor einem Jahr.

Der Energiepreisanstieg bereitet nicht nur den privaten Haushalten Kopfzerbrechen, er treibt zugleich die Kosten der Unternehmen in die Höhe. Dadurch schnellen in Europa auch allgemein die Preise nach oben:

Im EU-Durchschnitt waren die Verbraucherpreise im Juni 2022 fast 10 Prozent höher als ein Jahr zuvor – in mehr als 15 Ländern Europas überschritt die Inflationsrate die 10-Prozent-Marke.

Die wesentliche Ursache für die Preisschocks ist, dass Russland seit Beginn des Kriegs seine Energielieferungen an die EU-Staaten als taktische Waffe einsetzt – vor allem russisches Gas fließt willkürlich nur noch in geringer Menge oder zeitweise fast gar nicht gen Westen. Das Problem: Bislang sind viele EU-Länder auf Energie aus Russland angewiesen – so bezogen Estland, Finnland, Bulgarien und Lettland 2021 fast 100 Prozent ihrer Gasimporte aus Russland, in den meisten mittel- und osteuropäischen Ländern lag der Anteil über 50 Prozent.

Dies gilt auch für Deutschland, das zudem durch seinen hohen Industrieanteil an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung mit Blick auf die hohen Energiekosten besonders verwundbar ist.

Verdoppelt sich der Gaspreis, würde dies die Wirtschaftsleistung in Deutschland im kommenden Jahr um 2 Prozent drücken – die Einbußen betrügen dann insgesamt 70 Milliarden Euro.

Die jüngste Entwicklung an den Energiemärkten legt zudem nahe, dass beim Gaspreisanstieg das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Vor diesem Hintergrund hat das IW in zwei Szenarien berechnet, wie sich ein weiterer Anstieg des Gaspreises auf wichtige Kennziffern der deutschen Wirtschaft auswirken könnte. Die Ergebnisse (Grafik):

Steigt der Erdgaspreis im dritten Quartal gegenüber dem optimistischeren Basisszenario um 50 Prozent, würde das Bruttoinlandsprodukt 2022 um 0,2 Prozent und 2023 um 1,3 Prozent geringer ausfallen.

Verdoppelt sich der Gaspreis, würde dies die Wirtschaftsleistung in Deutschland im kommenden Jahr sogar um 2 Prozent drücken – die Einbußen betrügen dann insgesamt 70 Milliarden Euro.

Veränderung zentraler Wirtschaftsindikatoren gegenüber dem Basisszenario in Prozent bzw. Prozentpunkten

Zu diesen Effekten trägt auch bei, dass beide Szenarien einen weiter steigenden Rohölpreis unterstellen.

Der Simulationsrechnung zufolge würde sich die Inflationsrate in Deutschland nochmals erhöhen – im schlechtesten Fall ergibt sich für 2023 eine Steigerung um 3,8 Prozentpunkte gegenüber dem Basisszenario. Die Investitionen würden im pessimistischeren Szenario um 4,2 Prozent geringer ausfallen, der private Konsum um 1,7 Prozent.

Die verschlechterte Wirtschaftslage dürfte sich auch auf dem Arbeitsmarkt niederschlagen:

Eine weitere Verdoppelung des Gaspreises gegenüber dem Basisszenario könnte in diesem Jahr etwa 30.000 und 2023 mehr als 300.000 Arbeitsplätze kosten.

Die von der Bundesregierung angekündigte Senkung des Mehrwertsteuersatzes auf Gas von 19 auf 7 Prozent ist in den Simulationsrechnungen nicht berücksichtigt und könnte die Ergebnisse etwas aufhellen. Auf der anderen Seite könnten die Wirtschaftsdaten noch schlechter ausfallen, wenn Gaslieferungen komplett ausbleiben und Ausfälle auf allen Stufen der industriellen Produktion drohen.

Politik muss handeln

Festzuhalten ist, dass alle Szenarien keine Prognosen darstellen und die weitere Entwicklung auf den Energiemärkten äußerst unsicher ist. Klar ist aber, dass die Politik handeln muss – und zwar nicht allein auf nationaler, sondern auch auf europäischer Ebene. Denn die Herausforderung, die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen zu verringern und dabei den wirtschaftlichen Zusammenhalt der EU nicht zu gefährden, können die Staaten nur gemeinsam bewältigen.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene