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Nicht eheliche Kinder: Deutliches Ost-West-Gefälle

Rund jedes dritte Kind in Deutschland kommt nicht ehelich auf die Welt. Vor allem im Osten sind Frauen vergleichsweise häufig unverheiratet, wenn sie Nachwuchs bekommen. Und die meisten West-Babys mit unverheirateten Eltern erblicken nicht etwa in den großen Metropolen das Licht der Welt, sondern in drei mittelgroßen Städten.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der Anteil der nicht ehelich geborenen Kinder ist in den EU-Ländern von rund 23 Prozent im Jahr 1998 auf rund 43 Prozent im Jahr 2019 gestiegen.
  • In der Bundesrepublik unterscheidet sich das Ehe- und Geburtsverhalten zwischen Ost und West historisch bedingt deutlich: So kamen in Ostdeutschland zuletzt mit durchschnittlich rund 53 Prozent deutlich mehr Kinder nicht ehelich zur Welt als im Westen, wo die Quote 29 Prozent betrug.
  • Allerdings sinkt die Quote der nicht ehelich geborenen Kinder seit 2017 kontinuierlich – auch in allen ostdeutschen Bundesländern. Das liegt nicht zuletzt daran, dass wieder mehr junge Paare heiraten.
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Erst heiraten, dann an Nachwuchs denken – das war einmal. Noch Anfang der 1990er Jahre kamen gerade einmal 15 Prozent der Kinder in Deutschland nicht ehelich zur Welt, heute sind es mit rund 33 Prozent mehr als doppelt so viele.

Der Trend zum Baby ohne Trauschein ist allerdings ein Phänomen, das sich nicht nur auf Deutschland beschränkt (Grafik):

Der Anteil der nicht ehelich geborenen Kinder ist in den EU-Ländern von rund 23 Prozent im Jahr 1998 auf nahezu 43 Prozent im Jahr 2019 gestiegen.

EU Länder mit dem größten Anteil an nicht ehelichen Geburten im Jahr 2019, in Prozent

Einen großen Sprung gab es in den vergangenen Jahren unter anderem in Frankreich: Erblickten 1998 bereits gut 42 Prozent der Babys ohne verheiratete Eltern das Licht der Welt, stieg die Quote bis 2020 sogar auf 61 Prozent. Damit bekommen die Franzosen EU-weit die meisten nicht ehelichen Kinder.

Auch in Portugal, Belgien und den Niederlanden ist der Anteil der nicht ehelich geborenen Kinder in den vergangenen 20 Jahren deutlich gestiegen. Dort kommt gut jedes zweite Kind zur Welt, ohne dass die Eltern verheiratet sind. In Schweden ist das Niveau dagegen gleich hoch geblieben. In dem skandinavischen Land lag der Anteil der nicht ehelich geborenen Babys sowohl 1998 als auch 2019 bei rund 55 Prozent.

Deutschland landet mit 33 Prozent auf den hinteren Rängen: Nur sechs andere EU-Länder hatten 2020 einen niedrigeren Wert.

Mehr nicht eheliche Geburten im Osten

In der Bundesrepublik unterscheidet sich die Einstellung zur Ehe zwischen Ost und West historisch bedingt deutlich. Dieses Ost-West-Gefälle wurzelt in den unterschiedlichen Gesellschaftssystemen vor der Wiedervereinigung. Die Ehe hatte in der Bundesrepublik einen weitaus höheren Stellenwert als in der DDR – ein Unterschied, der auch heute noch vielfach fortbesteht.

Das zeigt sich auch beim Nachwuchs: So kamen in Ostdeutschland zuletzt mit durchschnittlich rund 53 Prozent deutlich mehr Kinder nicht ehelich zur Welt als im Westen, wo der Anteil bei 29 Prozent lag (Grafik):

Selbst im Kreis Eichsfeld, wo über ganz Ostdeutschland hinweg die wenigsten Neugeborenen nicht ehelich zur Welt kamen, betrug die Quote immer noch 42 Prozent.

So viel Prozent der Neugeborenen im Jahr 2021 kamen nicht ehelich auf die Welt

Dieser Wert ist nicht allzu weit entfernt vom Spitzenreiter in Westdeutschland: Pirmasens. Im Jahr 2021 hatten dort rund 50 Prozent der Kinder unverheiratete Eltern.

Die Tendenz in der Bundesrepublik zeigt aber insgesamt nach unten: 2017 lag die Quote der nicht ehelich geborenen Kinder an allen Geburten noch bei 35 Prozent, seitdem sinkt sie kontinuierlich – und zwar auch in allen ostdeutschen Bundesländern. So befanden sich Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern 2013 mit einer Quote von rund 63 Prozent mit Abstand an der Spitze des Bundesländer-Rankings. Im Jahr 2021 sank der Anteil an nicht ehelichen Kindern in beiden Bundesländern auf ungefähr 55 Prozent. Da die niedrigeren Quoten im Westen in etwa gleich geblieben sind, könnte dies erstmals auf eine leichte Annäherung zwischen Ost und West hindeuten.

Die Tendenz in der Bundesrepublik zeigt insgesamt nach unten: 2017 lag die Quote der nicht ehelich geborenen Kinder an allen Geburten noch bei 35 Prozent, seitdem sinkt sie kontinuierlich – und zwar auch in allen ostdeutschen Bundesländern.

Dieser jüngste Trend zeigt auch, dass sich viele Paare in Deutschland wieder der traditionellen familiären Lebensform zuwenden, sprich: heiraten. So ist die Zahl der Eheschließungen zuletzt deutlich gestiegen – von 374.000 im Jahr 2013 auf 416.000 im Jahr 2019. Bedingt durch die Coronapandemie gab es in den folgenden zwei Jahren allerdings wieder einen Rückgang auf nur noch 358.000 im Jahr 2021 – viele Paare dürften ihre Hochzeit verschoben haben.

Ein ebenfalls nicht zu vernachlässigender Grund für die Entwicklung ist die verstärkte Zuwanderung von Personen mit traditionelleren Familienbildern. So leben Zuwandererkinder mit ausländischer Staatsangehörigkeit deutlich häufiger bei einem verheirateten Elternpaar als Kinder mit deutschen Eltern (siehe Artikel „Veränderte Familienverhältnisse“).

Geburtenphänomene im Einzelnen

  • Im Westen Deutschlands kommen die meisten Babys mit unverheirateten Eltern nicht in den großen Metropolen zur Welt, sondern in drei mittelgroßen Städten – neben Pirmasens sind das Flensburg und Neumünster.
  • In den Millionenstädten Köln und München wurden zuletzt 35 und 28 Prozent der Babys nicht ehelich geboren.
  • Relativ selten sind nicht eheliche Geburten im Landkreis Kaiserslautern (17,5 Prozent), im Landkreis Böblingen (18 Prozent) und im Landkreis Tuttlingen (18,4 Prozent).
  • Ländlich oder städtisch – das spielt im Osten keine Rolle. So kamen die meisten nicht ehelichen Kinder im Landkreis Mansfeld-Südharz (66,4 Prozent) zur Welt, gefolgt von Cottbus (64 Prozent) und Frankfurt an der Oder (63 Prozent).
  • Wie im Westen haben auch im Osten nicht die Großstädte die meisten nicht ehelichen Geburten: In Leipzig wurden 2021 rund 56 Prozent der Kinder außerehelich geboren, in Berlin sogar nur 47 Prozent – allerdings nimmt die Hauptstadt als ehemals geteilte Stadt eine Sonderrolle ein.

Die Tatsache, dass in einigen Bundesländern immer noch viele Kinder außerehelich geboren werden, hat politische Implikationen. Um die Rechte und Pflichten der biologischen Väter neu zu definieren, wurde in Deutschland beispielsweise das Sorgerecht reformiert. Bis Mai 2013 hatten Väter von nicht ehelich geborenen Kindern keine Möglichkeit, gegen den Willen der Mutter das gemeinsame Sorgerecht auszuüben. Dies ist nun deutlich einfacher:

Auf Antrag des Vaters verfügen Familiengerichte auch ohne Zustimmung der Mutter das gemeinsame Sorgerecht für nicht eheliche Kinder – es sei denn, dies widerspricht dem Kindeswohl.

Außerdem steht biologischen Vätern seit der Sorgerechtsreform auch dann ein Umgangsrecht mit dem Kind zu, wenn zwischen beiden noch keine enge soziale Bindung besteht.

Die Rechte nicht ehelich geborener Kinder wurden im Zuge der Unterhaltsreform gestärkt, die Anfang 2008 in Kraft getreten ist. Zuvor hatten Ex-Ehepartner in puncto Unterhalt häufig Vorrang gegenüber Kindern aus anderen Beziehungen. Seit der Reform stehen Unterhaltsansprüche minderjähriger Kinder grundsätzlich an erster Stelle – egal, ob sie ehelich oder nicht ehelich geboren wurden.

Auch der aktuelle Koalitionsvertrag sieht eine größere Reform vor, die die Väterrechte weiter stärken soll. Dazu sollen rechtssichere Vereinbarungen, etwa zum Sorge- und Umgangsrecht – auch schon vor der Zeugung – möglich werden, was die Bedeutung der Ehe senken könnte. Wann die Änderung kommen wird und in welcher Form, ist allerdings noch nicht klar.

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