Länderporträt Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Südkorea: Der Entwicklungsstar

In den kommenden beiden Wochen lernen Olympioniken und Zuschauer ein besonderes Land kennen: Eines, das innerhalb weniger Jahrzehnte aus bitterer Armut zum ökonomischen Big Player aufgestiegen ist – und das jetzt vor den nächsten Aufgaben steht.

Kernaussagen in Kürze:
  • Südkorea, vom 9. bis zum 25. Februar Gastgeber der Olympischen Winterspiele, hat in den vergangenen drei Jahrzehnten eine rasante Wirtschaftsentwicklung hingelegt, während Nordkorea ein Entwicklungsland geblieben ist.
  • Hinter dem südkoreanischen Erfolg stecken riesige, lange vom Staat unterstützte Firmenkonglomerate, die konsequent auf den Export getrimmt wurden.
  • Inzwischen steht Südkorea vor ähnlichen Problemen wie viele andere Industrieländer: einer alternden Gesellschaft und zunehmender Einkommensungleichheit.
Zur detaillierten Fassung

Im Jahr 1988 war Seoul Gastgeber der olympischen Sommerspiele, heute beginnen die Winterspiele in Pyeongchang. Die Sportler, die noch bis zum 25. Februar auf Loipen, Pisten und Eisbahnen unterwegs sein werden, erleben ein anderes Südkorea als die Sommerolympioniken vor 30 Jahren. Das zu den asiatischen Tigerstaaten zählende Land hat eine rasante ökonomische Entwicklung hingelegt:

Im Jahr 2016 war Südkoreas reales Bruttoinlandsprodukt laut Weltbank mehr als dreimal so hoch wie 1988.

Zum Vergleich: Während Deutschland seine Wirtschaftsleistung seit 1991 um 40 Prozent gesteigert hat, schaffte Südkorea satte 226 Prozent. Inzwischen ist der Olympia-Gastgeber gemessen in Dollar die elftgrößte Volkswirtschaft der Welt, einen Platz hinter Kanada und einen vor Russland sowie Asiens Nummer vier nach China, Japan und Indien.

Eine Top-Leistung: Südkorea hat sein reales Bruttoinlandsprodukt seit Olympia 1988 in Seoul mehr als verdreifacht.

Dieser Aufstieg gelang aus bitterer Armut: Nach dem Korea-Krieg von 1950 bis 1953 und der anschließenden Teilung der koreanischen Halbinsel zählte Südkorea zu den ärmsten Ländern der Welt. Während dies auf Nordkorea noch heute zutrifft (Grafik und Kasten), ging es im Süden nach der Wahl von Park Chung-hee zum Präsidenten im Jahr 1961 ökonomisch voran. Sein Regierungsstil wird etwas euphemistisch auch als „Entwicklungsdiktatur“ bezeichnet. Doch auch wenn Park seine Macht bis zu seiner Ermordung 1979 mit fragwürdigen militärischen Mitteln erhielt, so legte er doch den Grundstein zur heutigen wirtschaftlichen Stärke Südkoreas – indem er die Wirtschaftspolitik rigide auf die exportorientierte Industrie getrimmt hat. Wichtige Wirtschaftskennziffern und Entwicklungsindikatoren im Vergleich

Im Staate Samsungs

Während Parks Regierungszeit entstanden die „Chaebol“, riesige, vom Staat unterstützte Mischkonzerne in Familienhand. Das wohl bekannteste dieser Familienkonglomerate ist der Technologiegigant Samsung – laut Forbes-Liste 2017 das fünfzehntgrößte Unternehmen der Welt. Auch das inzwischen in Schiffbau und Autobau aufgespaltene Hyundai, das 1998 den heimischen Konkurrenten Kia geschluckt hat, der Elektronikkonzern LG und das in Europa weniger präsente Mischunternehmen SK Group zählen zu jenen Chaebol, die heute für Südkorea von größter wirtschaftlicher Bedeutung sind.

So viel Abhängigkeit von wenigen Großunternehmen birgt jedoch Risiken, wie die Asienkrise 1997 und 1998 schmerzhaft gezeigt hat. Nicht alle südkoreanischen Konzerne überlebten die Liquiditätsengpässe infolge des Rückzugs westlicher Finanzinvestoren, viele andere mussten sich von unwirtschaftlichen Bereichen trennen. Dies führte dazu, dass die Arbeitslosigkeit in die Höhe schoss: von 2,6 Prozent 1997 auf 7,0 Prozent im Jahr darauf.

Eine exportstarke Industrienation geht ihren Weg

Die folgenden Wirtschaftsreformen trugen jedoch schnell Früchte. Südkorea öffnete sich stärker für ausländische Direktinvestitionen und setzte vor allem auf eine bessere Integration in den Welthandel: Mittlerweile 16 Freihandelsabkommen mit insgesamt 58 Ländern, darunter China und die USA, machten Südkorea 2016 zum sechstgrößten Warenexporteur der Welt, wenn man die EU als Einheit betrachtet.

Das Handelsabkommen, das Südkorea im Juli 2011 mit der EU geschlossen hat, gilt inzwischen hier wie dort als Beleg für die wirtschaftlichen Chancen, die sich mit dem Freihandel verbinden – auch wenn die Exporte der EU nach Südkorea seit 2011 stärker gestiegen sind als ihre Importe von dort. Dominiert wird der Handel von Industrieerzeugnissen: Automobile liefern beide Seiten. IT-, Telekommunikations- und Elektronikausstattung, also Hochtechnologie, kommt eher aus Südkorea. Die EU dagegen verschifft mehr Maschinen gen Osten.

Als Handelsnation profitiert Südkorea auch von seinem Containerhafen Busan, der 2016 der sechstgrößte der Welt war – und diesen Platz nur gegen aufkommende chinesische Häfen behaupten muss. Die großen europäischen Containerumschlagplätze Rotterdam, Antwerpen und Hamburg halten mit den Asiaten schon lange nicht mehr mit.

Südkorea und Deutschland im Vergleich

Das Wirtschaftswachstum im Olympialand lag in den vergangen zehn Jahren stets leicht bis deutlich über dem deutschen, im Jahr 2016 betrug es 2,8 Prozent. Das um Kaufkraftunterschiede bereinigte Bruttoinlandsprodukt je Einwohner war 2016 mit 37.730 Euro zwar noch ein ganzes Stück vom deutschen Wohlstandsniveau entfernt, aber sogar etwas höher als beispielsweise in Neuseeland, Italien, Spanien und Israel.

Die Arbeitslosigkeit fiel 2016 mit 3,7 Prozent etwas geringer aus als in Deutschland, die Staatsverschuldung ist mit 38 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sogar deutlich niedriger.

Risiken und künftige Herausforderungen

Wie viele industrialisierte Volkswirtschaften bekommt auch Südkorea mittlerweile zu spüren, dass die Leistungsentwicklung nicht immer unaufhaltsam voranschreitet. So steht Südkorea ähnlich wie Deutschland vor immensen demografischen Herausforderungen. Die Gesellschaft altert und Nachwuchs ist nicht in Sicht:

Mit 1,2 Kindern je Frau liegt die Geburtenrate in Südkorea noch unter der deutschen – während die Lebenserwartung Neugeborener die hiesige mit 82 Jahren sogar noch um ein Jahr übertrifft.

Nicht von ungefähr zeigten sich die Analysten des Internationalen Währungsfonds (IWF) daher kürzlich besorgt, insbesondere über die hohe Altersarmut und die allgemein zunehmende Einkommensungleichheit: Es bestehe die Gefahr, dass die Koreaner alt werden, bevor sie reich sind. Der IWF empfiehlt daher, die soziale Sicherung ausbauen.

Ein Nachteil im internationalen Wettbewerb ist für Südkorea seine vergleichsweise geringe Produktivität. Auch hier hat der IWF ein Rezept parat: Man möge sich doch Deutschlands Arbeitsmarktreformen aus den 2000er Jahren abschauen. Flexiblere Beschäftigungsverhältnisse könnten dazu beitragen, dass die Arbeitskräfte schneller in produktive Jobs wechseln.

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