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Interview: „Ein Mensch kann jederzeit in eine Meinungsblase abdriften“

Die IW-Wissenschaftler Judith Niehues und Matthias Diermeier haben herausgefunden, dass bei sozio-ökonomischen Kennzahlen in der Bevölkerung großes Unwissen herrscht. Woran das liegt, wie Abhilfe geschaffen werden könnte und warum nicht alles so schlimm ist, wie es scheint, erklären die beiden Ökonomen im iwd-Interview.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die IW-Forscher Judith Niehues und Matthias Diermeier werben dafür, Menschen mit einer falschen Wahrnehmung der Wirklichkeit nicht zu belehren, sondern ihnen differenzierende Quellen zur Verfügung zu stellen.
  • Sie haben Verständnis für Medien, die eher kritisch berichten, was Probleme zwangsläufig größer erscheinen lässt.
  • Ziel der Bildungspolitik muss es in den Augen der Forscher sein, die digitale Souveränität zu fördern – und zwar nicht nur bei Kindern und Jugendlichen.
Zur detaillierten Fassung

Herr Diermeier, sind Sie in sozialen Medien aktiv?

Diermeier: Ich nutze Twitter als Informationsquelle, weil ich da einen breiteren Blick auf Themen bekomme. Ansonsten verwende ich WhatsApp und Telegram für die private Konversation. Ganz selten schaue ich auf Telegram in die Gruppen – für den Blick über den Tellerrand. Das ist teils schon hanebüchen, was dort gepostet wird.

Befragte überschätzen Zahlen eher in eine pessimistische Richtung, wenn sie sich große Sorgen um das Thema machen.

Die Ergebnisse Ihrer Studie legen nahe, dass Menschen, die sich vor allem über soziale Medien informieren, ökonomische Fakten und Entwicklungen besonders häufig falsch einschätzen. Wie lässt sich dieser Zusammenhang begründen?

Niehues: Ganz wichtig ist, dass wir keinen kausalen Zusammenhang herstellen können. Beide Wirkrichtungen sind plausibel: Menschen mit einer bestimmten Wahrnehmung suchen sich passende Kanäle. Umgekehrt basieren die Netzwerke auf Algorithmen, die diese – vielleicht falsche – Wahrnehmung verstärken.

Judith Niehues und Matthias Diermeier sind Wissenschaftler im Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Diermeier: Generell ist der Diskurs in den sozialen Netzwerken heftiger und konfrontativer als in den klassischen Medien. Dadurch empfinde ich als Nutzer – leider – viel seltener eine kognitive Dissonanz und lasse mich seltener auf eine abweichende Meinung ein.

Wie lässt sich erklären, warum die Menschen bei den Schätzfragen in Ihrer Studie so danebenlagen?

Niehues: Generell gilt bei Befragungen: Wenn der tatsächliche Wert eine eher kleine Zahl ist, wird er leicht überschätzt, da Menschen in Befragungen tendenziell in Richtung Mitte der möglichen Werte antworten. Hinzu kommt, dass Befragte die Zahlen eher in eine pessimistische Richtung überschätzen, wenn sie sich große Sorgen um das zugrunde liegende Thema machen. Allerdings ist auch hier die Wirkrichtung nicht eindeutig: Große Sorgen können hohe Schätzwerte verursachen. Aber Leute können auch hohe Werte vermuten und sich deshalb größere Sorgen machen.

Systematische sozioökonomische Bildung notwendig

Sie sprechen sich für eine systematische sozioökonomische Bildung aus. Wie soll die aussehen?

Diermeier: Es muss immer darum gehen, dass Schülerinnen und Schüler lernen, die Komplexität einer Problemlage zu erfassen. Und dann müssen sie mit allen Informationen geordnet umgehen, die Informationen beispielsweise nach ihrer Qualität bewerten lernen. Denn auch im viel gescholtenen Internet ist ja nicht alles ein wahrheitsfreier Einheitsbrei – da gibt es jede Menge verifizierte, wissenschaftlich fundierte Informationen.

Letztlich muss der Nachwuchs befähigt werden, die unterschiedlichen Akteure im Internet zu decodieren, aber auch Studien und Meinungen zu hinterfragen.

Niehues: Digitale Souveränität ist bei Erwachsenen aber natürlich genauso wichtig.

Welche Maßnahmen wären aus Ihrer Sicht geboten, um diese „digitale Souveränität“ zu fördern?

Diermeier: Das muss ein Leben lang immer wieder eingeübt werden. Denn zu jedem Zeitpunkt im Leben kann ein Mensch in eine Blase abdriften. Um es konkret zu machen: Will ich mit einer Information durchdringen, sollte ich meinen Standpunkt immer bestmöglich differenzieren. Diesen Weg gehen wir bei der interaktiven Beteiligungsplattform, die wir in einem von der Brost-Stiftung geförderten Projekt entwickelt haben (checkpott.ruhr): Da können die Leute zunächst selbst Kennzahlen schätzen. Dann zeigen wir, wie andere Befragte die Lage eingeschätzt haben, und bieten Informationen an, die hoffentlich zum Nach- und gegebenenfalls sogar Umdenken anregen.

Differenzierte Darstellung ist wichtig

Niehues: Bei jenen, die bereits in einer Meinungsblase sind, wird sich eine falsche Wahrnehmung sicherlich nicht einfach durch eine belehrende Konfrontation mit den Fakten verändern. Indem man differenzierende Quellen zur Verfügung stellt, können Menschen selbst Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen.

Sie sagen: Die Sachlage muss unbedingt differenziert dargestellt werden. Aber scheitern daran oft nicht schon die klassischen Medien?

Diermeier: Klar, Medien wollen eine Geschichte erzählen, nicht nur trocken berichten – und das ist auch gut so. Aber auf den klassischen Kanälen gibt es durchaus Pluralismus, viel ausgewogene Berichterstattung.

Niehues: Und auch in den sozialen Medien wird mittlerweile oft auf weiterführende Quellen verwiesen und unwahre Posts werden markiert oder entfernt.

Diermeier: Es ist viel schlimmer, wenn Leute privat eine unwahre Information weiterleiten. Diese „Fake News“ wieder einzufangen, ist deutlich schwieriger als auf irgendeinem öffentlich zugänglichen Medienkanal.

Die Konsumenten klassischer Medien lagen bei den Schätzfragen für Ihre Studie ebenfalls ziemlich daneben. Da könnte man schon fragen, ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinem Bildungsauftrag noch nachkommt …

Niehues: Es ist ja Aufgabe des Journalismus, kritisch zu berichten, also gerade in die Themenbereiche reinzuleuchten, in denen Probleme bestehen. Wenn sehr häufig über ein Thema berichtet wird, kann natürlich der Eindruck entstehen, dass die Problemlagen größer sind, als es in Wirklichkeit der Fall ist.

Diermeier: Aber gerade in jüngster Zeit gab es einige Bücher, die sehr erfolgreich gegen dieses „Alles wird immer schlimmer!“ angeschrieben haben. Zum Beispiel der Bestseller „Factfulness“ von Hans Rosling.

Studienergebnisse aus dem Ruhrgebiet stimmen positiv

Inwiefern erreicht so ein Buch dann aber die, die es erreichen müsste?

Diermeier: Positive Narrative brauchen sicherlich Zeit, bis sie ihre Wirkung entfalten. Unsere Ergebnisse stimmen uns aber durchaus positiv: Wir haben ja einmal auf Deutschland insgesamt und zusätzlich speziell aufs Ruhrgebiet geschaut. Dort ist die Einschätzung bei vielen Themen besonders negativ. Da könnte man denken: Im Ruhrpott hat man besonders viele Menschen verloren. Aber anders als beispielsweise im Rust Belt in den USA stimmt das nicht. Noch immer existiert im Ruhrgebiet ein starkes Demokratiegefühl.

Niehues: Ein Grund dafür könnte sein, dass die Menschen dort überdurchschnittlich häufig lokale Medien nutzen. Das stiftet Identität. Das gilt zudem für die Lokalpolitik, wenn sich die Bürger beispielsweise über das neu gewählte Ruhrparlament kommunal repräsentiert wissen. Hinzu kommt, dass die Folgen des Strukturwandels mit sehr viel staatlichem Geld abgemildert wurden und noch immer werden. Daraus ist eine gute digitale Infrastruktur entstanden, es gibt Unternehmensgründungen und eine renommierte Hochschullandschaft. Das macht Hoffnung für die Zukunft.

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