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„Den Eiffelturm wollen einfach alle sehen“

Die Reiseindustrie boomt, doch viele Orte sind dem Touristenansturm nicht mehr gewachsen. Was die Branche und jeder Einzelne dagegen tun kann, erläutert Harald Zeiss, Direktor des Instituts für Nachhaltigen Tourismus an der Hochschule Harz.

Kernaussagen in Kürze:
  • Dass weltweit so viele Urlaubsziele vollkommen überlaufen sind, führt Tourismusforscher Harald Zeiss in erster Linie auf das Versagen der örtlichen Institutionen zurück.
  • Um den Overtourism in den Griff zu bekommen, helfen Kontingentierungen und höhere Preise.
  • Außerdem sollten Besuchern andere attraktive Orte in der Nähe touristischer Hotspots aufgezeigt werden.
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Wann waren Sie das letzte Mal in Venedig? Vor 30 Jahren – und auch damals war es schon voll dort. Aber ich habe es nicht als unangenehm empfunden, denn es gibt ja durchaus Orte oder Veranstaltungen wie beispielsweise Festivals, wo man davon ausgeht, dass es voll wird. Letztlich ist es eine Frage der Perspektive, ob ich viele Menschen an einem Ort ertrage oder nicht. Die Reisebranche wächst von Jahr zu Jahr. Folglich dürfte auch der Overtourism zunehmen. Ja, wahrscheinlich. Eigentlich ist die Welt zwar groß genug für viele Reisende und es gibt auch noch viele unbekannte Orte und Attraktionen, doch Menschen tendieren dazu, Dinge zu tun, die andere Menschen auch machen. Den Eiffelturm wollen einfach alle sehen. Was können Orte tun, die von Touristen regelrecht überlaufen werden? Eine ganze Menge. Overtourism ist in der Regel Undermanagement: Venedig zum Beispiel könnte die Zahl und auch die Größe der Kreuzfahrtschiffe, die in der Lagune anlegen, reduzieren und die Liegegebühren erhöhen. Gleiches gilt für die Landegebühren des Flughafens – wenn es teurer wird, kommen automatisch weniger Gäste. Auch das Besuchermanagement könnte besser sein, indem Gäste gleichmäßiger in der Stadt verteilt werden. Man könnte beispielsweise die 20 Kilometer entfernte Stadt Chioggia bewerben, die aussieht wie ein kleines Venedig, aber noch nicht überlaufen ist.

Überlaufene Urlaubsorte können dem Overtourism durch besseres Besuchermanagement und gezielte Gebührenmaßnahmen entgegenwirken.

Und was könnte die Reiseindustrie beitragen? Relativ wenig. Eine Fluggesellschaft wird ja nicht eine Destination aus dem Flugplan streichen, die sehr gefragt ist. Die Reisebranche wird erst dann auf Phänomene wie den Overtourism reagieren, wenn die Gäste sich so unwohl fühlen, dass sie abwandern. Dann wird nach Alternativen gesucht.

Professor Harald Zeiss ist Direktor des Instituts für nachhaltigen Tourismus an der Hochschule Harz; Foto: Christian Wyrwa Der Gegenentwurf zum Overtourism ist das nachhaltige Reisen. Aber geht das überhaupt, nachhaltig reisen?

Wenn man den Begriff streng fasst und den ökologischen Fußabdruck möglichst klein halten will, dann darf man auf Reisen nur noch Rad fahren, wandern und zelten. Das ist für die meisten Urlauber allerdings keine Option. Trotzdem sollte jeder darauf achten, so nachhaltig wie möglich unterwegs zu sein: Also nicht übers Wochenende zum Shoppen nach New York, sondern bei einer Fernreise mehr als zwei Wochen vor Ort bleiben. Gut wäre es auch, nicht den größten Touristenströmen zu folgen, die CO2-Belastung eines Flugs bei Atmosfair oder Myclimate zu kompensieren und im Hotel das Licht und die Klimaanlage auszuschalten, wenn man das Zimmer verlässt. Man muss sich im Hotel auch nicht jeden Tag die Bettwäsche wechseln lassen, das macht man zu Hause schließlich auch nicht. Sind billige Reisen weniger nachhaltig? Am Preis kann man sich nicht orientieren. Viele Hotels bieten ihre Zimmer an bestimmten Tagen zu Sonderraten an, weil sie sonst leer stünden. Und die Türkei ist gerade sehr preiswert, weil viele Urlauber nicht hinfahren wollen. Ein „Billigurlaub“ kann viele Ursachen haben und bedeutet nicht zwingend, dass vor Ort am Personal oder an anderen Nachhaltigkeitskriterien gespart wird. Haben Sie schon Ihre nächste Reise geplant? Wir machen im Sommer einen Familienurlaub im Allgäu auf dem Bauernhof. Und wie kommen Sie dorthin? Mit der Bahn. Das klingt jetzt alles sehr vorbildlich, aber ab und an geht es auch mit dem Flieger ins Ausland – natürlich ebenfalls möglichst nachhaltig.

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