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„Wirtschaft ist nicht alles“

In Großbritannien sind rund 2.500 deutsche Unternehmen angesiedelt. Wie sie mit dem Brexit-Chaos umgehen, erklärt Ulrich Hoppe, Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der britische Markt ist trotz des Brexit-Votums für deutsche Unternehmen interessant, sagt Ulrich Hoppe, Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer.
  • Die deutschen Unternehmen halten sich mit Forderungen an die britische Regierung zurück. Gleichwohl wollen sie einen leichten Zugang zu Fachkräften und keine Zollschranken.
  • Die Briten haben während ihrer EU-Mitgliedschaft oft das Gefühl gehabt, bevormundet zu werden, sagt Hoppe. Außerdem hätten viele Menschen auf der Insel nicht vom Wirtschaftswachstum profitiert.
Zur detaillierten Fassung

Gibt es eigentlich noch deutsche Unternehmen, die sich in Großbritannien niederlassen wollen? Ja, die gibt es schon noch. Die Zahl ist seit dem Brexit-Referendum zwar leicht zurückgegangen und es ist auch oft mühsamer für sie, aber der britische Markt mit 65 Millionen Konsumenten und einer wachsenden Wirtschaft ist ja interessant. Welche deutschen Firmen gründen denn aktuell Tochterunternehmen auf der Insel? Da gibt es keine einzelne Branche, die besonders stark vertreten ist. Entscheidend ist vielmehr, dass das Unternehmen besondere Lösungen mit einem Alleinstellungsmerkmal anbietet. Momentan gibt es im Vereinigten Königreich etwa 2.500 deutsche Tochterunternehmen und Niederlassungen, die insgesamt 450.000 Mitarbeiter beschäftigen – das sind 1,5 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in Großbritannien. Die fünf wichtigsten Wirtschaftsverbände des Vereinigten Königreichs haben kürzlich beklagt, dass die britischen Abgeordneten parteiinternen Querelen mehr Aufmerksamkeit schenken als dem Wohl des Landes. Was wünschen sich denn die in England ansässigen deutschen Unternehmer von der englischen Regierung? Die deutschen Unternehmen halten sich da zurück, schließlich war der Brexit ja eine demokratische Entscheidung. Nichtsdestotrotz wollen alle dasselbe: einen leichten Zugang zu Fachkräften – denn auch in Großbritannien besteht Fachkräftemangel –, wenige administrative Hürden, einen regulativen Gleichklang und keine Zollschranken. Danach sieht es aktuell nicht aus. Im Moment ist ja sehr viel im Fluss. Seit der Ablehnung des Vertrags zum EU-Austritt steigt das Pfund, auch softere Versionen als der harte Brexit werden seit Dienstag wieder wahrscheinlicher.

Seit der Ablehnung des Vertrags zum EU-Austritt steigt das Pfund, auch softere Versionen als der harte Brexit werden seit Dienstag wieder wahrscheinlicher.

Ulrich Hoppe ist Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer; Foto: Deutsch-Britische IHK Selbst die britische Regierung hat mittlerweile eingeräumt, dass der Brexit der Wirtschaft schadet. Warum sind viele Briten trotzdem so versessen darauf, die EU zu verlassen?

Im Endeffekt ist Wirtschaft nicht alles. Die Briten haben während ihrer EU-Mitgliedschaft oft das Gefühl gehabt, bevormundet zu werden. Hinzu kommt die starke Einwanderung der vergangenen zehn, 20 Jahre. Die hatte zur Folge, dass sich das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf seit zehn Jahren so gut wie nicht erhöht hat. Viele Briten hatten also persönlich keinen Anteil am Wirtschaftswachstum, den das Land ja durchaus vorweisen kann. Die Regierung, die Unternehmen und auch viele Privatleute in Großbritannien decken sich vorsorglich mit Produktionsteilen, Medikamenten und Lebensmitteln vom europäischen Festland ein. Betreiben Sie ebenfalls Vorratshaltung für den Fall, dass es zu einem No-Deal-Brexit kommt? Nein, das tue ich nicht. Natürlich wird es hier zu Hamsterkäufen kommen, falls es einen harten Brexit gibt. Aber grundsätzlich sind die Briten da gelassener als die Deutschen, getreu dem Motto: Abwarten und Tee trinken.

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