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Am Rande der Rezession

Weil die Auslandsgeschäfte deutlich schlechter laufen als in den Jahren zuvor und die Unternehmen auch durch die Politik im Inland verunsichert sind, tritt die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr nahezu auf der Stelle. Vor allem der weiterhin recht robuste private Konsum verhindert jedoch bislang eine Rezession.

Kernaussagen in Kürze:
  • In diesem Jahr wird das reale Bruttoinlandsprodukt in Deutschland voraussichtlich nur um 0,5 Prozent wachsen.
  • Während das Dienstleistungsgewerbe und der Bausektor nach wie vor zulegen können, befindet sich die Industrie in einer Rezession.
  • Der private Konsum bleibt bis auf Weiteres die stärkste Stütze der Konjunktur. Die privaten Konsumausgaben werden 2019 preisbereinigt um 1,5 Prozent steigen.
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Im Frühjahr bestand für Konjunkturforscher noch Grund zu der Annahme, die deutsche Wirtschaft würde nach der Wachstumsabschwächung im vergangenen Jahr bald wieder Tritt fassen. Doch derzeit bewegt sich die Wirtschaftsleistung lediglich seitwärts und die Aussichten für die nähere Zukunft sind kaum besser (Tabelle): In diesem Jahr wird das reale Bruttoinlandsprodukt voraussichtlich nur um 0,5 Prozent zulegen – für 2020 prognostiziert das IW eine Wachstumsrate von 0,8 Prozent. Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent Beim Blick auf die einzelnen Wirtschaftsbereiche zeigt sich eine Zweiteilung: Während das Dienstleistungsgewerbe und der Bausektor nach wie vor zulegen können, befindet sich die Industrie in einer Rezession – im Gesamtjahr 2019 dürfte ihre reale Wertschöpfung das Vorjahresvolumen um mindestens 3 Prozent unterschreiten.

Weltkonjunktur kühlt ab

Dass gerade das Verarbeitende Gewerbe ins Trudeln geraten ist, liegt zu einem großen Teil an der Abkühlung der Weltkonjunktur. Dies ist auf die vielen Konflikte und Unsicherheiten zurückzuführen – vom Handelsstreit zwischen den USA und China über die schwierige politische Lage im Nahen Osten bis hin zum drohenden Brexit. All dies schadet dem für die deutsche Industrie so wichtigen Auslandsgeschäft: Die deutschen Exporte werden 2019 preisbereinigt lediglich um 0,5 Prozent wachsen und im nächsten Jahr sogar leicht schrumpfen. Die negativen außenwirtschaftlichen Einflüsse prägen auch die Investitionstätigkeit in Deutschland. Sie wird außerdem dadurch geschwächt, dass die Unternehmen wegen schlechter Rahmenbedingungen am hiesigen Standort verunsichert sind. Dies geht bereits aus der diesjährigen Frühjahrsumfrage des IW hervor (Grafik): Neun von zehn Unternehmen nennen die fehlende Verfügbarkeit von Fachkräften als mehr oder weniger großes Risiko für ihre Geschäfte. Diese Faktoren stellen für Unternehmen in Deutschland ein Risiko für ihre Geschäftsabläufe dar Zu den besonders häufig angeführten Risiken zählen die befragten Firmen auch, dass sich die Inlandsnachfrage infolge einer stockenden Beschäftigungsentwicklung abschwächen könnte. Zudem befürchten viele eine Verteilungspolitik, die die Arbeitskosten erhöht und die Arbeitsorganisation durch neue Regulierungen erschwert. Auch die derzeitige Energie- und Klimapolitik verunsichert die Wirtschaft. Die außenwirtschaftlich bedingten Risiken werden insgesamt zwar als nicht ganz so gravierend eingestuft. Doch von den – tendenziell stärker im Ausland engagierten –Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern sehen rund 70 Prozent ihre Exporte durch einen verschärften Protektionismus bedroht. Ähnliches gilt für die Gefahr, die von einem No-Deal-Brexit ausgeht.

Ausrüstungsinvestitionen wachsen kaum noch

Unterm Strich führen diese Einflüsse dazu, dass die realen Ausrüstungsinvestitionen im laufenden Jahr kaum noch wachsen. Für 2020 ist sogar von einer Stagnation der Investitionen in Maschinen und Produktionsanlagen auszugehen. Die Bauinvestitionen legen allerdings vorerst weiter zu – die Baubranche profitiert vor allem vom weiterhin niedrigen Zinsniveau, von der Zuwanderung in die Städte sowie vom kräftigen Schub durch die Baunachfrage im öffentlichen Sektor.

Die Industrie in Deutschland befindet sich in einer Rezession. 2019 dürfte ihre reale Wertschöpfung das Vorjahresvolumen um mindestens 3 Prozent unterschreiten.

Vor diesem überwiegend trüben konjunkturellen Hintergrund entwickelt sich auch der Arbeitsmarkt weniger positiv als in den vergangenen Jahren: Der für das Jahr 2020 zu erwartende Beschäftigungszuwachs von 0,4 Prozent wäre der schwächste seit 2010. Zwar bleibt die Arbeitslosenquote auf dem aktuellen Niveau von etwa 5 Prozent, doch die Sorgen um den Arbeitsmarkt nehmen allmählich zu. Dadurch hat sich das Konsumklima in Deutschland bereits merklich abgekühlt. Dennoch bleibt der private Konsum bis auf Weiteres die stärkste Stütze der Konjunktur: Die privaten Konsumausgaben werden 2019 preisbereinigt um 1,5 Prozent und im kommenden Jahr immerhin um gut 1 Prozent steigen. Dies liegt vor allem daran, dass die Verbraucher in Deutschland nach wie vor überwiegend zuversichtlich sind – auch weil die Einkommen in letzter Zeit merklich gestiegen sind und die Inflation weiterhin moderat bleibt.

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