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Riesling, Burgunder und Co.: Weinmarkt in der Krise

Die Nachfrage nach Wein schwächelt und die Weltmarktpreise sind unter Druck. Der Branche fehlt bislang ein Patentrezept gegen die Krise – denn die hat mehrere, ganz unterschiedliche Gründe.

Kernaussagen in Kürze:
  • Winzer haben 2023 in Deutschland auf einer Fläche, die fast doppelt so groß ist wie der Bodensee, Wein angebaut.
  • Aktuell machen drei Entwicklungen den Weinbauern das Leben schwer: die deutlich gestiegenen Kosten, das veränderte Konsumverhalten und das weltweite Überangebot.
  • Fachleute sehen den globalen Weinmarkt aus der Balance und viele glauben, dass ein neues Gleichgewicht nur mit staatlicher Hilfe erreicht werden kann.
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Ob Frankreich oder Spanien, Italien oder Deutschland – Europa produziert jede Menge Wein. Im Durchschnitt waren es zwischen 2016 und 2020 jährlich rund 165 Millionen Hektoliter und damit fast zwei Drittel der weltweiten Produktionsmenge.

In Deutschland ist der produzierte Wein vornehmlich weiß (Grafik):

Im Jahr 2023 erzeugten deutsche Winzer knapp 8,6 Millionen Hektoliter, fast 5,9 Millionen davon waren Weißwein.

Erzeugung von Wein und Most in 1.000 Hektolitern Download: Grafik (JPG) herunterladen Grafik (EPS) herunterladen Tabelle (XLSX) herunterladen

Doch die Branche steht vor gewichtigen Problemen. Gleich drei Entwicklungen machen den Weinbauern das Leben schwer:

Kosten. Teurere Energie, die generellen Preissteigerungen und der merklich höhere Mindestlohn haben die Kosten der Weinerzeuger in Deutschland in die Höhe getrieben. Ihre gestiegenen Ausgaben können die deutschen Winzer ob der internationalen Konkurrenz aber nur sehr begrenzt an die Kunden weitergeben.

Konsumverhalten. Zum einen haben sich die Präferenzen gerade bei jüngeren Konsumenten von Wein weg hin zu anderen alkoholischen Getränken verschoben. Zum anderen geht der Trend aufgrund eines geschärften Gesundheitsbewusstseins hin zu „No and low“-Alkohol, also zu Genussgetränken mit wenig oder null Promille. So hat sich beispielsweise die Produktionsmenge von alkoholfreiem Bier in Deutschland binnen zehn Jahren nahezu verdoppelt.

Überangebot. Konsumenten achten momentan insgesamt mehr auf ihre Ausgaben, da sie mit den Folgen der hohen Inflation zu kämpfen haben und wegen der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung verunsichert sind. Entsprechend sparen sie vor allem an jenen Produkten, die nicht zwingend notwendig sind – auch am Wein:

Im Jahr 2023 konsumierten die Deutschen laut Deutschem Weininstitut (DWI) durchschnittlich 22,5 Liter Wein und Schaumwein – etwa ein Liter weniger als im Vorjahr.

Zudem zeigt die jüngste internationale Befragung der Hochschule Geisenheim unter Weinproduzenten und -händlern, dass sich die Marktsegmente im Weinhandel verschieben: Die Nachfrage nach günstigen Basisweinen ist laut Handel und Produzenten relativ betrachtet gestiegen, während das mittlere Segment verloren hat.

Corona hat darüber hinaus dazu geführt, dass sich viele Weinliebhaber die Keller gefüllt haben und nun weniger Nachschub benötigen. Außerdem gab es in jüngster Vergangenheit nahezu ausnahmslos gute Jahrgänge – was das Überangebot weiter vergrößert hat.

Der globale Weinmarkt ist aus der Balance, sagen Fachleute. Deutscher Wein, der oft teurer ist als die ausländische Konkurrenz, hat es besonders schwer.

Preisbewusste Weintrinker setzen laut DWI außerdem verstärkt auf importierte Weine, denn die kosten aufgrund finanziell günstigerer Produktionsbedingungen gemeinhin weniger als deutsche.

Weinmarkt aus der Balance

All diese Trends belasten die Weinbranche: Laut Statistischem Bundesamt lagerten Mitte 2023 bei Erzeugern und im Handel 12,1 Millionen Hektoliter Wein. Das waren gut 8 Prozent mehr als im Vorjahr und knapp 2,5 Prozent mehr als im langjährigen Durchschnitt.

Doch nicht nur in Deutschland, sondern beispielsweise auch in Frankreich stellen sich viele Weinbauern die Zukunftsfrage.

Dort zahlten der französische Staat und die EU in den vergangenen Jahren mehrere 100 Millionen Euro, um aus überschüssigem Wein Industriealkohol zu destillieren. Bereits 2022 hatten Winzer in der berühmten Bordeaux-Region gefordert, Anbauflächen stillzulegen – inklusive Sozialplan und Stilllegungsprämien für die Winzer.

Auch in Deutschland gibt es entsprechende Überlegungen für einige der Rebflächen, denn die Anbaugebiete sind groß (Grafik):

Winzer haben in Deutschland 2023 auf mehr als 101.000 Hektar Wein angebaut – eine Fläche, die fast doppelt so groß ist wie der Bodensee.

Rebläche in Deutschland im Jahr 2023 in 1.000 Hektar Download: Grafik (JPG) herunterladen Grafik (EPS) herunterladen Tabelle (XLSX) herunterladen

Das ist zu viel, da der weltweite Weinmarkt nachhaltig aus der Balance geraten ist. Das attestieren drei Viertel jener 2.000 Weinfachleute, die die Hochschule Geisenheim weltweit befragt hat. Zwei Drittel der Branchenkenner fordern, das Angebot zu reduzieren. Für fast die Hälfte ist das nur mit staatlicher Hilfe denkbar; lediglich ein Viertel glaubt, dass sich ein neues Marktgleichgewicht auch ohne Staatseingriff einstellen wird.

Das zentrale Problem der Weinbranche liegt derweil auf der Hand: Die Investitionen in Weinberge lohnen nur langfristig und werden über 20 bis 30 Jahre abgeschrieben. Müssen Weinlagen viel früher aufgegeben werden, bleibt der Winzer auf seinen hohen Investitionen sitzen. Sicher auch deshalb verfallen aktuell beispielsweise in Baden die Preise für Weinberge und einige Spitzenlagen stehen zum Verkauf.

Zur Wahrheit des europäischen Weinbaus gehört allerdings auch, dass er durch die EU schon lange massiv subventioniert wird – mit jährlich mehr als 1 Milliarde Euro. Die fließen beispielsweise in den ökologischen Weinbau, in Ernteausfallversicherungen oder in Marketingmaßnahmen in Nicht-EU-Ländern.

Deutschlands Branche erhält allerdings bislang nur einige Millionen Euro pro Jahr von der EU, während jährlich jeweils mehrere 100 Millionen Euro nach Spanien, Frankreich und Italien fließen.

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