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„Viele Branchen werden sich von der Pandemie erholen“

Die Corona-Pandemie hat sichtbare Spuren in Wirtschaft und Gesellschaft hinterlassen. Die IW-Wissenschaftlerinnen Vera Demary, Leiterin des Kompetenzfelds Digitalisierung, Strukturwandel und Wettbewerb, und Adriana Neligan, Senior Economist für Green Economy und Ressourcen, machen sich im iwd-Interview Gedanken darüber, wie es weitergeht – und berichten auch von ganz persönlichen Erfahrungen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Durch die Pandemie haben sich viele Menschen an den Online-Handel gewöhnt.
  • Aber auch der stationäre Einzelhandel wird überleben, insbesondere Nischen-Anbieter.
  • Ökonomisch gesehen ist die Pandemie ein Neustart für die Digitalisierung und den Klimaschutz.
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In Corona-Zeiten geht vieles nicht oder nur eingeschränkt: reisen, essen gehen, Theater, Kino. Also macht man es sich zu Hause schön. Was haben Sie sich denn gegönnt?

Neligan: Unsere Freunde lachen schon, weil wir als Familie jetzt einmal die Woche ‚nach Italien reisen‘, sprich in einen italienischen Supermarkt gehen und uns dann etwas Schönes kochen. Die Qualität der Lebensmittel hat sich bei uns eindeutig erhöht. Meine Kinder backen jetzt sogar selber Brot.

Wir können die ökonomischen Herausforderungen durch die Corona-Pandemie auch positiv sehen - als Neustart für die Digitalisierung und den Klimaschutz.

Demary: Das ist ulkig, denn auch ich habe am vergangenen Wochenende zum ersten Mal ein Brot gebacken. Außerdem kaufe ich jetzt vermehrt Küchenzubehör und fahre neuerdings E-Bike – und weil mein Mann gerne an seinem Rad herumbastelt, kaufen wir auch dafür allerlei Zubehör.

Apropos Mobilität: Corona hat viele Bundesbürger wieder aufs Auto umsteigen lassen oder zu Radfahrern gemacht, während der ÖPNV gemieden wird. Wie sieht der ideale Verkehrsmittelmix der Zukunft aus Ihrer Perspektive aus?

Neligan: Es gibt zwar einen richtigen Fahrradboom durch die Pandemie, dennoch kommt es bei der Wahl des Verkehrsmittels immer noch stark darauf an, wo man wohnt. Wenn man, wie ich, in Berlin lebt, kann man alle Verkehrsmittel problemlos nutzen und braucht nicht einmal ein eigenes Auto – das kann ich mieten.

Auf dem Land aber gibt es häufig kaum eine Alternative zum Auto, denn der Bus kommt, wenn überhaupt, nur selten. Auch der Umstieg auf ein Elektroauto ist nur für diejenigen gut möglich, die zu Hause laden können – öffentliche Ladesäulen sind auf dem Land noch eher die Ausnahme.

Leiterin des Kompetenzfelds Digitalisierung, Strukturwandel und Wettbewerb und Senior Economist für Green Economy und Ressourcen; Fotos: IW Medien Die Pandemie hat auch den Trend zum Shoppen im Internet verstärkt. Wird sich das fortsetzen? Und hat der Einzelhändler in der City dann überhaupt noch eine Chance oder drohen uns verödete Innenstädte?

Demary: Der Online-Handel hat in der Pandemie neue Kunden gewonnen und viele haben sich daran gewöhnt, im Netz oder per Click & Collect einzukaufen. Daran wird sich erst einmal nichts ändern, aber ich glaube schon, dass auch der stationäre Einzelhandel überleben wird. Die großen Ketten in den Innenstädten werden vielleicht Probleme bekommen, aber die kleinen, individuellen Händler in den Stadtteilen, dort, wo man sich kennt, die müssen sich weniger Sorgen machen. Und es kommen sogar ein paar neue Anbieter hinzu: nämlich jene Online-Händler, die jetzt die Chance der sinkenden Mieten in den Innenstädten nutzen, um dort einen stationären Laden aufzumachen.

Neligan: Nischen werden bestimmt überleben, aber im Moment haben auch sie es schwer. Ich wohne im Prenzlauer Berg, wo es viele schöne, kleine Geschäfte gibt – aber dort räumt gerade ein Laden nach dem anderen aus, weil sie die Zeit bis zur Beendigung des Lockdowns nicht überbrücken können. Bis das alles wieder rundläuft, wird es dauern.

Das ist schade, denn der Online-Kauf hat ja auch Nachteile. Gerade wenn ich bestimmte Dinge kaufen will, zum Beispiel Schuhe, Kleidung oder Einrichtungsgegenstände, dann will ich die vorher auch anfassen.

Ob online oder stationär – insgesamt hat jeder Bundesbürger 2020 laut einer IW-Umfrage durchschnittlich 1.250 Euro weniger für Konsumgüter ausgegeben. Und das, obwohl die meisten ihre Finanzlage sogar besser einschätzten als vor der Krise. Wie muss man das interpretieren?

Demary: Ich denke, ein großer Teil der Zurückhaltung beruht darauf, dass man derzeit einfach nicht in die Geschäfte kommt. Und gerade, wenn man etwas kaufen will, was etwas teurer ist und länger halten soll, schiebt man den Kauf auf. Das wird bestimmt nachgeholt.

Einige Branchen stehen nahezu still – wie die Luftfahrt, der Tourismus und der Kulturbereich. Wird dort nach Corona wieder alles beim Alten sein oder verändert die Pandemie die Arbeitswelt und unser Leben grundlegend?

Demary: Diese Branchen werden sich wieder erholen. Doch einiges wird sich wandeln. Dienstreisen zum Beispiel wird es künftig weniger geben, das betrifft dann sowohl die Luftfahrt als auch die Hotels und die Gastronomie. Privat dagegen warten die Leute nur darauf, wieder ins Kino oder auf ein Konzert zu gehen und verreisen zu können.

Neligan: Durch diesen Stopp, den Corona uns auferlegt hat, sind viele Leute aber auch ins Nachdenken gekommen. Sie fragen sich jetzt: Muss es ein Urlaub in Thailand sein oder ist Deutschland nicht auch schön? Die Frage ist also, ob wir künftig nicht anders reisen, gerade vor dem Hintergrund des Klimaschutzes und der Nachhaltigkeit.

Demary: Langsam, langsam, ich glaube, das ist kein Selbstläufer. Denn letztlich ist das Reisen – ob privat oder dienstlich – eine Frage des Preises. Gut möglich, dass all die guten Vorsätze bald wieder vergessen sind.

Neligan: Aber die Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit bleiben ohne Zweifel akut.

Demary: Stimmt, und das gilt auch für die Digitalisierung. So betrachtet, können wir all die ökonomischen Herausforderungen durch die Corona-Pandemie auch positiv sehen – als Neustart für die Digitalisierung und den Klimaschutz. Das haben auch viele Unternehmen erkannt und nutzen jetzt die Chance, Versäumtes nachzuholen.

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