„Perspektive 2035“ Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Achtung, demografischer Wandel

Wahr ist, dass es Deutschland derzeit so gut geht wie schon lange nicht mehr: Die Beschäftigung liegt auf Rekordniveau, die Arbeitslosigkeit ist auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung, die staatlichen Haushalte schreiben schwarze Zahlen und die Schulden sinken. Wahr ist aber auch: So wird es nicht bleiben. Die IW-Studie „Perspektive 2035“ zeigt, warum der demografische Wandel das Land vor große Herausforderungen stellt.

Kernaussagen in Kürze:
  • Laut Bevölkerungsprognose des IW Köln werden 2035 rund 83 Millionen Menschen in Deutschland leben – gut ein Viertel davon hat die 67 Jahre überschritten.
  • Obwohl die Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren voraussichtlich steigen wird, schrumpft die Zahl der Erwerbspersonen von 2015 bis 2035 um eine Million.
  • Aufgrund des Trends zu mehr Teilzeitarbeit sinkt auch das Jahresarbeitsvolumen – dies kann durch ein höheres Qualifikationsniveau nicht vollständig kompensiert werden.
Zur detaillierten Fassung

Wie viele Menschen in einem Land leben, ist für die Zukunft einer Volkswirtschaft genauso wichtig wie die Alters- und Qualifikationsstruktur der Bevölkerung.

Da die aktuelle amtliche Bevölkerungsprognose aber erst zum Teil an die Rekordzuwanderung des Jahres 2015 angepasst wurde, hat das IW Köln für seine Studie eine eigene Schätzung vorgenommen. Das Basisszenario (Grafik):

Im Jahr 2035 werden in Deutschland 83,1 Millionen Menschen leben – etwa 1,2 Millionen mehr als heute.

Die Schätzung unterstellt eine langfristige Nettozuwanderung von rund 218.000 Personen pro Jahr. Weil solche Prognosen jedoch immer unsicher sind, kann die Bevölkerungszahl im Jahr 2035 vom Basisszenario sowohl nach oben als auch nach unten abweichen – die Spanne reicht von 79,4 bis 86,9 Millionen.

Gesellschaft altert trotz Zuwanderung

Der Bevölkerungsanstieg bis 2035 verhindert allerdings nicht, dass die deutsche Gesellschaft altert. Denn die geburtenstarken Jahrgänge 1955 bis 1969 bestehen aus rund 20 Millionen Personen – das sind deutlich mehr als jene jungen Zuwanderer, die derzeit nach Deutschland kommen.

Bis zum Jahr 2035 erreichen die Babyboomer das Rentenalter, folglich wächst der Anteil der über 67-Jährigen bis dahin von derzeit 17,7 auf 25,8 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Eine Million weniger Erwerbspersonen

Mehr Ältere heißt weniger Jüngere, deshalb sinkt logischerweise auch die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 67 Jahren. Bis 2035 geht die Zahl jener, die dem Arbeitsmarkt potenziell zur Verfügung stehen, um 2,7 Millionen oder 5 Prozent zurück. Dabei ist die Anhebung des gesetzlichen Rentenzugangsalters bereits berücksichtigt.

Da ein Großteil der jüngeren Erwerbsfähigen noch zur Schule geht, eine Berufsausbildung absolviert oder studiert, fällt der Rückgang der Erwerbspersonenzahl – das sind die Erwerbstätigen und die Arbeitslosen – zwar geringer aus, reißt aber dennoch eine große Lücke in das Angebot an Arbeitskräften (Grafik):

Von 2015 bis 2035 sinkt die Zahl der Erwerbspersonen um rund eine Million auf gut 41 Millionen.

Dieses Minus geht allein auf das Konto der Männer: In der Altersgruppe der bis zu 20-Jährigen stehen dem Arbeitsmarkt 2035 gut 40 Prozent weniger Männer zur Verfügung, bei den 50- bis 55-Jährigen beträgt das Minus mehr als 20 Prozent, bei den 45- bis 50-Jährigen fast 16 Prozent.

Die gute Nachricht: 2035 wird es in Deutschland 100.000 mehr weibliche Erwerbspersonen geben als heute.

Zwar gibt es auch Altersgruppen, in denen der Trend in die andere Richtung geht – die Zahl der 60- bis 65-jährigen männlichen Erwerbspersonen zum Beispiel steigt um knapp 30 Prozent, die der 65- bis 70-Jährigen sogar um fast 160 Prozent. Das reicht aber bei weitem nicht aus, um den Rückgang in den anderen Altersklassen auszugleichen.

Die Zahl der weiblichen Erwerbspersonen dagegen wird im Jahr 2035 um rund 100.000 höher sein als 2015.

Erwerbsbeteiligung der Älteren steigt

Der Anteil der Erwerbspersonen an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter definiert die Erwerbsquote – und die misst die Erwerbsbeteiligung. Schreibt man die aktuellen geschlechts- und altersspezifischen Muster fort, zeichnet sich für 2035 folgendes Bild ab:

  1. In den Altersgruppen bis 25 Jahre nimmt die Erwerbsbeteiligung sowohl bei Männern als auch bei Frauen deutlich ab.
  2. In den mittleren Altersgruppen bis 55 Jahre geht die Erwerbsbeteiligung der Männer leicht zurück, die der Frauen nimmt leicht zu.
  3. Bei den Älteren steigt die Erwerbsquote deutlich, das gilt für beide Geschlechter.

Insgesamt erhöht sich die Erwerbsquote bis 2035 um 2 Punkte auf dann 80 Prozent.

Arbeitsvolumen schrumpft trotzdem

Da nicht alle Menschen gleich lange arbeiten, ist das Arbeitsvolumen eine aussagekräftigere Größe für die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt als die reine Betrachtung nach Köpfen. Das Arbeitsvolumen ist das Produkt aus Erwerbstätigen und der durchschnittlichen Arbeitszeit.

Zwar steigt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der Voll- und Teilzeitbeschäftigten sowohl gegenwärtig als auch künftig, doch dies wird durch den leicht zunehmenden Trend zur Teilzeit kompensiert. Im Ergebnis verändert sich deshalb die jahresdurchschnittliche Arbeitszeit je Erwerbstätigen nur wenig. Zusammen mit der Tatsache, dass der Rückgang der Bevölkerung nur zum Teil durch eine höhere Erwerbsneigung aufgefangen werden kann, heißt das:

Das Arbeitsvolumen nimmt im Zeitraum von 2015 bis 2035 um 2,8 Prozent ab.

Die Ergebnisse der IW-Bevölkerungsprognose und der daraus abgeleiteten Konsequenzen für den Arbeitsmarkt zeigen, dass der demografische Wandel viele Politikbereiche vor große Herausforderungen stellt. Dazu zählen beispielsweise die sinkenden Steuereinnahmen, die steigenden Ausgaben der Sozialversicherungen und das mangelhafte Angebot auf dem Wohnungsmarkt.

Kompensation über Qualifikation gelingt nur teilweise

Darüber hinaus hat das IW Köln in seiner Studie auch untersucht, wie sich die Qualifikationsstruktur der Menschen in Deutschland voraussichtlich entwickeln wird. Der Hintergrund: Da der demografische Wandel die Zahl der Erwerbspersonen reduziert, ist es besonders wichtig, die Produktivität der Erwerbstätigen zu erhöhen.

Die Ergebnisse geben zwar Anlass zur Hoffnung, zeigen aber auch, dass die hohe Zuwanderung das fehlende Arbeitskräfteangebot nicht ausgleichen kann:

  1. Im Vergleich zur ersten PISA-Erhebung im Jahr 2001 sind die durchschnittlichen Kompetenzen der Schüler in Deutschland gestiegen.
  2. Trotz der aktuell hohen Zuwanderung werden in Deutschland auch künftig Fachkräfte fehlen, also Menschen mit einer Berufsausbildung. Die Zuwanderer werden zwar das Arbeitsangebot insgesamt erhöhen, dabei aber vor allem in jenen Bereichen unterkommen, in denen nur geringe Qualifikationen nötig sind.

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