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Hidden Champions: Die Starken aus der zweiten Reihe

Mehr als 1.300 Hidden Champions – kaum bekannte Weltmarktführer – machen die einzigartige Stärke der deutschen Wirtschaft aus. In anderen Ländern ist dieser exportstarke Unternehmenstypus, der zwischen Mittelstand und Konzern einzuordnen ist, dagegen weniger verbreitet.

Kernaussagen in Kürze:
  • Von den weltweit gut 2.700 Hidden Champions – auf Nischenmärkte spezialisierte mittelständische Firmen – kommen mehr als 1.300 aus Deutschland.
  • Der Umsatz der überwiegend zur Industrie zählenden heimlichen Weltmarktführer wächst hierzulande im Schnitt um 8 Prozent pro Jahr.
  • Der Erfolg weckt Begehrlichkeiten: Seit 2010 haben chinesische Investoren in Baden-Württemberg 58 Hidden Champions und andere Unternehmen übernommen, in Nordrhein-Westfalen waren es 51 und in Bayern 44 Weltmarktführer.
Zur detaillierten Fassung

Deutschland ist das Land des unternehmerischen Mittelstands, wird gern und oft behauptet. Dass mittelständische Unternehmen die Wirtschaftsstruktur dominieren, gilt jedoch fast überall, man denke nur an die vielen Kleinbetriebe in Italien oder Griechenland. Was in der Bundesrepublik hervorsticht, ist vielmehr die hohe Bedeutung des größeren Mittelstands, also der Unternehmen mit 250 bis 3.000 Mitarbeitern.

Und in dieser Kategorie gibt es ungewöhnlich viele international sehr erfolgreiche Firmen, die sich auf Marktnischen spezialisiert haben: Hidden Champions. Der Begriff wurde vom Wirtschaftsberater Hermann Simon definiert:

  1. Das Unternehmen agiert in einem oft eng abgegrenzten Marktsegment und zählt in der jeweiligen Branche global zu den Top Drei oder ist führend auf dem Heimatkontinent.
  2. Ein jährlicher Umsatz von 3 Milliarden Euro wird üblicherweise nicht dauerhaft überschritten.
  3. Das Unternehmen ist in Fachkreisen bekannt, aber kaum in der Öffentlichkeit.

Die Umsatzgrenze ist allerdings nicht fix, sondern wird von Zeit zu Zeit angehoben, da sonst viele Unternehmen allein aufgrund ihres Erfolgs aus den Grenzen der Definition herauswachsen würden – und zwar ziemlich schnell:

Im Durchschnitt wächst der Umsatz der deutschen Hidden Champions um 8 Prozent pro Jahr.

In vielen Aspekten sind diese Unternehmen typisch mittelständisch: Sie sind meist inhabergeführt und nicht börsennotiert, obwohl sie weltweit agieren und Milliardenumsätze erreichen können. Und sie wachsen üblicherweise organisch und stetig, nicht durch kreditfinanzierte Zukäufe. Gerade wegen ihrer hohen Eigenkapitalquote handelt es sich um wirtschaftlich nachhaltige Unternehmen. Sie weisen eine geringe Mitarbeiterfluktuation auf und auch die Führungskräfte bleiben im Durchschnitt etwa dreimal so lange im Unternehmen wie in börsennotierten Großunternehmen.

Durch ihre hohe Spezialisierung, ständige Innovationen und starke Kundenorientierung können Hidden Champions – überwiegend Industrieunternehmen – die Massenproduzenten mit günstigeren Produktionskosten auf Abstand halten.

Durch ihre hohe Spezialisierung, ständige Innovationen und starke Kundenorientierung können die Hidden Champions der Industrie die Massenproduzenten auf Abstand halten.

Der Wirtschaftsberater Herrmann Simon hat in den Jahren 2014 bis 2016 gezählt, wie viele solcher Unternehmen es wo gibt. Das Ergebnis ist für Deutschland besonders schmeichelhaft (Grafik):

Von den weltweit gut 2.700 Hidden Champions kommen mehr als 1.300 aus Deutschland. Heimliche Weltmarktführer je 1 Million Einwohner

Selbst in den USA und China ist ihre Zahl – gemessen an der Größe dieser Volkswirtschaften – auffallend gering.

Dass die heimlichen Weltmarktführer aus Deutschland trotz ihres Erfolgs in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt sind, liegt auch an der Rolle, die sie in den globalen Lieferketten einnehmen: Viele Hidden Champions sind im Maschinenbau, der Automobilzulieferung und in industriellen Dienstleistungen zu Hause. Ihre Produkte und Dienste richten sich also nicht an die Endkonsumenten, sondern an die Industrie. Deshalb stehen diese Unternehmen selten im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit, zumal sie keine Werbung für ihre Produkte in Massenmedien machen (müssen), sondern sich eher auf Fachmessen, in Fachpublikationen und durch die direkte Ansprache ihrer Abnehmer präsentieren.

Wo die heimlichen Weltmarktführer in Deutschland zu finden sind

Schaut man auf die Verteilung der Hidden Champions in Deutschland, stehen klassische Industrieregionen an der Spitze (Grafik):

Mit 322 Hidden Champions ist Nordrhein-Westfalen vorn – es folgen Baden-Württemberg mit 302 und Bayern mit 229 Unternehmen. So viele heimliche Weltmarktführer gibt es in den einzelnen Bundesländern und so viele chinesische Beteiligungen und Übernahmen fanden dort von 2010 bis 2018 statt

Auch wenn man die Bevölkerung in den Bundesländern berücksichtigt, ändert sich an diesem Bild nicht viel: Je eine Million Einwohner gerechnet, steht Baden-Württemberg mit fast 28 Hidden Champions ganz oben, es folgen Hamburg mit rund 25, NRW mit rund 19 und Bayern mit knapp 18 Unternehmen.

Am anderen Ende des Rankings finden sich drei ostdeutsche Bundesländer: In Brandenburg gibt es lediglich acht Hidden Champions, in Mecklenburg-Vorpommern sind es vier und in Sachsen-Anhalt nur drei. Auch je eine Million Einwohner gerechnet rangieren diese drei Länder ganz hinten. Ihre Mittelständler sind noch nicht in die Schuhe der Hidden Champions hineingewachsen.

Auffällig bei der Verteilung der Weltmarktführer ist ihre Konzentration auf den ländlichen Raum Baden-Württembergs, Südhessens sowie Teile Bayerns und Nordrhein-Westfalens.

Auffällig bei der Verteilung der Weltmarktführer ist zudem ihre Konzentration auf den ländlichen Raum Baden-Württembergs, Südhessens sowie Teile Bayerns und Nordrhein-Westfalens. Gerade dort stehen die Hidden Champions jedoch vor großen Herausforderungen – die lokalen Arbeitsmärkte sind so gut wie leer gefegt.

Chinesische Investoren greifen zu

Ein anderer Grund, warum Deutschland seine Hidden-Champions-Sonderstellung bald verlieren könnte, ist der zunehmende internationale Wettbewerb. China zum Beispiel setzt bei seiner Strategie „Made in China 2025“ nicht nur gezielt auf die Entwicklung der eigenen Unternehmen, sondern will auch mittels Übernahmen und Beteiligungen zur Weltspitze aufschließen. Da liegt es nahe, dass die deutschen Hidden Champions Begehrlichkeiten wecken:

Seit 2010 haben chinesische Investoren in Baden-Württemberg 58 Hidden Champions und andere Unternehmen übernommen, in Nordrhein-Westfalen waren es 51 und in Bayern 44 Weltmarktführer.

Diese Aktivitäten – nicht nur chinesischer Investoren – haben mittlerweile sogar die Bundesregierung auf den Plan gerufen. Sie hat 2017 und 2018 die Außenwirtschaftsverordnung verschärft und sich dadurch mehr Eingriffsmöglichkeiten gesichert. Auf EU-Ebene sind zudem mehr Transparenz und ein besserer Informationsaustausch zwischen den Mitgliedsstaaten vereinbart worden.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier reicht dies aber nicht: In seiner „Nationalen Industriestrategie 2030“ (siehe „Die Neuentdeckung der Industrie“) regt er sogar an, einen Beteiligungsfonds zu gründen, mit dem der Staat „in besonderen Fällen“ und „für einen befristeten Zeitraum“ in ein Unternehmen einsteigen kann, um dessen Übernahme zu verhindern. Diese Art des Staatskapitalismus sollte aber die Ausnahme bleiben.

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