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„Die Berufsausbildung hat ein Imageproblem“

Auf dem deutschen Ausbildungsmarkt gibt es ein kurioses Phänomen: Die Unternehmen bieten zusätzliche Stellen an, doch immer mehr bleiben unbesetzt. Woran das liegt und wie die Attraktivität der dualen Berufsausbildung gesteigert werden kann, erklärt Regina Flake, IW-Expertin für Fachkräftesicherung und Ausbildung.

Kernaussagen in Kürze:
  • Regina Flake, Ausbildungsexpertin im IW, kritisiert, dass die duale Ausbildung in Deutschland einen schlechten Ruf habe, obwohl sie entscheidend zur Fachkräftesicherung beitrage.
  • Neue Ausbildungsbezeichnungen wie Berufsbachelor und Berufsmaster statt Facharbeiter oder Meister lehnt die IW-Expertin ab. So werde versucht, sich an die Marke Studium anzulehnen, anstatt auf die Eigenständigkeit des dualen Systems zu setzen.
  • Die Vorzüge der dualen Berufsausbildung müssen ihrer Meinung nach besser kommuniziert werden, um junge Menschen dafür zu gewinnen.
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Die Unternehmen haben ihr Ausbildungsangebot weiter erhöht – warum tun sie das? Die einfache Antwort: weil sie Fachkräfte brauchen und die duale Ausbildung junge Menschen praxisnah und bedarfsorientiert auf ihre späteren Tätigkeiten vorbereitet. Dies erklärt auch, warum acht von zehn jungen Leuten nach ihrer Ausbildung unmittelbar – also ohne eine Phase der Arbeitslosigkeit – auf dem Arbeitsmarkt durchstarten. Dennoch diskutiert Deutschland mit viel Lust an der Krise über die angeblich mangelnde Attraktivität seines Erfolgsmodells duale Ausbildung. Denn wenn es um Einkommen, Absicherung gegen Arbeitslosigkeit und spannende Berufe geht, ist das Studium für viele Jugendliche, Eltern, Lehrer und Journalisten immer noch das Maß aller Dinge. Die empirische Evidenz widerspricht dem jedoch: So zeigen IW-Studien, dass auch mit beruflicher Aufstiegsfortbildung Einkommen möglich sind, die vermeintlich Akademikern vorbehalten sind. Entscheidend ist also nicht der Bildungsweg, sondern die Wahl des Berufs, die Beteiligung an Fort- und Weiterbildung sowie die Branche, in der man arbeitet. Doch was nützt empirische Realität, wenn die gefühlte eine andere ist?

Die Attraktivität der dualen Berufsausbildung muss besser kommuniziert werden – von den guten Perspektiven bis hin zur integrativen Wirkung.

So fühlt sich auch die Bundesregierung berufen, die Ausbildung attraktiver zu machen. Sie plant zum Beispiel die Einführung einer Mindestausbildungsvergütung und neue, hippe Abschlussbezeichnungen wie Berufsbachelor und Berufsmaster statt Facharbeiter und Meister. Der Erfolg solcher Maßnahmen ist jedoch fraglich. Denn zum einen gehört die Ausbildungsvergütung in die Zuständigkeit der Sozialpartner; und zum anderen hat sie nicht die Aufgabe, den Lebensunterhalt von Jugendlichen zu sichern – dazu gibt es das Kindergeld oder auch die Berufsausbildungsbeihilfe.

Regina Flake ist Economist für Ausbildung, Fachkräftesicherung und Internationale Berufsbildungsforschung im Institut der deutschen Wirtschaft; Foto: IW Medien Bei einer Mindestausbildungsvergütung von 500 Euro monatlich, wie von der Bundesregierung vorgeschlagen, müssten rund 11 Prozent der Unternehmen ihren Lehrlingen mehr zahlen als heute, betroffen wären vor allem Handwerker und kleine Betriebe.

Und auch Etiketten wie Berufsbachelor erhöhen nicht automatisch die Attraktivität der Aus- und Fortbildung. Im Gegenteil: Sie versuchen, die etablierte und hochwertige berufliche Qualifizierung an die Marke Studium anzulehnen und verwässern damit die Eigenständigkeit des dualen Systems. Das führt eher zu Unsicherheit, da eine Gleichartigkeit mit universitären Abschlüssen suggeriert wird. Gerade für Jugendliche wird es noch schwieriger zu verstehen, welcher Bildungsweg sich hinter einem bestimmten Abschluss verbirgt. Stattdessen sollte vielmehr die Gleichwertigkeit der verschiedenen Alternativen herausgestellt werden. Um dies zu erreichen, muss die Attraktivität der dualen Berufsausbildung besser kommuniziert werden – von den guten Perspektiven bis hin zur integrativen Wirkung. Eine breit angelegte Kampagne, wie sie für die MINT-Studiengänge umgesetzt wurde, könnte wesentlich mehr Kraft entfalten – durch Auszubildende als Botschafter in den Schulen wie in Baden-Württemberg sowie mit massiven Investitionen in die Berufsschulen und mit digitalen Lernangeboten für Auszubildende. Die Bundesregierung hat mit der „Allianz für Aus- und Weiterbildung“ bereits eine wichtige Plattform für die Aufwertung der dualen Berufsausbildung geschaffen. Die Aktivitäten sollten ausgebaut werden, denn die Allianz holt alle relevanten Akteure ins Boot – und die arbeiten gemeinsam daran, der dualen Ausbildung zu einem Image zu verhelfen, das ihrer Attraktivität gerecht wird.

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