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Überlaufene Urlaubsziele

Die Branche boomt, doch manche Orte sind mittlerweile völlig überlaufen. „Overtourism“ heißt das Phänomen, gegen das sich zunehmend auch Einheimische wehren. Um die Probleme, die der Massentourismus verursachen kann, zu vermeiden, hilft vor allem folgendes: zu einer anderen Jahreszeit oder an ein anderes Ziel zu verreisen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Aufgrund des boomenden Tourismus werden manche Urlaubsziele von Touristen regelrecht überrollt. Unter dem großen Andrang leiden die Einheimischen, die sich bereits zum Teil gegen diese Auswüchse wehren.
  • Der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor - 10 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung werden mit ihm erzielt. Außerdem sichert er weltweit gut 292 Millionen Arbeitsplätze.
  • Um sich vor dem Phänomen des „Overtourism“ zu schützen, könnten überlaufene Urlaubsorte unter anderem die Bettenkapazitäten beschränken und die Preise stärker mit der Nachfrage schwanken lassen.
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Ein lauer Samstagabend in Oberitalien: Es könnte so schön sein in der Via Cappello 23 in Veronas historischem Zentrum, doch der Torbogen zur Casa di Giulietta und zum berühmtesten Balkon der Welt ist verstopft. Hunderte von Touristen drängeln sich in dem kleinen Innenhof, schießen Selfies, begrapschen die Brust der bronzenen Julia-Statue und bekritzeln Wände mit Liebesbotschaften, die oft schon nach wenigen Minuten von nachrückenden Besuchern übertüncht werden. Angesichts der rund zwei Millionen Touristen, die sich jährlich auf diesem kleinen Flecken unweit der Piazza delle Erbe tummeln, erwog die Stadt vor drei Jahren, eine Hof-Eintrittsgebühr von 2,50 Euro zu erheben – zusätzlich zu den 6 Euro, die für den Zutritt ins Haus verlangt werden. Ob das den Run auf das Haus der Julia, das, nebenbei bemerkt, ja sowieso reiner Fake ist, gedrosselt hätte? Wahrscheinlich nicht. Verona ist – Venedig-Besucher, Kreuzfahrer und Amsterdam-Reisende wissen das nur allzu gut – kein Einzelfall: Manche Ziele werden von Touristen regelrecht überrollt. „Overtourism“ heißt das Phänomen, das auch auf der diesjährigen Internationalen Tourismusbörse ITB diskutiert wurde. Der New Yorker Reisebuchverlag Fodor's und der Fernsehsender CNN haben sogar schon regelrechte Reisewarnlisten zusammengestellt (Grafik): CNN rät für dieses Jahr von zwölf Destinationen ab; darunter sind beliebte Städte wie Barcelona und Dubrovnik, aber auch Naturparadiese wie die Galapagosinseln. Diese Ziele sollten Touristen 2018 wegen des Massenandrangs meiden Unter dem Ansturm der Reisenden leiden Flora und Fauna, Umwelt und Baudenkmäler – und natürlich die Einwohner. Mallorca zum Beispiel hat mittlerweile die größte Fahrzeugdichte Spaniens: Auf 100 Mallorquiner kommen – wegen der vielen Leihwagen für Touristen – 85 Autos. Obwohl Mallorca 2016 eine Ökosteuer für Besucher eingeführt hat, reisten 2017 rund zwölf Millionen Urlauber auf die Insel – 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Gegen die Auswüchse des Massentourismus demonstrierten in Palma im vergangenen September erstmals Tausende Einwohner, Mietwagen wurden mit Protestaufklebern versehen, Parolen wie „Tourist go home!“ plakatiert.

Tourismus ist weltweit ein großer und wachsender Wirtschaftsfaktor. Besonders beliebte Urlaubsorte sind jedoch schon heute oft überlaufen.

Allerdings sind Touristen eine wichtige, manchmal sogar die größte Einnahmequelle. Kroatien beispielsweise erwirtschaftete gerade erstmals seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1991 einen Haushaltsüberschuss – dank des Massenandrangs an beliebten Orten wie Split, Zadar oder Dubrovnik, das vor allem für Kreuzfahrturlauber und „Game of Thrones“-Fans attraktiv ist.

Tourismus sichert Arbeitsplätze

Die Welttourismusorganisation, eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, geht davon aus, dass 10 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung im Tourismus erzielt werden. Die enorme wirtschaftliche Bedeutung zeigt sich auch an den Arbeitsplätzen, die die Reiseindustrie schafft: Weltweit hing 2016 einer von zehn Jobs von der Tourismusbranche ab – insgesamt waren das gut 292 Millionen Arbeitsplätze. Und der Wirtschaftsfaktor Tourismus dürfte weiter zulegen. Der Weltverband der Touristikunternehmen WTTC beziffert die Zahl der Reisenden für 2016 auf 1,2 Milliarden. Seiner Prognose zufolge wird es in zehn Jahren bereits 1,8 Milliarden Touristen geben. Der Zuwachs hat vor allem zwei Ursachen: Erstens haben Schwellenländer wie China und Indien wachsende Mittelschichten – und damit immer mehr Menschen, die sich das Reisen leisten können. Allein die fünf größten Reisenationen gaben 2017 mehr als 580 Milliarden Dollar für Tourismusleistungen im Ausland aus – allen voran China (Grafik): Die Chinesen sind Reiseweltmeister. Im Jahr 2017 hatten sie mit 258 Milliarden Dollar mit großem Abstand die höchsten internationalen Tourismusausgaben. Die US-Amerikaner gaben nur rund die Hälfte aus.

So viele Milliarden Dollar gaben die Einwohner dieser Länder 2017 für Auslandstourismus aus

Zweitens gibt es den Trend, mehr als einmal im Jahr zu urlauben: Neben Kreuzfahrten legen Städte- und Kurztrips besonders kräftig zu, hat die Reisebranche festgestellt. Phänomene wie der Overtourism werden aller Voraussicht nach also eher zu- als abnehmen. Doch was können Länder oder Kommunen tun, um sich davor zu schützen? Die Unternehmensberatung McKinsey rät überlaufenen Urlaubsorten unter anderem zu Beschränkungen von Bettenkapazitäten und zu schwankenden Preisen: So könnten beliebte Urlaubsdestinationen Eintrittspreise und Kurtaxen zu Stoßzeiten anheben, um einen Teil der Besucher für eine günstigere Saison zu gewinnen. Empfohlen wird auch das geografische Umleiten von Touristenströmen zu anderen, weniger beliebten Sehenswürdigkeiten und Orten. Am besten können die Reisenden selbst dafür sorgen, dass sie nicht als lästige und zerstörerische Eindringlinge wahrgenommen werden. So gibt CNN in seiner Auflistung der Bloß-nicht-hin-­Destinationen praktischerweise gleich Alternativen an: Valencia statt Barcelona, Annecy statt Venedig und die Inselgruppe Südgeorgien statt der Antarktis.

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