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„Zukunftsthemen schaffen viele Jobs für Geistes­wissen­schaftler“

Automobilkonzerne brauchen künftig vor allem Mitarbeiter, die interdisziplinär denken. Warum das große Chancen für Geisteswissenschaftler eröffnet, erläutert Anna- Maria Karl, Leiterin Global Talent Sourcing bei Daimler.

Kernaussagen in Kürze:
  • Anna-Maria Karl, Leiterin Global Talent Sourcing bei Daimler, erwartet, dass die Einsatzmöglichkeiten für Geisteswissenschaftler in ihrem Unternehmen in den nächsten Jahren zunehmen.
  • Gerade die ethischen und gesellschaftspolitischen Fragen rund um die Mobilität der Zukunft böten ein breites Spektrum für Geisteswissenschaftler aller Fachrichtungen.
  • Geisteswissenschaftler haben nach Karls Erfahrungen meistens ausgeprägte kommunikative Fähigkeiten und denken oft differenzierter – dadurch kommen sie gut mit den Anforderungen der Digitalisierung und der Globalisierung zurecht.
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Wenn man die Stichwörter „Daimler + Ingenieure“ googelt, werden 414 Jobangebote angezeigt, bei „Daimler + Geisteswissenschaftler“ sind es vier Praktikumsplätze. Das ist nicht sonderlich ermutigend, oder? Das scheint auf den ersten Blick vielleicht ernüchternd, aber wir sind nun mal ein Unternehmen der Automobilbranche, das eben auch sehr viel technische Expertise benötigt. Aber unsere Profile und Bedarfe verändern sich. Der Schlüssel für ein Gelingen des Wandels der Industrie liegt in einer noch stärkeren Interdisziplinarität. Wir öffnen uns weiter für unterschiedliche Berufsfelder, deshalb dürften unsere Einsatzmöglichkeiten für Geisteswissenschaftler in den nächsten Jahren ebenfalls weiter steigen. Wie viele Germanisten, Philosophen und Kunsthistoriker beschäftigt Daimler aktuell? Unter unseren weltweit knapp 300.000 Mitarbeitern findet man sehr viele Geisteswissenschaftler in allen Bereichen und unterschiedlichsten Funktionen. Ihre Entwicklungswege sind vielfältig, viele von ihnen arbeiten in Abteilungen wie der Kommunikation oder im Bereich Compliance, doch auch für Zukunftsthemen wie das autonome Fahren brauchen wir verstärkt Mitarbeiter mit einem anderen Background, als ihn die typischen MINT-Absolventen haben. Gerade die ethischen und gesellschaftspolitischen Fragen rund um die Mobilität der Zukunft bieten ein breites Spektrum für Geisteswissenschaftler aller Fachrichtungen.

Geisteswissenschaftler haben meistens ausgeprägte kommunikative Fähigkeiten und punkten, weil sie oft differenzierter denken.

Welche Zusatzqualifikationen sollten Geisteswissenschaftler mitbringen? Auf jeden Fall Fähigkeiten im digitalen Bereich. Außerdem sollten sie über sozial-kommunikative Skills verfügen, sie sollten abstrahieren und Informationen schnell verarbeiten können sowie eine breite Allgemeinbildung mitbringen. Wichtig ist uns außerdem, dass sich jemand auf Neues einlassen kann, um sich dann zusammen mit anderen – und ohne klassischen Auftrag – Dinge zu erarbeiten. Es geht also kurz gesagt um das, was man unter „agilem Arbeiten“ versteht.

Anna- Maria Karl ist Leiterin Global Talent Sourcing bei Daimler; Foto: Daimler Aktuell arbeiten viele Geisteswissenschaftler in Berufen, für die sie gar nicht hätten studieren müssen – etwa als Sekretärin oder Sachbearbeiter. Wie gehen Sie bei Daimler damit um?

Das gehört für mich eher der Vergangenheit an, was Sie beschreiben. Natürlich wird bei uns an vielen Ecken noch der klassische Ingenieur gesucht, aber die Bandbreite an Jobprofilen ist viel größer geworden. Bei Daimler haben alle Bewerber die gleichen Chancen und wir bieten individuelle Entwicklungsmöglichkeiten. Hinzu kommt, dass aufgrund der interdisziplinären Studiengänge, die man heute absolvieren kann, auch die Zahl der reinen Geisteswissenschaftler weiter abnehmen wird. Außerdem wechseln immer mehr Akademiker zwischen Bachelor und Master die Fachrichtung. Ein aktueller IW-Report kommt zu dem Ergebnis, dass Akademiker mit einem geisteswissenschaftlichen Abschluss besonders gut mit den Anforderungen der Digitalisierung und der Globalisierung zurechtkommen. Können Sie das bestätigen? Ja, sie haben meistens ausgeprägte kommunikative Fähigkeiten und punkten, weil sie oft differenzierter denken. Aber letztlich hängt es doch immer stark von der Persönlichkeit und dem Skill-Set ab, wie jemand mit neuen Herausforderungen umgeht.

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