Arbeitsmarkthemmnisse Lesezeit 5 Min. Lesezeit 1 Min.

Familie versus Karriere

Noch immer reduzieren Frauen ihre Arbeitszeit oder geben den Job zumindest zeitweise auf, wenn die Familie ruft. Der Staat ist daher gefordert, die Infrastruktur im Bereich der Kinderbetreuung, aber auch in Sachen Pflege weiter auszubauen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Frauen stellen ihre Karriere eher als Männer für die Familie hintan – das zeigt sich zum Beispiel daran, dass Frauen im Schnitt fast zwölf Monate Elterngeld beziehen, Männer aber nur drei Monate.
  • Ein Hemmnis für den beruflichen Erfolg von Frauen ist die mangelnde Zahl der Kinderbetreuungsplätze und der ungenügende Ausbau der Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder.
  • Auch die Pflege von Angehörigen wird meist von Frauen übernommen und geht damit zu Lasten ihrer Berufstätigkeit.
Zur detaillierten Fassung

Die Zeiten, in denen Männer den Haushalt und die Betreuung des Nachwuchses wie selbstverständlich allein ihren Partnerinnen überließen, sind zwar vorbei. Dennoch bleibt die Organisation des Familienalltags nach wie vor hauptsächlich an den Frauen hängen. Und wenn es eng wird, sind sie es meistens, die im Beruf kürzertreten. Dies zeigt sich eindrücklich am Beispiel des Elterngelds (Grafik). Zwar haben immerhin knapp 36 Prozent der Väter, deren Kinder im zweiten Quartal 2015 geboren wurden, Elterngeld bezogen – sieben Jahre zuvor galt dies nur für rund 21 Prozent der frischgebackenen Väter. Aber: Im Schnitt bezogen Männer zuletzt lediglich drei Monate lang Elterngeld – im Jahr 2008 waren es annähernd vier Monate. Frauen nehmen es dagegen durchschnittlich fast zwölf Monate in Anspruch. Entwicklung des Anteils der Väter, die Elterngeld beziehen, sowie die durchschnittliche Bezugsdauer von Vätern und Müttern Dass in der Regel die Frauen ihre Karriere hintanstellen, hat nicht nur mit der althergebrachten Rollenverteilung zu tun. Auch ökonomische Überlegungen spielen eine Rolle. So ist das Gehalt eines Mannes oft erheblich höher als das seiner Partnerin, sodass er leichter für ein ausreichendes Familieneinkommen sorgen kann. Gründe für den Verdienstunterschied sind erstens die unterschiedliche Berufswahl von Frauen und Männern. Zweitens ist in rund drei von vier Partnerschaften der Mann älter als die Frau und hat damit meist auch mehr Berufserfahrung. Drittens verfügt in 28 Prozent der Beziehungen der Mann über ein höheres Qualifikationsniveau als seine Partnerin – umgekehrt ist dies nur bei 10 Prozent der Paare der Fall. Damit nicht genug: Im Laufe des Familienlebens werden die Verdienstunterschiede zwischen den Geschlechtern noch größer, da sich die vorübergehende Reduzierung der Arbeitszeit negativ auf das Erwerbseinkommen auswirkt. Hinzu kommt, dass die Wahl des Wohnorts häufig mit Blick auf die Karriereperspektiven des Mannes erfolgt. Laut einer Umfrage von 2015 sind 53 Prozent der Männer, aber nur 45 Prozent der Frauen bereits einmal aus beruflichen Gründen umgezogen. Dagegen gaben 58 Prozent der Frauen gegenüber 53 Prozent der Männer familiäre Gründe für einen bisherigen Umzug an. Damit künftig beide Partner familiäre Aufgaben übernehmen und dennoch in größerem Umfang erwerbstätig sein können, muss der Staat bei der Betreuungsinfrastruktur noch mehr tun.

Kinderbetreuung zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Zwar besteht seit dem 1. August 2013 für Kinder ab dem ersten Lebensjahr ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Trotzdem sind die Angebote für die unter Dreijährigen vielerorts noch unzureichend (Grafik): Bundesweit fehlen für Kinder unter drei Jahren 296.000 Betreuungsplätze – damit sind 13 Prozent der Kleinen unterversorgt. In den Bundesländern benötigte und vorhandene Kinderbetreuungsplätze im März 2017 Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es gut 78.000 Plätze zu wenig – dort gehen also rund 16 Prozent aller unter Dreijährigen leer aus, obwohl ihre Eltern Betreuungsbedarf hätten. Noch höher ist dieser Anteil nur in Bremen mit fast 21 Prozent. Differenziert man nach dem Alter der Kinder, ist die Lücke bei den ganz Kleinen besonders groß: Rund 60 Prozent der Eltern von ein- bis zweijährigen Kindern wünschen sich eine Betreuungsmöglichkeit für ihren Sprössling, aber nur knapp 37 Prozent haben einen Platz. Bei den Zwei- bis Dreijährigen deckt die Versorgungsquote mit 62 Prozent den Bedarf von 77 Prozent deutlich besser ab. Die über Dreijährigen besuchen nahezu ausnahmslos einen Kindergarten – hier gibt es keinen Engpass.

Eine bessere Ganztagsbetreuung wäre ein Gewinn

Doch selbst wenn ein Betreuungsplatz zur Verfügung steht, ebnet dies der Erwerbstätigkeit einer Mutter nicht unbedingt den Weg. Auch die Betreuungszeiten müssen passen. Dies ist gerade bei Grundschulkindern häufig ein Problem – sie werden oft nur bis zum Mittag unterrichtet (siehe „Win-win-win-Situation“). Allerdings muss eine Ganztagsbetreuung nicht zwingend in den Schulen erfolgen, Länder wie Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt setzen dabei vorwiegend auf Horte.

Der ungenügende Ausbau der Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder schmälert die Karrierechancen von Müttern

Dies muss die künftige Bundesregierung im Blick behalten, wenn sie – wie im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD vereinbart – einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Schulkinder einführt. Am Ende zählt für die Eltern vor allem, dass die Betreuung insgesamt ein ausreichend großes Zeitfenster abdeckt. Darüber hinaus sollte der Ausbau der Betreuungsinfrastruktur aber auch von einer Qualitätsoffensive begleitet werden: Ziel muss es sein, die Betreuer in Kindertagesstätten und Horten pädagogisch noch besser zu qualifizieren, die Zahl der Kinder je Betreuer möglichst klein zu halten und verstärkt darauf zu achten, dass die Einrichtungen ein dem jeweiligen Alter entsprechendes lernfreundliches Umfeld bieten. Haben vor allem Eltern von Kleinkindern daran Zweifel, werden sie ein Betreuungsangebot unter Umständen gar nicht wahrnehmen oder in einem geringeren Umfang, als es angesichts ihrer Erwerbswünsche optimal wäre.

Die Pflege von Angehörigen ist ein berufliches Handicap für Frauen

Ein weiterer Bereich, in dem der Staat Hürden für die Erwerbstätigkeit von Frauen aus dem Weg räumen könnte, ist die Pflege. Zwischen 2001 und 2015 ist die Zahl der zu Hause versorgten Pflegebedürftigen von rund 1,4 auf fast 2,1 Millionen gestiegen. Die damit verbundenen Aufgaben übernehmen meist die weiblichen Familienmitglieder: Rund 65 Prozent aller Personen, die zu Hause einen Angehörigen pflegen, sind Frauen. Zwar sind die meisten von ihnen älter als 55 Jahre, sodass die Pflege sich weniger stark auf den beruflichen Karriereweg auswirkt als die Betreuung von Kindern. Dennoch können die Einkommenseinbußen schmerzen. Daher wäre es wichtig, die Angebote für Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen auszubauen. Neben den klassischen Pflegediensten braucht es insbesondere mehr – und gute – Tagespflegeeinrichtungen, in denen zum Beispiel Demenzkranke, die eine kontinuierliche Betreuung benötigen, einige Stunden außerhalb der Familie versorgt werden können.

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