Betriebszugehörigkeit Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Lange im Betrieb

Die meisten Unternehmen in Deutschland setzen auf eine langfristige Zusammenarbeit mit ihren Mitarbeitern. Das zeigen Daten zur durchschnittlichen Dauer der Betriebszugehörigkeit. Die Mär vom modernen Arbeitnehmer, der als Unternehmer in eigener Sache von einem Job zum nächsten eilt, stimmt nicht mit der Realität überein.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die durchschnittliche Betriebszugehörigkeitsdauer in Deutschland ist seit Jahrzehnten auf einem hohen, sogar leicht steigenden Niveau.
  • Am längsten bleiben Mitarbeiter in der öffentlichen Verwaltung in ihren Betrieben, im Gastgewerbe ist die durchschnittliche Verweildauer hingegen recht kurz.
  • Größere Betriebe weisen eine längere durchschnittliche Dauer der Betriebszugehörigkeit auf als kleinere Betriebe.
Zur detaillierten Fassung

Immer weniger stabile Beschäftigungsverhältnisse, kaum noch Festanstellungen und Arbeitnehmer, die wie Nomaden von einem Unternehmen zum anderen ziehen – dieses Bild wird in der Öffentlichkeit häufig vom deutschen Arbeitsmarkt gezeichnet. Der Realität entsprechen diese Annahmen jedoch nicht. Auswertungen des Sozio-oekonomischen Panels, in dem rund 17.000 Erwerbstätige befragt wurden, zeigen:

Die durchschnittliche Betriebszugehörigkeitsdauer ist seit Jahrzehnten auf einem hohen, sogar leicht steigenden Niveau.

Dabei muss man berücksichtigen, dass diverse Branchen in den vergangenen Jahren vermehrt Personal eingestellt haben. Das ist insofern von Bedeutung, als dass neue Mitarbeiter zunächst mit einer Betriebszugehörigkeitsdauer von null anfangen und somit den Durchschnitt senken. Von einer Auflösung traditioneller Beschäftigungsstrukturen ist folglich nichts zu sehen. Einige Branchen verzeichnen seit Jahren sogar eine gegenläufige Entwicklung (Grafik):

In der öffentlichen Verwaltung ist die Dauer der Betriebszugehörigkeit seit Mitte der 1990er Jahre um mehr als vier Jahre gestiegen.

Mit einem Schnitt von über 17 Jahren sind Beschäftigte hier am längsten am selben Arbeitsplatz. Mitarbeiter im Kredit- und Versicherungsgewerbe und in industriellen Branchen abseits der M+E-Industrie haben mit 15 beziehungsweise 14 Jahren ebenfalls eine lange Betriebszugehörigkeit. Erheblich kürzer sind dagegen die Arbeitnehmer in vielen Dienstleistungsbranchen beschäftigt, etwa im Gastgewerbe mit weniger als sieben Jahren, im Einzelhandel (unter neun Jahre) oder auch im Gesundheits- und Sozialwesen (unter zehn Jahre).

In der öffentlichen Verwaltung bleiben die Beschäftigten mit im Schnitt 17 Jahren am längsten bei einem Arbeitgeber.

Dass „hire and fire“ in der deutschen Wirtschaft – vor allem im Industriesektor – kein Geschäftsmodell ist, hatte schon die Arbeitsmarktentwicklung in der Krise 2009 gezeigt. Zwar brach die Produktion damals um 5 Prozent ein, doch die Beschäftigung blieb konstant. Der Grund: Obwohl zeitweise keine Arbeit für die Mitarbeiter da war und trotz der damit verbundenen Kosten in Milliardenhöhe, hielten die Betriebe an ihren Belegschaften fest, um nach der Krise nicht erst zeitraubend neues Personal suchen zu müssen. Ein zusätzlicher Gedanke war, dass für manche Positionen Fachkräfte schwer zu finden sind.

Alternde Belegschaften

Betriebszugehörigkeit und Alter. Die Entwicklung der Betriebszugehörigkeitsdauer lässt sich nicht losgelöst von der Altersstruktur betrachten. Tendenziell altern die Belegschaften aufgrund der demografischen Gegebenheiten in Deutschland. Dadurch steigt auch die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit. Bei den Jüngeren dagegen sinkt sie, was im Wesentlichen daran liegt, dass die jungen Leute länger in Ausbildung und Studium sind. Bei den Älteren bleibt die Dauer der Betriebszugehörigkeit weitgehend konstant.

Betriebszugehörigkeit und Betriebsgröße. Auch zwischen diesen Merkmalen gibt es einen eindeutigen Zusammenhang (Grafik):

Größeren Unternehmen gehören die Mitarbeiter im Durchschnitt deutlich länger an als kleineren Firmen.

Das gilt ebenso, wenn das Lebensalter in die Berechnung einbezogen wird. Ein Teil der Erklärung ist, dass neu gegründete Betriebe mit entsprechend kurzer Dauer der Betriebszugehörigkeit in der Regel nur wenige Mitarbeiter haben. Große Betriebe existieren dagegen in den meisten Fällen schon länger und hatten Gelegenheit, Arbeitnehmer über eine längere Dauer zu beschäftigen. Kleine Betriebe haben zudem mit geringerer Wahrscheinlichkeit ältere Arbeitnehmer in ihren Reihen.

Betriebszugehörigkeit und Beruf. Bürokräfte und kaufmännische Angestellte haben mit jeweils 12,7 Jahren die längste Betriebszugehörigkeit – auch unter Einbeziehung der Altersstruktur. Mit jeweils 11,9 Jahren arbeiten Techniker und Führungskräfte ebenfalls lange in ihren Betrieben. Auf eine geringere Verweildauer kommen dagegen Verkäufer und andere Dienstleistungsberufe mit insgesamt 8,3 Jahren. Auch Handwerker (10,6 Jahre), Maschinenbediener (10,8 Jahre) und Hilfskräfte (7,9 Jahre) sind unterdurchschnittlich lange im gleichen Betrieb beschäftigt.

Qualifikation allein ist nicht entscheidend

Aus dem Befund für Hilfsarbeiter kann man jedoch nicht schließen, dass eine höhere Qualifikation automatisch eine längere Betriebszugehörigkeit nach sich zieht:

Zwar arbeiten Beschäftigte ohne Berufsausbildung mit 7,9 Jahren vergleichsweise kurz im Betrieb, jedoch bringen es Universitätsabsolventen auch nur auf 9 Jahre.

Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung arbeiten durchschnittlich 12,5 Jahre in ihrem jeweiligen Unternehmen. In der Metall- und Elektro-Industrie sind es sogar 14,2 Jahre. Ähnlich lang sind Fachhochschulabsolventen im Betrieb (12,6 Jahre).

Bei den Geringqualifizierten machen sich Konjunktureffekte deutlich stärker bemerkbar. Außerdem trennen sich Betriebe im Bedarfsfall zunächst von den Mitarbeitern mit den geringsten beruflichen Kenntnissen.

Für die Gruppe der Universitätsabsolventen dürften dagegen zwei andere Faktoren eine Rolle spielen: Zum einen sind befristete Stellen mit geringer Bleibeperspektive im Wissenschaftsbetrieb weit verbreitet. Zum anderen steigen die Absolventen erst später ins Erwerbsleben ein und können daher bei gegebenem Lebensalter nicht auf die gleiche Betriebszugehörigkeit kommen wie ein Arbeitnehmer, der schon mit dem Start in die Lehre in den Betrieb eintritt.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de