Einkommensverteilung Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Absolute und relative Wahrheiten

Das Vorurteil, nach dem die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden, hält sich hartnäckig. Tatsächlich aber steigt die Ungleichheit in Deutschland seit 2005 nicht mehr an. Und auch künftig öffnet sich die Schere bei den Löhnen laut einer neuen Studie nicht weiter. Auch wenn die Autoren – vielleicht aus Marketinggründen – zunächst etwas anderes suggerierten.

Kernaussagen in Kürze:
  • Werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer?
  • Es gibt unterschiedliche Definitionen von Armut
  • In Deutschland geht die Schere nicht weiter auseinander
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Die Themen soziale Ungleichheit und Armut liefern fast immer Schlagzeilen – auch deshalb, weil sich die dahintersteckenden Zahlen unterschiedlich interpretieren lassen. Es gibt verschiedene Einfallstore für Manipulationen:

Die Definition. Relative Einkommensarmut wird oft mit Armut gleichgesetzt – tatsächlich aber ist sie ein Maß für Einkommensungleichheit und liegt dann vor, wenn jemand weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Das ist jenes Einkommen, das die gesamte Bevölkerung in zwei Hälften teilt – die eine hat mehr, die andere weniger.

Das heißt auch: Selbst wenn sich die Einkommen aller Bürger verdoppeln oder halbieren – die relative Einkommensarmut bleibt gleich. So haben zum Beispiel die Griechen in den letzten Jahren deutliche Einkommenseinbußen hinnehmen müssen, die relative Einkommensarmut ist dennoch kaum gestiegen.

Armut liegt laut EU-Definition dann vor, wenn es an Ressourcen – beispielsweise Einkommen – mangelt und gleichzeitig der Lebensstandard unzureichend ist. Der Anteil der Bundesbürger, die aus finanziellen Gründen auf Wesentliches verzichten müssen, ist seit 2007 deutlich gesunken, aber noch immer viel höher als Anfang des Jahrtausends.

Die Wahl des Zeitraums. Nimmt man das Jahr 2005 als Startpunkt, dann hat das einkommensschwächs­te Zehntel der Bevölkerung sein Einkommen bis 2012 um rund 7 Prozent steigern können, das Zehntel der Topverdiener kam auf ein Plus von 4 Prozent. Und der Anteil der Personen in relativer Einkommens­armut lag über den gesamten Zeitraum bei rund 14 Prozent.

Nimmt man dagegen das Jahr 2000 als Basis, ist der Anteil der Bundesbürger in relativer Einkommensarmut bis 2012 um fast 3 Prozentpunkte gestiegen und auch die Einkommensungleichheit hat deutlich zugenommen. Es ist also richtig zu sagen, dass die relative Einkommensarmut langfristig gestiegen ist. Aber es ist falsch zu behaupten, es handele sich um einen ununterbrochenen Trend – und der sei auf die Hartz-Reformen zurückzuführen.

Der Unterschied zwischen absolut und relativ. Eine neue Studie des Forschungsinstituts Prognos und der Bertelsmann Stiftung hat die voraussichtliche Entwicklung und Verteilung der Einkommen in Deutschland für die Jahre 2012 bis 2020 untersucht. Zentrale Botschaft in der Kurzfassung der Studie: Die Lohnschere öffnet sich.

In absoluten Zahlen heißt das: Zwischen 2012 und 2020 steigen die Einkommen des unteren Fünftels um insgesamt 750 Euro, während das Fünftel der Topverdiener ein Plus von 5.300 Euro erwarten darf.

Schaut man dann etwas tiefer in die Studie und betrachtet das Ganze relativ, sieht die Wahrheit allerdings ganz anders aus (Grafik):

Die Nettojahreseinkommen des untersten Fünftels werden bis 2020 um 10,4 Prozent zulegen, die der Topverdiener um 9,7 Prozent.

Die Einkommen driften also nicht weiter auseinander, sondern sie nähern sich erneut ein wenig an.

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