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„In einer Demokratie wäre der Kölner Dom nicht gebaut worden“

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 findet im autokratischen Russland statt, die nächste WM in der Erbmonarchie Katar; herausragende Fußballer wechseln für mehrere 100 Millionen Euro den Verein und verdienen pro Tag mehr als der Durchschnittsdeutsche im Jahr. Im iwd-Interview erklärt IW-Wirtschaftsethiker Dominik Enste, wie all das zusammenhängt.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Transfersummen, die Vereine für Fußballspieler wie Neymar und Ronaldo zahlen, sind ebenso wie deren Gehälter kein Ausdruck von Leistungsgerechtigkeit, sondern von Knappheit – so sieht es Dominik Enste, Experte für Wirtschaftsethik im Institut der deutschen Wirtschaft.
  • Die Korruptionsskandale der FIFA erstaunen den Ökonomen kaum: Internationale Organisationen seien Abbild der weltweiten Korruptionsverteilung.
  • Dass die Übertragungsrechte aus den öffentlich-rechtlichen Rundfunkgebühren bezahlt werden, hält Enste für gerechtfertigt, denn Großereignisse wie die Fußballweltmeisterschaft würden den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken.
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Ist es ethisch vertretbar, dass für einen Fußballer 222 Millionen Euro Ablöse gezahlt werden und er 37 Millionen Euro im Jahr verdient? Erst mal muss man festhalten: Es ist legal. Die zentrale Frage ist, ob es legitim ist. Also: Akzeptiert eine Gesellschaft das, was dort passiert? Dazu ist es sinnvoll, verschiedene Interessengruppen zu betrachten. Das sind erstens die Fans. Sie schauen trotz der sehr hohen Summen weiter Champions League und Co. und gehen zu den Spielen. Es scheint sie also (noch) nicht zu stören, zumindest nicht nachhaltig. Zweitens kann man die Klubs und Investoren betrachten, die mit dem Fußball Geld verdienen oder es als Hobby verstehen. Für manche ist es sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn bloß „Spielgeld“, sodass sie mitmachen oder es sogar fördern. So kann man weitere Stakeholder durchgehen: Journalisten, Politiker und so weiter. Momentan explodieren die Preise jedoch regelrecht. Wie ist das wirtschaftlich zu rechtfertigen? Am Ende schwingt immer die Frage nach der Gerechtigkeit mit. Die Preise haben dabei wenig mit Leistungsgerechtigkeit zu tun, sondern mit Knappheitsgerechtigkeit. Da es aktuell keinen zweiten Ronaldo oder Neymar gibt, können sie als Monopolanbieter Preise aufrufen und schauen, ob jemand bereit ist, das zu bezahlen.

Mit wirtschaftlicher Logik ist das Geschehen auf dem Fußballmarkt nur schwer nachzuvollziehen. Macht, Einfluss und Ego spielen eine größere Rolle.

Der Wettbewerb auf dem Fußballmarkt ist sehr oligopolistisch geprägt und nicht fair: Es gibt einige finanziell sehr gut ausgestattete Klubs, die bestimmte Spieler gerne einkaufen wollen – koste es, was es wolle. Mit wirtschaftlicher Logik hinsichtlich einer Kosten-Nutzen-Rechnung ist das vielfach nur schwer nachzuvollziehen. Da spielen Macht, Einfluss und Ego eine größere Rolle, beispielsweise auch mit Blick auf jene Milliardäre, die sich eigene Klubs gönnen. Wäre es nicht an der Zeit, eine Art Kartellbehörde im Fußball einzuführen? Am Ende entscheidet auch das die Gesellschaft. Und solange die Zuschauer und Fans das Treiben im Fußball mitmachen, ist es schwierig, etwas an den etablierten Strukturen zu verändern. Das Kernproblem sind für mich nicht die Summen, die gezahlt werden, sondern das Ungleichgewicht, das es gibt und das immer größer wird. Wer jetzt einen Startvorteil hat, ist wahrscheinlich bald nicht mehr einzuholen. Und wenn die Wettbewerbe zu einseitig werden, dann kann ich mir vorstellen, dass die Fans das nicht mehr akzeptieren. Stichwort Weltmeisterschaft: Russland und Katar sind die nächsten Gastgeber. Inwieweit lässt sich gerade der Fußball politisch instrumentalisieren und sollte die FIFA nicht darauf achten, für bestimmte Werte einzustehen? Die Gremien der FIFA werden aus den Mitgliedern der verschiedenen Länder zusammengestellt. Deshalb spiegelt sich die Korruptheit dort auch in der FIFA wider. Zu glauben, dass eine internationale Organisation nicht auch ein Stück weit das Abbild der weltweiten Korruptionsverteilung ist, ist naiv.

Internationale Organisationen wie die FIFA sind auch Abbild der weltweiten Korruptionsverteilung.

Und eins dürfen wir nicht vergessen: Länder, die korrupt sind und in denen die Elite über sehr viel Geld und Einfluss verfügt, können relativ leicht 10 Milliarden Euro in eine WM investieren. Sie brauchen keine demokratische Legitimierung. Deshalb tun sich Demokratien deutlich schwerer damit, große Beträge auszugeben – wie am Beispiel der Olympiabewerbung Hamburgs zu sehen war. So hart es klingt: Es gäbe sehr wahrscheinlich keinen Kölner Dom und kein Schloss Neuschwanstein, wenn wir schon damals eine Demokratie gewesen wären. Man hat als Außenstehender den Eindruck, vor allem Fußball sei mit Blick auf Gesetzesverstöße wie Steuerhinterziehung nahezu unantastbar, denn die Schuldigen kommen meist mit milden Strafen davon. Täuscht das?

Man nimmt in den Medien eher wahr, wenn über Messi und Ronaldo berichtet wird. Über die breite Masse der Gerichtsverfahren, in denen es um ähnliche Summen geht und in denen ähnlich geurteilt wird, berichtet die Presse nicht.

Dominik Enste ist Leiter des Kompetenzfelds Verhaltensökonomik und Wirtschaftsethik im Institut der deutschen Wirtschaft; Foto: IW Medien Ich hoffe jedenfalls, dass zumindest in gefestigten Rechtsstaaten vor dem Gesetz alle gleich be- und verurteilt werden. Wichtig ist allerdings auch, wie Personen moralisch bewertet werden. Und da ist es wirklich so, dass Manager stärker abgestraft werden als Fußballer.

Aber das kann man auch einfach erklären: Manager sind Anzugträger, die nur die wenigsten kennen, da gibt es keine Emotionen. Dass sich der Aktienkurs von Allianz in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht hat, findet keiner supersexy. Und: Von der Idee her kann jeder Profifußballer werden. In den Vorstand eines Dax-Unternehmens komme ich dagegen nicht so leicht rein. Übertragungsrechte für die WM zahlt jeder Bürger durch seine Rundfunkgebühren mit, ob er will oder nicht. Ist das wirklich Aufgabe einer Gesellschaft? Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk den Auftrag hat, für den Zusammenhalt der Gesellschaft Sorge zu tragen, indem er über das berichtet, was die Gesellschaft beschäftigt, hat er auch den Auftrag, von Großereignissen zu berichten. Sofern er zusätzlich auch über Randsportarten berichtet, ist das in Ordnung. Sich ausschließlich auf Großereignisse zu konzentrieren, wäre problematisch. Wir müssen es so sehen: Großereignisse, bei denen Deutschland Weltmeister werden kann, stiften Zusammenhalt. Die WM 2006 hatte viel mehr als nur einen sportlichen Wert: Menschen, die normalerweise nicht miteinander in Kontakt kommen, haben zusammen gefeiert. Die positiven externen Effekte für das Wir-Gefühl der Deutschen waren immens. Es gibt aber auch negative Effekte: Polizeieinsätze bei Bundesligaspielen, Fanausschreitungen oder Ähnliches. Wenn Fans aufeinander losgehen, passiert das in der Regel rund ums Stadion und auch nur da. Das ist sehr ritualisiert und für die Polizei verhältnismäßig gut zu händeln. Wie wird sich der Fußball wirtschaftlich weiterentwickeln? Wenn das Geschäftsmodell nur auf den europäischen Raum beschränkt wäre, würde es aus den beschriebenen Gründen sicher irgendwann kollabieren. Doch wenn es gelingt, andere Märkte – vor allem in Asien – zu erschließen, kann es noch eine lange Zeit so weitergehen.

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