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Der Hartnäckige

In der Kölner Brauerei Früh arbeiten 15 Menschen mit Behinderung. Einer von ihnen ist Konstantin Pieper. Der junge Mann ist in der Personalabteilung beschäftigt, wo er unter anderem die kniffligen Vorgänge mit Ämtern und Behörden übernimmt.

Kernaussagen in Kürze:
  • Konstantin Pieper hat das Asperger-Syndrom. Diese Menschen haben für gewöhnlich Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Personen, sie können Gestik und Mimik anderer nicht intuitiv verstehen.
  • Seit 2013 arbeitet Konstantin Pieper in der Personalabteilung der Kölner Brauerei Früh – zuerst als Praktikant, nach der Ausbildung zum Bürokaufmann nun schon seit einigen Jahren als Bürokraft.
  • Wie viele Autisten hat auch Konstantin Pieper besondere Stärken. Sein Vorgesetzter beschreibt ihn als ehrgeizig, unglaublich hartnäckig und argumentativ sehr stark.
Zur detaillierten Fassung

Wenn Konstantin Pieper durch die verschlungenen Flure und diversen Gasträume des Brauhauses Früh am Dom eilt, grüßt er jeden Köbes, jede Küchenhilfe, jede Reinigungskraft mit Namen. Pieper kennt alle der mehr als 400 Mitarbeiter des traditionsreichen Unternehmens Cölner Hofbräu P. Josef Früh, das mittlerweile in fünfter Generation Kölsch braut. Für einen Mitarbeiter der Personalabteilung mag diese Zugewandtheit nichts Ungewöhnliches sein, für Pieper schon. Denn der 30-Jährige ist Autist.

Bei Pieper wurde eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert, er hat das Asperger-Syndrom. Diese Menschen haben für gewöhnlich Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Personen, sie können Gestik und Mimik anderer nicht intuitiv verstehen, Tonfälle schlecht einordnen und keinen Blickkontakt halten. Diese Einschränkungen wirken sich bei den Betroffenen jedoch völlig unterschiedlich aus: Manche Asperger reden nur das Nötigste, andere beherrschen die hohe Kunst des Small Talks.

Meine Krankheit ist wie ein Rucksack, den habe ich immer dabei, auch im Urlaub, auch in den eigenen vier Wänden.

Redegewandt ist auch Konstantin Pieper, der bei Früh seit 2013 in der Personalabteilung arbeitet – zuerst als Praktikant, nach der Ausbildung zum Bürokaufmann nun schon seit einigen Jahren als Bürokraft. Während der ersten Arbeitstage hat Pieper so laut geredet, dass seine Stimme über mehrere Etagen zu hören war – ihm selbst war das gar nicht bewusst. Mithilfe einer Logopädin suchte er dann nach alternativen Möglichkeiten, die Lautstärke zu regulieren. Seitdem achtet er beim Sprechen auf seine Atmung und ist nun genauso laut wie alle anderen Kollegen.

Bei Konstantin Pieper wurde eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert, er hat das Asperger-Syndrom; Foto: IW Medien In den ersten Monaten bei Früh hat Pieper in manchen Situationen unerwartet reagiert. Das passiert ihm heute nicht mehr. Pieper weiß jetzt, welche Reaktionen in welchen Situationen von ihm erwartet werden. Das Wissen darüber hat er sich zusammen mit Kollegen erarbeitet, mithilfe von Rollenspielen. Außerdem hat er sich unzählige Sitcoms an-geschaut, um herauszufinden, welche Reaktionen auf bestimmte Verhaltensweisen angemessen sind.

Wie viele Autisten hat auch Konstantin Pieper besondere Stärken. Sein Vorgesetzter beschreibt ihn als ehrgeizig, unglaublich hartnäckig und argumentativ sehr stark. Weil Pieper sich in Themengebiete bis ins letzte Detail einarbeitet, ist er meist derjenige, der mit Ämtern und Behörden telefoniert, verhandelt und in der Regel auch das gewünschte Ergebnis erzielt. Außerdem ist er für die Zeiterfassung, die Dokumentation von Terminen und als erste Anlaufstelle für Neueinstellungen zuständig. Und weil er schnell dazulernt, erweitert sich sein Aufgabengebiet permanent.

„Meine Krankheit ist wie ein Rucksack, den habe ich immer dabei, auch im Urlaub, auch in den eigenen vier Wänden“, sagt Pieper. Früher, erzählt er, habe es ihn viel Kraft gekostet, permanent auf die – aus seiner damaligen Sicht – „hypersensiblen Leute“ in seiner Umgebung eingehen zu müssen. „Damals habe ich einfach nicht verstanden, dass andere Menschen eine andere Wahrnehmung haben als ich.“ Heute weiß und versteht er, dass die anderen von Natur aus anders sind. Und es fällt ihm leichter, damit umzugehen – auch, weil er jetzt jede einzelne Person in seinem Umfeld stärker wahrnimmt als früher. Konstantin Pieper arbeitet seit 2013 bei der Kölner Brauerei Früh; Foto: IW Medien

Und was wünscht er sich für die Zukunft? Er hofft, weiterhin ein geregeltes Leben führen zu können, mit einem festen Arbeitsplatz und sicherem Verdienst. Ein verständlicher Wunsch: Schätzungen zufolge gehen lediglich zwischen 5 und 12 Prozent aller erwerbsfähigen Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung einer dauerhaften sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nach.

Wenn es nach Piepers Personalleiter ginge, dürfte sein Wunsch in Erfüllung gehen: „Wir könnten uns unsere Abteilung ohne Herrn Pieper nicht mehr vorstellen, er ist eine unheimliche Bereicherung für unser Unternehmen“, sagt Guido Fussel. Und fügt nachdrücklich hinzu: „Es gibt leider viel zu wenige Bewerbungen von Menschen mit Behinderung.“

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