Energiekrise Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Energieintensive Branchen in Deutschland geschwächt

Infolge des russischen Angriffskriegs in der Ukraine haben sich Gas und Strom in Europa massiv verteuert. Jene Industriebranchen in Deutschland, die überdurchschnittlich viel Energie verbrauchen, mussten daraufhin zuletzt ihre Produktion erheblich drosseln. Dies hat Folgen für die gesamte hiesige Wirtschaft.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Energiekosten in Deutschland dürften auch längerfristig hoch bleiben.
  • Die energieintensiven Branchen haben auf die hohen Preise reagiert und ihre Produktion stark gedrosselt.
  • Viele dieser Unternehmen werden nicht umhin kommen, ihre Produktion am Standort D zu hinterfragen. Die Politik muss eine längerfristige Agenda zur Verbesserung heimischen Standortbedingungen aufsetzen.
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Mehr als 300 Euro – so viel kostete eine Megawattstunde Gas im August 2022. Zwar ist der Gaspreis inzwischen deutlich unter diesen Rekordwert gesunken, eine Rückkehr auf das Niveau von vor dem russischen Angriffskrieg ist jedoch unwahrscheinlich.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass Deutschland das russische Pipeline-Gas durch das im Durchschnitt der vergangenen Jahre etwa 30 Prozent teurere Flüssiggas (LNG) ersetzen muss. Der Preisaufschlag rührt vor allem daher, dass die Verflüssigung und der Transport per Spezialschiff aufwendig sind. Und auch die weltweit gestiegene Nachfrage nach LNG ist ein Preistreiber.

All dies trägt dazu bei, dass auch Strom auf absehbare Zeit teurer bleiben dürfte als in früheren Jahren. Denn Gaskraftwerke spielen als flexibles Gegenstück zu den wetterabhängigen erneuerbaren Energien in der deutschen Stromerzeugung eine wichtige Rolle.

Im Dezember 2022 lag die Produktion in den energieintensiven Branchen in Deutschland im Schnitt um fast 20 Prozent unter dem Niveau von Ende 2021.

Viele Industrieunternehmen haben auf die hohen Gas- und Strompreise bereits reagiert und ihre Fertigung energieeffizienter gestaltet oder auf alternative Energieträger umgestellt. Einige Branchen allerdings – beispielsweise die Chemieindustrie oder die Metallerzeugung – benötigen überdurchschnittlich hohe Energiemengen, um die Produktionsprozesse in Gang zu halten; teils ist Gas auch ein unabdingbarer Produktbestandteil. Diese Industriezweige konnten zuletzt kaum anders, als ihre Produktion angesichts der teuren und knappen Energiegüter zu drosseln (Grafik):

Im Dezember 2022 lag die Produktion in den energieintensiven Branchen in Deutschland im Schnitt um fast 20 Prozent unter dem Niveau von Ende 2021.

Produktion in Deutschland, Jahresbeginn 2015 = 100

Besonders groß war das Produktionsminus in der chemischen Industrie mit nahezu 30 Prozent, in der Papierindustrie ging die Produktion um 18 Prozent und in der Metallerzeugung um 10 Prozent zurück. Das Verarbeitende Gewerbe insgesamt musste die Fertigung lediglich um weniger als 3 Prozent reduzieren.

Auch im Vergleich zu den anderen EU-Ländern wurden die energieintensiven Branchen in Deutschland deutlich stärker vom Anstieg der Energiepreise getroffen.

Hohe Energiekosten haben Folgen für den Standort D

Damit belasten die hierzulande hohen Preise für Gas und Strom die internationale Wettbewerbsfähigkeit der energieintensiven Branchen. Geraten die Unternehmen in wirtschaftliche Schieflage, gehen Arbeitsplätze und damit Einkommen verloren, was zu einem Rückgang des privaten Konsums führt. Zudem müssen die Betriebe Geld für Energie ausgeben, das sonst für Investitionen hätte verwendet werden können. All dies bedeutet Wohlstandsverluste:

Studien zufolge hat die Energiekrise in Deutschland im Jahr 2022 zu Realeinkommenseinbußen von etwa 64 Milliarden Euro – annähernd 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – geführt.

Die energieintensiven Unternehmen kommen vor dem Hintergrund des Energiepreisanstiegs kaum umhin, ihre Produktion am Standort Deutschland zunehmend zu hinterfragen.

Die Politik ist gefordert

Umso wichtiger wäre eine Politik, die die Betriebe stärker dabei unterstützt, auf klimaneutrale Energiequellen wie grünen Strom und Wasserstoff umzustellen. Die Bundesregierung sowie die Regierungen der Länder haben zwar angesichts der akuten Energiepreisproblematik eine Reihe von Sofortmaßnahmen beschlossen, um Haushalte und Unternehmen zu unterstützen. Diese Maßnahmen können jedoch nur erfolgreich sein, wenn sie mit einer umfassenderen und längerfristigen politischen Agenda zur Verbesserung der heimischen Standortbedingungen einhergehen.

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