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Ganztagsschule: Mehr als ein Mittagessen

Rund zwei Drittel der Grundschulen in Deutschland bieten mittlerweile ganztägige Betreuungskonzepte an. Allerdings gibt es in einigen Regionen noch große Lücken bei der Ganztagsversorgung. Auch die Qualität der Nachmittagsangebote muss weiter verbessert werden.

Kernaussagen in Kürze:
  • Laut Kultusministerkonferenz gab es 2016 in Deutschland rund 10.000 Ganztagsgrundschulen, das entspricht einer Quote von annähernd 66 Prozent.
  • Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind riesig: So bieten in NRW mehr als 90 Prozent der Grundschulen den Ganztag an, in Baden-Württemberg dagegen nur jede vierte.
  • Qualitativ muss das Angebot weiter verbessert werden. Beispielsweise wünschen sich rund 50 Prozent der Eltern eine gezieltere Förderung einzelner Kinder.
Zur detaillierten Fassung

Zunächst einmal die gute Nachricht: In Deutschland gibt es immer mehr Ganztagsschulen. Beispiel Grundschule: Im Jahr 2012 offerierten bundesweit 7.885 von ihnen eine Ganztagsbetreuung, das war knapp die Hälfte aller Grundschulen. Bereits 2015 stellten fast 56 Prozent ein Ganztagskonzept bereit, mittlerweile dürften es rund zwei Drittel sein (Grafik): Laut Kultusministerkonferenz (KMK) gab es 2016 in Deutschland rund 10.000 Ganztagsgrundschulen, das entspricht einer Quote von annähernd 66 Prozent. Anteil der Grundschulen mit Ganztagsangeboten in den einzelnen Bundesländern Der Anstieg zwischen 2015 und 2016 ist allerdings hauptsächlich auf eine Veränderung der Statistik zurückzuführen. Seitdem werden auch Schulen mit angeschlossenen Horten als Ganztagsschulen gezählt, vorausgesetzt, es gibt ein gemeinsames Konzept und die Schule ist für die Nachmittagsangebote mitverantwortlich. Dies hat in Sachsen-Anhalt beispielsweise dazu geführt, dass die Zahl der Ganztagsschulen zwischen 2015 und 2016 sprunghaft von 18 auf 311 gestiegen ist.

Unterschiede zwischen Bundesländern sind riesig

Grundsätzlich war diese Anpassung der Statistik überfällig, denn die Nachmittagsangebote der Horte unterschieden sich nicht grundlegend von denen der offenen Ganztagsschulen – also solchen, die keinen verpflichtenden Nachmittagsunterricht haben. Dennoch gibt es weiteren Verbesserungsbedarf bei der Definition: Die KMK erfasst als Ganztagsschule alle Einrichtungen, die die Schüler an mindestens drei Wochentagen wenigstens sieben Stunden lang betreuen. Das deckt den Betreuungsbedarf von Vollzeit arbeitenden Eltern in der Regel bei Weitem nicht. Daher wäre eine weitere Differenzierung nach angebotenem Betreuungsumfang dringend nötig.Obwohl es also bundesweit von Jahr zu Jahr mehr Ganztagsschulen gibt, die meist auch ein warmes Mittagessen anbieten, sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern riesig: In Berlin, Hamburg, NRW, dem Saarland, Sachsen und Thüringen bieten bereits mehr als 90 Prozent der Grundschulen den Ganztag an, in Baden-Württemberg dagegen nur jede vierte. Doch das soll sich ändern. So sieht der Koalitionsvertrag der Bundesregierung vor, dass bis 2025 für jeden Grundschüler ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung bestehen soll. Für die notwendigen Investitionen will der Bund 2 Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Den größten Teil der Kosten für den Betreuungsausbau müssen jedoch wohl die Kommunen tragen. Städte und Kommunen mit angespannter Haushaltslage werden das kaum leisten können. Zudem dürfte die Suche nach geeignetem Personal schwierig werden: Schon heute ist es oft problematisch, qualifizierte Betreuer für die Nachmittagsangebote an den Schulen zu finden.

Das Ganztagsangebot in Deutschland wächst, vor allem qualitativ sind aber weitere Verbesserungen erforderlich.

So wünschenswert der Ausbau der Ganztagsangebote für Grundschüler auch ist, die Qualität der Angebote darf dabei nicht zu kurz kommen. Zurzeit variiert das Qualitätsniveau sehr stark. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung von 2016 zeigt, dass zumindest aus Elternsicht noch reichlich Verbesserungsbedarf besteht. Die meisten Väter und Mütter, deren Kinder regelmäßig nachmittags in der Schule sind, sind zwar mit den Rahmenbedingungen recht zufrieden, dennoch gibt es Kritik (Grafik): Rund 40 Prozent der Eltern finden, dass sich Lehrkräfte und Betreuungspersonal besser absprechen müssen; jeder Zweite wünscht sich eine gezieltere Förderung einzelner Kinder. Zufriedenheit von Eltern mit einzelnen Aspekten der Ganztagsbetreuung Dabei stellt sich die Lage in den gebundenen Ganztagsschulen, die einen verpflichtenden Nachmittagsunterricht anbieten, nicht wesentlich besser dar als in den offenen. Dennoch hat die gebundene Ganztagsschule aus pädagogischer Sicht Vorteile. Denn sie ermöglicht den für optimales Lernen nötigen Wechsel aller Schüler zwischen Phasen der Konzentration und solchen der Bewegung und Entspannung, die sogenannte Rhythmisierung.

Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Den Wünschen der Eltern entspricht die Präsenzpflicht am Nachmittag dagegen nicht. Sie beklagen sich schon heute vielfach über eine zu geringe Flexibilität der Betreuungsangebote in den Ganztagsschulen. Vor dem Hintergrund, dass die Qualität der Betreuungsangebote an vielen Ganztagsschulen bislang noch nicht optimal ist, können diese ihr Potenzial auch noch nicht voll entfalten. So wirkt sich der Besuch einer Ganztagsgrundschule der einschlägigen Forschung zufolge bislang weder positiv noch negativ auf die Schulnoten aus. An den weiterführenden Schulen hingegen lässt sich ein positiver Effekt des Ganztagsschulbesuchs auf die schulischen Leistungen nachweisen. Gleichwohl sind Ganztagsangebote auch schon für die Klassen eins bis vier begrüßenswert. Denn sie können vor allem jene Kinder, die einen ungünstigen familiären Hintergrund haben, gezielt unterstützen und ihnen einen Zugang zu entwicklungsfördernden Freizeitaktivitäten ermöglichen, die manche Elternhäuser nicht realisieren können. Unbestritten ist außerdem, dass der Besuch einer Ganztagsschule die sozialen Kompetenzen der Grundschüler stärkt. Relevant sind Ganztagsbetreuungsangebote außerdem für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. So hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung 2016 festgestellt, dass die Erwerbswahrscheinlichkeit von Müttern mit Erstklässlern um durchschnittlich rund 7 Prozent höher ist, wenn der Nachwuchs institutionell betreut wird. Waren die Mütter vor dem Schuleintritt des Kindes nicht berufstätig, steigt die Erwerbswahrscheinlichkeit sogar um mehr als 11 Prozentpunkte.

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