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Arbeitslosenquote wird oft für viel zu hoch gehalten

Die meisten Menschen in Deutschland schätzen die Arbeitslosenquote wesentlich höher ein, als sie tatsächlich ist. Auch in 22 weiteren Ländern wird die Arbeitslosigkeit durchweg überschätzt. Kurz vor der Europawahl ist dies ein alarmierender Befund. Denn Pessimisten neigen eher rechtspopulistischen Parteien zu.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Bundesbürger überschätzen die deutsche Arbeitslosenquote massiv: Gut 40 Prozent sind der Meinung, sie läge über 20 Prozent – tatsächlich waren es 2016 nach ILO-Standard 4,2 Prozent.
  • Die Deutschen sind mit ihrem Irrtum jedoch nicht allein: Auch in vielen anderen Ländern halten die Menschen die Arbeitslosigkeit für deutlich höher, als sie tatsächlich ist.
  • Das Problem: Menschen, die sich besonders stark im Ausmaß der Arbeitslosigkeit täuschen, sind oft auch besonders unzufrieden mit der Demokratie, wie eine aktuelle IW-Studie zeigt.
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Eigentlich läuft hierzulande alles wie geschmiert: Weil die Wirtschaft seit mehr als einer Dekade brummt, sind mittlerweile nur noch gut 2,2 Millionen Menschen arbeitslos. Schon im Jahr 2012 war vom deutschen Jobwunder die Rede – die Arbeitslosenrate lag zwar noch bei 7 Prozent, doch mit mehr als 41 Millionen waren bereits damals so viele Menschen erwerbstätig wie nie zuvor. Im laufenden Jahr könnte es mit rund 45 Millionen Beschäftigten in Deutschland sogar einen neuen Rekord geben – ob es dazu kommt, hängt jedoch längst nicht mehr nur von der Konjunktur ab, sondern vielmehr davon, ob die Unternehmen genügend Fachkräfte für ihre freien Stellen finden. Das deutsche Jobwunder kommt jedoch in vielen Köpfen offenbar nicht an. Auf die Frage „Was würden Sie sagen: Wie viele von 100 Personen im erwerbsfähigen Alter in Deutschland sind arbeitslos und suchen eine Arbeit?“ überschätzten die meisten Bundesbürger die tatsächliche Arbeitslosigkeit deutlich. Der European Social Survey, der solche subjektiven Einstellungen in verschiedenen europäischen Ländern alle zwei Jahre erhebt, greift dabei auf die Definition der Arbeitslosenquote der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zurück – deren Quote fällt zwar regelmäßig geringer aus als die der Bundesagentur für Arbeit, lässt dafür aber länderübergreifende Untersuchungen zu. Im Jahr 2008 betrug die Arbeitslosenquote in Deutschland gemäß der ILO-Definition 7,5 Prozent, im Jahr 2016 lag sie bei 4,2 Prozent. Viele Befragte schätzten sie in beiden Jahren weit höher ein (Grafik): Sowohl 2008 als auch 2016 vermuteten mehr als 40 Prozent der Deutschen, die Arbeitslosenquote in der Bundesrepublik läge bei 20 Prozent oder sogar noch darüber. So schätzen die Bundesbürger die Arbeitslosenquote in Deutschland ein Damit hat sich die Wahrnehmung großer Teile der Bevölkerung noch weiter von der positiven Entwicklung am Arbeitsmarkt entkoppelt: Im Jahr 2008 schätzten die Bundesbürger die Arbeitslosigkeit in Deutschland mindestens auf durchschnittlich 18,6 Prozent, im Jahr 2016 lag die Einschätzung im Schnitt bei 17,8 Prozent.

Überschätzte Arbeitslosigkeit ist nicht nur ein deutsches Phänomen

Doch nicht nur in Deutschland wird die Arbeitslosigkeit deutlich überschätzt. Auch in allen anderen betrachteten Ländern werden mehr Arbeitslose im eigenen Land vermutet, als es wirklich gibt. Im Durchschnitt von insgesamt 23 Ländern – darunter Deutschland – lag die Arbeitslosigkeit in der Wahrnehmung der Einwohner im Jahr 2016 um 13 Prozentpunkte über der tatsächlichen Arbeitslosenquote. Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Nationen (Grafik): Am meisten überschätzten die Portugiesen die Arbeitslosigkeit in ihrem Land – nämlich um fast 22 Prozentpunkte. So stark überschätzen die Menschen die Arbeitslosenquote in ihren Heimatländern Auch in Russland und Italien lagen die vermuteten Arbeitslosenquoten rund 20 Prozentpunkte über den tatsächlichen. Die geringste Überschätzung mit rund 6 Prozentpunkten gab es in der Schweiz, wo die Erwerbslosenrate mit rund 5 Prozent ohnehin unterdurchschnittlich ist. Bereits im Jahr 2008 hatten die Einwohner aller 23 Länder durch die Bank zu hohe Arbeitslosenquoten angegeben. Eine Folge der Wirtschafts- und Finanzkrise, die im Jahr 2008 ihren Lauf nahm, war zwar, dass in einigen Ländern – vor allem in den südeuropäischen – die Arbeitslosigkeit stark anstieg. Doch seitdem ist sie eben auch überall wieder gesunken. Schaut man sich die Wahrnehmungen zum Arbeitsmarkt in Europa in den Jahren 2008 und 2016 an, so fällt folgendes Muster auf: Positive Entwicklungen werden zu wenig positiv, negative Entwicklungen dagegen noch negativer wahrgenommen, als es der reale Trend nahelegen würde. Eine deutliche Ausnahme stellt Ungarn dar: Dort war im betrachteten Zeitraum ein deutlicher Rückgang der Überschätzung zu verzeichnen.

Menschen, die die Arbeitslosigkeit stark überschätzen, sind auch überproportional unzufrieden mit der Demokratie.

Sind Menschen, die wirtschaftliche Kennzahlen besonders negativ einschätzen, auch in anderen Lebensbereichen skeptischer? Die exemplarisch für Deutschland vorgenommene IW-Untersuchung bejaht dies: Demnach bringen jene, die die Arbeitslosigkeit besonders hoch einschätzen, auch weitaus weniger Vertrauen in die Politik und im Umgang mit anderen Menschen mit. Dieses systemische Misstrauen manifestiert sich unter anderem darin, dass weniger Mitsprachemöglichkeiten gesehen werden, die Zufriedenheit mit dem Bildungs- und Gesundheitssystem niedriger ausfällt, dass die Abgrenzungstendenzen gegenüber Mitmenschen und überstaatlicher Zusammenarbeit verstärkt werden und eher die Meinung vorherrscht, die europäische Einigung solle nicht weiter vorangetrieben werden. Menschen, die die Arbeitslosigkeit stark überschätzen, sind auch überproportional häufiger unzufrieden mit der Demokratie. Politisch fühlen sich viele Pessimisten deshalb bei den rechtspopulistischen Parteien gut aufgehoben: Mit Ausnahme Italiens und der Schweiz sind die Anhänger der rechten Parteiengruppen zum Teil deutlich pessimistischer in der Einschätzung der Arbeitslosigkeit als die übrige Bevölkerung.

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