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Landen Geringverdiener in der finanziellen Sackgasse?

Rund jeder fünfte abhängig Beschäftigte in Deutschland ist Geringverdiener. Doch einem nicht unerheblichen Teil gelingt der Aufstieg in eine besser bezahlte Tätigkeit, wie eine neue IW-Studie zeigt.

Kernaussagen in Kürze:
  • In Deutschland arbeiten knapp 21 Prozent der abhängig Beschäftigten im Niedriglohnsektor.
  • Als Niedriglohn wird üblicherweise ein Bruttostundenlohn bezeichnet, der weniger als zwei Drittel des mittleren Stundenlohns beträgt.
  • Mit der Aufnahme einer Beschäftigung im Niedriglohnsektor ist die Chance auf einen besser entlohnten Job und auf sozialen Aufstieg verbunden.
Zur detaillierten Fassung

Führt die Aufnahme einer Beschäftigung im Niedriglohnsektor in eine Sackgasse? Oder ist sie vielmehr eine Chance für den (Wieder-)Einstieg in den Arbeitsmarkt? Diese Fragen hat das IW mithilfe von Daten des Sozio-oekonomischen Panels untersucht, das detaillierte Angaben zu Löhnen, persönlichen Merkmalen und zum Haushaltskontext von rund 30.000 Personen enthält und regelmäßig aktualisiert wird.

Fast ein Drittel der neuen Niedriglohnbezieher schafft es innerhalb eines Jahres, ein normales Arbeitseinkommen zu erzielen.

In Deutschland arbeiten knapp 21 Prozent der abhängig Beschäftigten im Niedriglohnsektor. Als Niedriglohn wird üblicherweise ein Bruttostundenlohn bezeichnet, der weniger als zwei Drittel des mittleren Stundenlohns beträgt. Das Einkommen von Niedriglohnbeschäftigten ist also deutlich niedriger als das von Normalverdienern (Grafik):

Das mit der Haushaltsgröße gewichtete mittlere Haushaltsnettoeinkommen von Geringverdienern betrug im Jahr 2019 im Schnitt monatlich 1.429 Euro – rund 770 Euro weniger als bei Normalverdienern und sogar 11 Euro weniger als bei Studenten.

Monatliches Einkommen im Jahr 2019 in Euro

Allerdings arbeiten die meisten Geringverdiener auch mit einem reduzierten Wochenpensum: In der Gruppe der geringfügig Beschäftigten beträgt der Anteil der Niedriglohnbezieher 70 Prozent, von den Teilzeitbeschäftigten sind 26 Prozent Geringverdiener und von jenen, die Vollzeit arbeiten, nur 13 Prozent.

Geringverdiener brauchen meist keine höhere Qualifikation

Auch ist für eine Beschäftigung im Niedriglohnsektor in der Regel keine höherwertige Qualifikation vonnöten. Von den Beschäftigten, die nach eigenen Angaben keine Berufsausbildung zur Ausübung ihrer Tätigkeit benötigen, arbeiten 47 Prozent im Niedriglohnsektor. Zum Vergleich: Von denen, die für ihren Job eine abgeschlossene Berufsausbildung brauchen, arbeiten nur 16 Prozent im Niedriglohnsektor; und bei Tätigkeiten, die einen Hochschulabschluss erfordern, bekommen nur 3 Prozent der Beschäftigten einen Niedriglohn.

Doch viel wichtiger als die Frage, wer als Niedriglohnempfänger zählt, ist es, wie häufig es entsprechenden Arbeitnehmern gelingt, in eine besser bezahlte Beschäftigung zu wechseln.

Die Antwort lautet: gar nicht so selten. Das zeigt eine Betrachtung für den Zeitraum 2011 bis 2019. Zwar hatten 58 Prozent der Geringverdiener nach einem Jahr noch diesen Erwerbsstatus, doch immerhin stieg knapp ein Viertel in das Segment der Normalverdiener auf – entweder durch einen Stellenwechsel oder weil sie auf der bestehenden Stelle mehr Lohn bekamen. Nach fünf Jahren waren von allen ursprünglichen Geringverdienern lediglich noch 38 Prozent im Niedriglohnsektor beschäftigt und 36 Prozent hatten den Sprung in den Normalverdienst geschafft.

Noch besser sind die Perspektiven jener Personen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt neu im Niedriglohnsektor arbeiteten (Grafik):

Von den im Jahr 2011 neuen Geringverdienern bezogen im darauffolgenden Jahr bereits 31 Prozent ein Arbeitseinkommen oberhalb der Niedriglohngrenze, nach fünf Jahren betrug dieser Anteil sogar 42 Prozent.

 Von 100 neu in den Niedriglohnsektor eingetretenen Beschäftigten waren so viele Personen nach … in diesem Verdienstsegment beziehungsweise hatten diesen Status

Doch der Aufstieg gelang auch hier nicht allen: Nach einem Jahr waren noch 45 Prozent der neu in den Niedriglohnsektor Eingetretenen weiterhin Geringverdiener. Nach fünf Jahren waren von ihnen allerdings nur 27 Prozent immer noch oder erneut im Niedriglohnsektor beschäftigt. Mit 10 Prozent war am Ende des Beobachtungszeitraums ein nicht unerheblicher Teil der am Anfang der Beobachtung neuen Niedriglohnbeschäftigten in Rente gegangen und 5 Prozent waren nach fünf Jahren arbeitslos.

Trotz geringem Verdienst sinkt die Armutsgefährdung

Mit der Aufnahme einer Beschäftigung im Niedriglohnsektor ist also die Chance auf einen besser entlohnten Job und damit auf sozialen Aufstieg verbunden. Hinzu kommt, dass Geringverdiener weit weniger von Armut bedroht sind als Arbeitslose: Für Geringverdiener beträgt die sogenannte Armutsgefährdungsquote 22 Prozent, für Arbeitslose dagegen 69 Prozent. Die Quote weist aus, wie viel Prozent einer Gruppe mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung auskommen müssen.

Für Arbeitsuchende ist damit die Aufnahme einer Niedriglohnbeschäftigung in der Regel besser, als diesen Schritt nicht zu gehen.

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