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Azubis werden immer kostbarer

Mehr Ausbildungsstellen, weniger Bewerber – rein rechnerisch haben junge Leute in Deutschland derzeit keinerlei Probleme, ins Berufsleben einzusteigen. Doch in der Realität finden Unternehmen und Jugendliche häufig nicht zusammen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Im Vermittlungsjahr 2017/18 gab es in Deutschland 565.000 gemeldete Ausbildungsstellen, aber nur 536.000 Jugendliche, die bei den Arbeitsagenturen und Jobcentern ihr Interesse an einer Ausbildung angemeldet haben.
  • Vor allem die Unternehmen des Hotel- und Gaststättengewerbes sowie Handwerksbetriebe haben Probleme, Nachwuchs zu finden. Das Gleiche gilt für die Herstellung und den Verkauf von Fleisch und Backwaren.
  • Neben Schulabsolventen sind Studienabbrecher eine nicht zu unterschätzende Zielgruppe für die Unternehmen.
Zur detaillierten Fassung

Die Bundesagentur für Arbeit hat gute Nachrichten für alle, die einen Beruf erlernen wollen: Erstmals seit 1994 gab es im Vermittlungsjahr 2017/18 mehr gemeldete Ausbildungsstellen als Bewerber. Insgesamt wurden zwischen dem 1. Oktober 2017 und dem 30. September 2018 über 565.000 Ausbildungsstellen gemeldet – das waren gut 20.000 mehr als im Vorjahr (Grafik). Entwicklung des Ausbildungsmarktes in Deutschland seit 1997 Gleichzeitig haben fast 536.000 Jugendliche bei den Arbeitsagenturen und Jobcentern ihr Interesse an einer Ausbildung angemeldet – das waren gut 12.000 weniger als im Vorjahr. Rein rechnerisch kommen also auf 100 Stellen nur 95 Bewerber.

Ausbildung ist die zentrale Säule der Fachkräftesicherung

Das größere Ausbildungsangebot ist überwiegend auf betriebliche Ausbildungsstellen zurückzuführen, die 97 Prozent aller gemeldeten Stellen ausmachen. Für die Unternehmen ist die eigene Ausbildung die zentrale Säule der Fachkräftesicherung. Denn auf dem Arbeitsmarkt gibt es schon heute in vielen Berufen und Regionen große Engpässe (siehe: „Fachkräftemangel: Wo es brennt und was hilft“). Und jeder unbesetzte Ausbildungsplatz wird diese Lücken perspektivisch noch vergrößern. Deshalb legen sich die Unternehmen gerade in den Engpassberufen besonders ins Zeug: In Berufen mit starken Fachkräfteengpässen ist das Angebot an Ausbildungsstellen zwischen 2012 und 2017 um gut 13 Prozent gestiegen. In Berufen ohne Engpässe ist das Stellenangebot im gleichen Zeitraum um rund 9 Prozent gesunken.

Zu viele Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt

Dass der eine oder andere Ausbildungsplatz nicht besetzt werden kann, ist nichts Neues – neu ist allerdings das Ausmaß: Ende September 2018 gab es 57.700 unbesetzte Ausbildungsplätze – rund 18 Prozent mehr als im Vorjahr und fast 150 Prozent mehr als vor 20 Jahren. Es gibt mehrere Gründe, warum offene Stellen und Bewerber immer öfter nicht zusammenfinden: Mal liegen der Wohnort des Bewerbers und der Ausbildungsort zu weit auseinander, manchmal entsprechen die offenen Stellen nicht den Berufswünschen der Bewerber und dann wieder erfüllen die Bewerber nicht die Erwartungen der Unternehmen. Regional betrachtet gibt es vor allem in Süddeutschland, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, dem Saarland und Hamburg mehr Ausbildungsstellen als Bewerber. In Berlin, Nordrhein-Westfalen und Hessen ist es umgekehrt.

Erstmals seit 1994 gibt es in Deutschland mehr Ausbildungsstellen als Bewerber.

Mit Blick auf die Berufe zeigt sich, dass vor allem die Unternehmen des Hotel- und Gaststättengewerbes sowie Handwerksbetriebe Probleme haben, Nachwuchs zu finden. Das Gleiche gilt für die Herstellung und den Verkauf von Fleisch und Backwaren. Einige der freien Ausbildungsstellen konnten in diesem Jahr mit Flüchtlingen besetzt werden – denn die Zahl der Bewerber, die einen Fluchthintergrund haben, ist im Vergleich zum Vorjahr um 45 Prozent gestiegen und lag 2017/18 bei 38.300.

Weniger Schulabgänger, aber mehr Abiturienten

Ein Grund für die rückläufigen Bewerberzahlen liegt in der Demografie (Grafik): Im Jahr 2017 haben gut 830.000 Jugendliche die Schule verlassen, das waren 14 Prozent weniger als noch vor zehn Jahren. Verteilung der Schulabgänger in Deutschland nach Abschluss Zudem hat sich die Zusammensetzung der Schulabgänger stark verändert: Die Zahl der Absolventen mit Hauptschulabschluss ist seit 2007 um 41 Prozent und die der Realschulabsolventen um 14 Prozent gesunken. Dagegen stieg die Zahl der Abiturienten um 11 Prozent – und von denen entscheiden sich die meisten für ein Studium. Nach wie vor stellen Realschulabsolventen mit fast 40 Prozent die größte Gruppe der Bewerber um einen Ausbildungsplatz. Es folgen die Schulabgänger mit Hauptschulabschluss, die knapp 27 Prozent aller Bewerber ausmachen. Knapp 14 Prozent haben Abitur und gut 13 Prozent die Fachhochschulreife.

Abiturienten auf wenige Ausbildungsberufe fokussiert

Angesichts der steigenden Zahl von Abiturienten, die sich für eine Berufsausbildung interessieren, wird häufig angenommen, dass dadurch Real- und Hauptschüler verdrängt werden. Doch das stimmt nicht. Denn diese Abiturienten sind häufig auf Berufe festgelegt, die nicht im Fokus von Hauptschulabsolventen stehen. Fast die Hälfte aller Ausbildungsanfänger mit Abitur konzentriert sich auf zehn Berufe. Dazu gehören kaufmännische Berufe, der Fachinformatiker sowie Steuerfach- und Verwaltungsangestellte. In diesen Berufen haben die Unternehmen keine Probleme, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. In Büro- und Sekretariatsberufen zum Beispiel gibt es nur 70 Stellen für je 100 Bewerber. Im Bereich Klempnerei, Sanitär, Heizung und Klimatechnik dagegen kommen auf jeweils 100 Bewerber 162 Ausbildungsplätze, in der Gastronomie sind es sogar 341 Stellen. Durch ihre stark eingeschränkte Berufswahl bleiben Abiturienten verhältnismäßig häufig ohne Ausbildungsplatz: Während lediglich 13,7 Prozent aller registrierten Bewerber Abitur haben, beträgt ihr Anteil an den unversorgten Bewerbern 15,8 Prozent. Gleichwohl leisten Abiturienten schon heute einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung – vorausgesetzt, sie arbeiten später auch in dem erlernten Beruf. Tatsächlich aber fürchten viele Unternehmen, dass Abiturienten nach der Ausbildung nicht im Betrieb bleiben, sondern weiter an die Hochschule ziehen.

Zielgruppe Studienabbrecher erschließen

Noch besser erschließen ließe sich das Potenzial der Abiturienten mit einer guten Berufsorientierung, die sie über die Vielfalt der Berufe und vor allem die Karriereperspektiven aufklärt. Das würde ihnen den direkten Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern. Eine nicht zu unterschätzende Zielgruppe für die duale Berufsausbildung sind auch Studienabbrecher: Fast jeder dritte Bachelorstudent schmeißt vorzeitig hin. Und während sich im Jahr 2008 gerade einmal gut jeder fünfte Studienabbrecher im Anschluss für eine Berufsausbildung entschieden hatte, waren es 2015 schon 43 Prozent. Der Pool an potenziellen Studienabbrechern ist auch heute groß: Im Ausbildungsjahr 2017/18 gab es fast 30.000 junge Leute, die eine Hochschule oder Akademie besuchten und sich trotzdem um einen Ausbildungsplatz beworben haben. Weitere Informationen Informationen dazu, welche Zielgruppen Unternehmen bei der Suche nach Auszubildenden wie ansprechen können, finden Sie unter: kofa.de

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