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­Einkommens­verteilung: Mehr Wohlstand für alle

Wie Einkommen und Vermögen verteilt sind, sorgt regelmäßig für hitzige Diskussionen. Auch im Wahlkampf waren Verteilungsfragen ein Thema und dürften bei den anstehenden Koalitionsverhandlungen ebenfalls auf der Tagesordnung stehen. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen nun, dass der Einkommenszuwachs in jüngster Vergangenheit fast alle Einkommensgruppen in Deutschland gleichermaßen erreicht hat.

Kernaussagen in Kürze:
  • In den vergangenen Jahren sind die Einkommen in Deutschland inklusiv gewachsen, das heißt: Alle Einkommensgruppen haben real mehr Geld zur Verfügung als früher.
  • Die Einkommen von Teilzeitkräften sind generell ungleicher verteilt als die von Vollzeit Erwerbstätigen und in den vergangenen Jahren hat der Anteil der Teilzeitkräfte zugenommen.
  • Die detaillierte Analyse des IW-Verteilungsreports zeigt, dass Bildung der Schlüssel zu höheren Einkommen ist - die Gehälter der Hochqualifizierte haben besonders stark zugenommen.
Zur detaillierten Fassung

Inklusion: Hinter dem Begriff steckt die Idee, dass jeder Mensch gleichberechtigt dazugehört – unabhängig davon, welches Geschlecht oder welche Religion er hat, aus welchem Land er ursprünglich stammt und ob er körperlich oder geistig beeinträchtigt ist. In den Wirtschaftswissenschaften geht es beim Stichwort Inklusion allerdings auch darum, inwiefern eine Veränderung alle betrifft – zum Beispiel der Anstieg der Einkommen.

Genau dieser Frage – wie inklusiv das Einkommenswachstum in Deutschland in den Jahren vor der Corona-Pandemie war – geht der neue IW-Verteilungsreport nach. Dafür nutzt er Daten, die je nach Verfügbarkeit bis ins Jahr 2018 oder 2019 reichen. Etwaige, höchstwahrscheinlich verzerrende Effekte durch die Corona-Pandemie sind also nicht Teil der Untersuchung.

Die Einkommensschere hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren nicht weiter geöffnet, vielmehr haben sich die niedrigeren und höheren Einkommen weitestgehend parallel zueinander positiv entwickelt.

Vielmehr geht es um die Frage, ob die Einkommen in Deutschland wirklich weiter auseinanderliegen als früher, ob sich die Einkommensschere also immer weiter öffnet.

Zunächst zeigt der IW-Report allerdings, wer hierzulande die höchste Steuerlast zu schultern hat (Grafik):

Im Jahr 2019 zahlten die einkommensreichsten 10 Prozent der Haushalte 51 Prozent der Lohn- und Einkommensteuer. Das war noch einmal ein knapper Prozentpunkt mehr als 1998.

So viel Prozent der Lohn- und Einkommensteuer wurden von dieser Einkommensgruppe gezahlt

Auf der anderen Seite entfielen auf die einkommensärmeren 50 Prozent der Haushalte lediglich etwas mehr als 7 Prozent der gesamten Einkommensteuerzahlungen. Das heißt: Das deutsche Steuersystem belastet starke Schultern immer noch deutlich stärker als schwache. Gleichzeitig verschont es auf der anderen Seite die, die ihre Einkommen fast vollständig benötigen, um damit ihre Grundversorgung zu finanzieren.

Reales Einkommensplus

Ein anderer, ebenfalls positiver Befund lautet, dass die Arbeitseinkommen in Deutschland in den vergangenen Jahren insgesamt erheblich zugelegt haben. Von 1991 bis 2018 stiegen sie nominal um durchschnittlich 76 Prozent. Um Preiseffekte, also die Inflation, bereinigt, blieben immerhin 12 Prozent mehr Kaufkraft übrig. Vor allem in jüngster Vergangenheit legten die realen Arbeitseinkommen kräftig zu – von 2015 bis 2018 lag das Plus im Durchschnitt bei 5 Prozent. Betrachtet wurden hierfür Personen im erwerbsfähigen Alter von 18 bis 64 Jahren mit Einkommen aus nicht selbstständiger und selbstständiger Erwerbstätigkeit.

Ebenfalls in die richtige Richtung entwickeln sich die Einkommen im Vergleich der alten und der neuen Bundesländer:

Direkt nach der Wiedervereinigung lagen die durchschnittlichen realen Arbeitseinkommen in Ostdeutschland bei lediglich rund 61 Prozent des Westniveaus, 2015 schon bei 78 Prozent und 2018 bei 81 Prozent – zuletzt findet also wieder eine Konvergenz statt, die in den 2000er Jahren weitestgehend zum Stillstand gekommen war.

Allerdings sagen all diese Werte noch wenig darüber aus, wie gleich oder ungleich die Einkommen in Deutschland verteilt sind. Um diese Frage zu beantworten, kommt ein etabliertes Ungleichheitsmaß zum Einsatz: der Gini-Koeffizient. Hätte dieses Verteilungsmaß den Wert null, würden alle das gleiche Einkommen erwirtschaften. Je näher der Wert an eins liegt, desto größer ist die Ungleichheit.

Für die verschiedenen Gruppen von Erwerbstätigen in Deutschland zeigt der Gini-Koeffizient ein differenziertes Bild (Grafik):

Der Gini-Koeffizient der realen Arbeitseinkommen hatte im Jahr 2018 in Deutschland den Wert 0,390. Bei Vollzeitkräften lag er bei lediglich 0,306, während er bei Teilzeitkräften 0,458 erreichte.

Entwicklung des Gini-Koeffizienten der jährlichen realen Arbeitseinkommen in Preisen von 2015

Die Einkommen von Teilzeitkräften sind also deutlich ungleicher verteilt als die von Berufstätigen mit voller Stelle. Zu erkennen ist allerdings auch, dass der Gini-Koeffizient für Teilzeiterwerbstätige zuletzt eine sinkende Tendenz aufwies. Für diese Entwicklung gibt es Gründe:

Mehr Teilzeit: Der Anteil von Teilzeitkräften an allen Erwerbstätigen hat sich deutlich erhöht – von etwas mehr als 14 Prozent im Jahr 1991 auf fast 29 Prozent im Jahr 2019. Zudem variiert die Zahl der gearbeiteten Stunden bei Teilzeitkräften stärker als bei Vollzeiterwerbstätigen.

Berufswahl: Die Erwerbstätigenquote von Frauen ist in den vergangenen Jahren besonders stark gestiegen. Häufig nahmen die Frauen dabei eine Teilzeitarbeit auf – und zwar eher in „typischen“ Frauenberufen, in denen oft geringere Stundenlöhne gezahlt werden.

Zeitgleich gibt es aber einen eindeutig positiven Teilzeittrend:

Direkt vor der Pandemie gaben nur knapp 9 Prozent der Teilzeitkräfte an, dass sie unfreiwillig in Teilzeit arbeiteten, weil sie keinen Vollzeitjob fänden. Mitte der 2000er Jahre betrug dieser Anteil noch mehr als 22 Prozent.

Blickt man auf die Vollzeitkräfte, wird deutlich, dass deren Einkommen Mitte der 1990er Jahre gleicher verteilt waren als am aktuellen Rand. Allerdings stieg der Gini-Koeffizient, also die Einkommensungleichheit, nur bis Mitte der 2000er Jahre an und verharrt seither auf gleichbleibendem Niveau.

Zunehmende Einkommensspreizung ist eine Mär

Das ist gerade deshalb wichtig, weil einige Interessengruppen stets aufs Neue behaupten, dass es hierzulande in den vergangenen Jahren zu einer immer größeren Einkommensspreizung kam. Sie verweisen unter anderem auf das Auseinanderdriften der durchschnittlichen Nettoeinkommen der unteren 40 und der oberen 60 Prozent der Haushalte. Folglich solle die Politik Gegenmaßnahmen ergreifen.

Um herauszufinden, wie es um diese Entwicklung wirklich steht, ohne dabei jedoch Äpfel mit Birnen zu vergleichen, kommen verschiedene wissenschaftliche Methoden zum Einsatz:

  • Getreu dem Motto „Wichtig ist, was hinten rauskommt“ werden die Nettoeinkommen verglichen, also das, was nach Steuern, Abgaben und staatlichen Transfers übrig bleibt.
  • Der Vergleich erfolgt auf Haushalts- und nicht wie bei den Arbeitseinkommen auf Individualebene. Die Einkommen werden zudem bedarfsgewichtet. Dadurch wird berücksichtigt, dass ein Mehrpersonenhaushalt Kostenvorteile hat, weil zum Beispiel das Telefon oder die Waschmaschine gemeinsam genutzt werden können, und dass Kinder weniger Geld benötigen als Erwachsene.
  • Menschen, die in den eigenen vier Wänden wohnen, müssen keine Miete zahlen. Sie haben also mehr Finanzmittel zur Verfügung als Mieter, insofern die Immobilie bereits vollständig abbezahlt ist. Dieses Mehr an Geld wird als zusätzliches Einkommen berücksichtigt.

Analysiert man mit diesen Prämissen die Einkommensentwicklung von 1994 bis 2018, ist das Bild alles andere als einheitlich. In den ersten Jahren der Betrachtung war der Trend bei den niedrigen Einkommen im Durchschnitt noch positiver als bei den hohen. Dann kam die Trendwende – seit 2002 haben sich die höheren Einkommen besser entwickelt als die niedrigen. Allerdings (Grafik):

Seit Mitte der 2010er Jahre haben sich die niedrigeren und höheren Einkommen weitestgehend parallel zueinander positiv entwickelt. Entwicklung der durchschnittlichen realen bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommen in Preisen von 2015 Der relative Abstand zwischen den Einkommensgruppen hat sich also nicht weiter vergrößert. Das heißt: Das Einkommenswachstum erfolgte inklusiv – alle haben von der guten wirtschaftlichen Lage in den Jahren direkt vor der Corona-Pandemie gleichermaßen profitiert.

Zu diesem Ergebnis kommt man auch, wenn man erneut den Gini-Koeffizienten bemüht, allerdings diesmal nicht für die individuellen Arbeitseinkommen, sondern für die bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommen. Hier zeigt sich:

  • Seit Mitte der 2000er Jahre hat sich die Ungleichheit der Markteinkommen sogar minimal auf einen Gini von 0,477 reduziert.
  • Die Haushaltsnettoeinkommen – also nach Steuern, Abgaben und Transfers – hatten mit 0,289 in den Jahren 2005 und 2018 fast exakt den gleichen Wert.

Einkommen verschiedener Branchen nähern sich an

Der Blick auf verschiedene Wirtschaftszweige verdeutlicht zudem, dass die Einkommensabstände zwischen den einzelnen Branchen tendenziell kleiner geworden sind. Um dies zu belegen, werden erneut die individuellen Bruttoarbeitseinkommen herangezogen. Ein beispielhaftes Ergebnis: Eine Vollzeitkraft im weit gefassten Bereich Erziehung und Unterricht verdiente im Jahr 1991 durchschnittlich gut 38.400 Euro (in Preisen von 2015) – damals der höchste Wert der hier betrachteten Branchen. Bis 2018 stieg das Brutttoeinkommen real um rund 12 Prozent auf 43.200 Euro. Die Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe lagen zu Beginn der 1990er Jahre mit einem Durchschnittsbrutto von knapp 35.800 Euro noch deutlich zurück, ihre Gehälter legten jedoch bis 2018 real um mehr als 22 Prozent auf den neuen Spitzenwert von 43.700 Euro zu. Die beiden Branchen haben sich beim Gehalt also merklich einander angenähert – in anderen Wirtschaftsbereichen gab es ähnliche Trends.

Doch natürlich ist nicht alles in der Einkommensentwicklung eitel Sonnenschein – bei zwei Themen ist die Politik gefordert:

Migration: Das Arbeitseinkommen von Personen mit Migrationshintergrund war durchgängig niedriger als das von Personen ohne Migrationshintergrund:

Das durchschnittliche reale Arbeitseinkommen von Erwerbstätigen ohne Migrationsvergangenheit betrug 2018 gut 38.300 Euro, jene mit Migrationsgeschichte kamen im Schnitt auf 32.700 Euro.

Es ist also essenziell, Zuwanderer noch besser in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren und höher zu qualifizieren – gerade jene, die in jüngster Vergangenheit als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind.

Zugleich sollte bei der Gesamtbewertung der Einkommensverteilung die Flüchtlingsthematik nicht zu falschen Schlüssen führen. Sie hatte schließlich nahezu unvermeidbare statistische Effekte auf die Ungleichheit.

Bildung bleibt Schlüssel für Wohlstand

Bildung: Je höher das Bildungsniveau, desto höher auch das Einkommen – das ist ein vorhersehbares Ergebnis der IW-Studie. Allerdings kommt ihm in der Diskussion über die Einkommensungleichheit entscheidende Bedeutung zu. Denn die Einkommen von Menschen der verschiedenen Bildungsniveaus haben sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr unterschiedlich entwickelt.

So verdienten Personen, die maximal über einen Realschulabschluss verfügen, im Jahr 2018 real gut 2.000 Euro weniger als 1991. Jene, die über ein mittleres Bildungsniveau – beispielsweise die Hochschulreife oder eine Lehre – verfügen, konnten das Jahresgehalt im gleichen Zeitraum nur um wenige Hundert Euro steigern. Doch diese Werte müssen auch mit einiger Vorsicht betrachtet werden, da sie Veränderungen im Erwerbsumfang nicht erfassen. Zudem ist der Anteil von Personen mit einem niedrigen Bildungsniveau über die Jahre deutlich gesunken. Auf der anderen Seite gilt allerdings unbestritten:

Personen mit hohem Bildungsniveau verdienen mittlerweile im Durchschnitt real fast 52.200 Euro im Jahr – 1991 waren es nur rund 44.600 Euro.

Höhere Bildung ist also der Schlüssel zu mehr Einkommen und könnte bewirken, dass der Wohlstand in Deutschland künftig noch inklusiver zunimmt.

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