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Pharma fehlen Fachkräfte

Der Fachkräftemangel breitet sich auch in der deutschen Pharmaindustrie aus. Das schwächt den hiesigen Forschungsstandort. Zwei Regionen sind von den Fachkräfteengpässen in den pharmarelevanten Berufen besonders stark betroffen.

Kernaussagen in Kürze:
  • In allen fünf Berufsfeldern, die für die Pharmaindustrie wichtig sind, haben die Fachkräfteengpässe von 2021 auf 2022 deutlich zugenommen.
  • Den größten Personalmangel verzeichnet das pharmarelevante Berufsfeld IT. Hier gab es im Jahr 2022 je zehn offene Stellen nur vier qualifizierte Arbeitslose.
  • Besonders zu schaffen machen die Engpässe den Pharmaunternehmen in Oberbayern und im Rhein-Main-Gebiet.
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Arbeitskräfte sind in Deutschland derzeit so knapp wie seit dem Wirtschaftswunder in den 1950er Jahren nicht mehr. Fehlte vor der Pandemie vor allem Personal in der Pflege, der Erziehung und der IT, haben die Fachkräfteengpässe in den vergangenen Jahren in den meisten Branchen deutlich zugenommen. An der angespannten Lage wird sich angesichts der immer älter werdenden Bevölkerung vorerst nichts ändern.

Das macht dem Wirtschafts- und Forschungsstandort Deutschland sehr zu schaffen. Selten bewerteten die ansässigen Unternehmen die Innovationsfähigkeit hierzulande so schlecht wie im aktuellen Innovationsreport der Deutschen Industrie- und Handelskammer. Als größtes Hemmnis für ihre eigene Forschung und Entwicklung nannten die Betriebe dabei – neben der zunehmenden Bürokratie – erstmals fehlendes Fachpersonal.

Alarmierend ist dieses Ergebnis vor allem für Deutschlands innovationsstarke Branchen wie die pharmazeutische Industrie. Kaum eine andere Branche gibt hierzulande einen so großen Teil ihres Umsatzes für Forschung und Entwicklung aus – im Jahr 2021 waren es 12,5 Prozent.

In allen fünf Berufsfeldern, die für die Pharmaindustrie wichtig sind, hat sich der Fachkräftemangel von 2021 auf 2022 deutlich verschärft.

Wie sehr sich der Fachkräftemangel zuletzt in den für die Pharmabranche wichtigen Berufsfeldern – dazu zählen Forschung und Entwicklung, Produktion, Vertrieb, Unternehmenssteuerung und IT – verschärft hat, zeigt ein Blick auf die sogenannte Stellenüberhangsquote. Das ist der Anteil offener Stellen, für die es rechnerisch keine passend qualifizierten Arbeitslosen gibt (Grafik):

Im Durchschnitt aller fünf Berufsfelder, die für die Pharmaindustrie wichtig sind, standen im Jahr 2022 für 38 Prozent der offenen Stellen bundesweit rechnerisch keine passend qualifizierten Arbeitslosen zur Verfügung – 2021 betrug die Stellenüberhangsquote nur 20 Prozent.

Für so viel Prozent der offenen Stellen in diesen Berufsfeldern gab es 2022 bundesweit rechnerisch keine entsprechend qualifizierten Arbeitslosen Download: Grafik (JPG) herunterladen Grafik (EPS) herunterladen Tabelle (XLSX) herunterladen

Da ist es nur ein schwacher Trost, dass die pharmarelevanten Berufsfelder nach wie vor weniger stark von Fachkräfteengpässen betroffen sind als der Arbeitsmarkt insgesamt mit einer Quote von 47 Prozent.

Am stärksten gestiegen sind die Stellenüberhangsquoten mit einem Plus von mehr als 20 Prozentpunkten in der Produktion und im Vertrieb. In den Produktionsberufen standen so im Jahr 2022 für fast die Hälfte aller offenen Stellen keine passend qualifizierten Arbeitslosen zur Verfügung. Im Vertrieb traf dies auf vier von zehn offenen Stellen zu.

Die größten Fachkräfteengpässe verzeichnet nach wie vor das Berufsfeld IT. Hier gab es im Jahr 2022 je zehn offene Stellen nur vier qualifizierte Arbeitslose.

Das gleiche Bild zeigt sich, wenn man sich die einzelnen Berufe mit den größten Engpässen anschaut (Grafik):

Im Jahr 2022 gab es für neun von zehn offenen Stellen für Wirtschaftsinformatiker deutschlandweit keine passend qualifizierten Arbeitslosen.

Für so viel Prozent der offenen Stellen in diesen Berufen gab es 2022 bundesweit rechnerisch keine entsprechend qualifizierten Arbeitslosen Download: Grafik (JPG) herunterladen Grafik (EPS) herunterladen Tabelle (XLSX) herunterladen

Nun ist der Mangel an IT-Fachkräften nicht nur ein Problem der Pharmaindustrie. Er trifft die Branche aber besonders hart, denn ohne das Know-how in Big Data und künstlicher Intelligenz sind eine moderne Forschung und damit wichtige medizinische Fortschritte nicht möglich.

Und auch in Berufen, die klassischerweise mit der Pharmaindustrie verflochten sind, fehlt Personal: So standen für sieben von zehn offenen Stellen für Pharmazeuten und Apotheker im Jahr 2022 keine entsprechend ausgebildeten Arbeitslosen zur Verfügung – eine Stellenüberhangsquote von rund 70 Prozent.

Die bundesweite Quote gibt allerdings nur einen ersten Anhaltspunkt für Deutschlands Fachkräfteproblematik. Sie lässt außer Acht, dass eine arbeitslose Person aus Kiel nicht zwangsläufig die nächste offene Stelle in München besetzen kann oder will.

Größte Fachkräfteengpässe im Pharmacluster Oberbayern

Um solche Mismatches aus der Rechnung zu entfernen, lohnt sich ein regionaler Blick auf die Fachkräftesituation in pharmazeutischen Clusterregionen. Damit sind Regionen gemeint, in denen sich die Unternehmen der Branche hauptsächlich angesiedelt haben. Zu ihnen zählen das Rhein-Main-Gebiet, die Rheinschiene in Nordrhein-Westfalen, das Cluster Berlin sowie die Region Oberbayern in und um München.

Der Fachkräftemangel ist in den vier Regionen unterschiedlich ausgeprägt: Im Cluster Berlin und entlang der Rheinschiene ist die Fachkräftesituation vergleichsweise entspannt – auf zehn offene Stellen in pharmarelevanten Berufen kamen 2022 in beiden Regionen jeweils sieben passend qualifizierte Arbeitslose. Ein möglicher Grund: Die Pharmabranche ist entlang der Rheinschiene und in Berlin besonders etabliert und bekannt.

Den Pharmaunternehmen in Oberbayern und im Rhein-Main-Gebiet machen Fachkräfteengpässe dagegen deutlich mehr zu schaffen: Während die Lücke im Rhein-Main-Gebiet am stärksten durch die hohe Nachfrage nach akademisch qualifiziertem IT-Personal getrieben ist, fällt Unternehmen in Oberbayern die Stellenbesetzung in allen Berufen entlang der pharmazeutischen Wertschöpfungskette schwerer – von der Produktion bis zum Vertrieb. Für die Hälfte aller offenen pharmarelevanten Stellen in Oberbayern gab es 2022 keine entsprechend qualifizierten Arbeitslosen. Ob das an den angesiedelten Pharmafirmen oder am allgemein angespannten Arbeitsmarkt in der Region liegt, lässt sich nicht so einfach beantworten.

Um den heimischen Pharmastandort zukunftsfähig zu machen, sollten neben politischen Lösungen wie der Anwerbung ausländischer Fachkräfte und der Stärkung der Beschäftigung Älterer vermehrt betriebliche Lösungen zum Einsatz kommen. Schulkooperationen zur Nachwuchsqualifizierung und das Mitarbeiterwohnen sind zwei davon.

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