Geburten 18.07.2016 Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Unehelich – na und?

Mittlerweile kommt rund jedes dritte Kind in Deutschland nichtehelich auf die Welt. Vor allem im Osten sind Mütter häufig unverheiratet – wesentlich öfter als im Westen. Und überraschenderweise erblicken die meisten West-Babys mit unverheirateten Eltern nicht in den großen Städten das Licht der Welt, sondern in eher ländlichen Regionen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der Anteil der nichtehelicher Geburten ist in der EU binnen 20 Jahren von knapp 20 auf 40 Prozent gestiegen.
  • Besonders im Nordwesten Deutschlands kommen überdurchschnittlich viele Kinder unehelich zur Welt.
  • Der Trend zur Elternschaft ohne Trauschein hatte politische und juristische Folgen, zum Beispiel ein geändertes Sorgerecht.
Zur detaillierten Fassung

Erst heiraten, dann an Nachwuchs denken – das war einmal. Noch Anfang der 1990er Jahre kamen nur 15 Prozent der Kinder in Deutschland nichtehelich zur Welt, heute sind es mit 35 Prozent mehr als doppelt so viele – Tendenz steigend.

Der Trend zum Baby ohne Trauschein ist allerdings ein Phänomen, das nicht nur in Deutschland vorkommt:

Der Anteil der nichtehelich geborenen Kinder ist in den 28 EU-Ländern von knapp 20 Prozent im Jahr 1993 auf 40 Prozent im Jahr 2012 gestiegen.

In Frankreich nahm die Quote im selben Zeitraum sogar von 35 auf annähernd 56 Prozent zu, in Großbritannien erhöhte sie sich von knapp 32 auf fast 48 Prozent, in Italien stieg der Anteil von rund 7 auf 25 Prozent und in Spanien vervierfachte er sich ebenfalls beinahe – nämlich von knapp 11 auf 39 Prozent.

Die deutsche Quote, 35 Prozent, ist also nicht einmal besonders hoch: Nur acht andere EU-Länder hatten 2012 einen niedrigeren Wert.

Gleichwohl ist das Geburtsverhalten in Deutschland in einer Hinsicht besonders – und zwar aus historischen Gründen: In Ostdeutschland kamen zuletzt mit durchschnittlich 59 Prozent doppelt so viele Kinder nichtehelich zur Welt wie im Westen, wo die Quote 29 Prozent beträgt. So gibt es in Westdeutschland keinen einzigen Kreis, in dem mehr als die Hälfte der Neugeborenen unehelich das Licht der Welt erblickt – während im Osten nur in einem einzigen Kreis, nämlich in Eichsfeld, weniger als die Hälfte der Neugeborenen unverheiratete Eltern hat (Grafik).

In Ostdeutschland kommen doppelt so viele Kinder nichtehelich zur Welt wie in Westdeutschland.

Dieses Ost-West-Gefälle wurzelt in den unterschiedlichen Gesellschaftssystemen vor der Wende. Die Ehe hatte als kirchliche Institution im Westen einen weitaus höheren Stellenwert als im Osten – ein Unterschied, der auch heute noch vielfach fortbesteht. Denn seit der Wiedervereinigung 1990 sind in beiden Landeshälften die Anteile der nichtehelichen Geburten um jeweils 20 Prozentpunkte gestiegen – folglich ist es nicht zu einer Annäherung zwischen Ost und West gekommen.

Die Geburtenphänomene im Einzelnen:

  1. Im Westen Deutschlands kommen nicht etwa in den großen Metropolen überdurchschnittlich viele Kinder unehelich zur Welt, sondern in einigen Regionen Norddeutschlands: In Wilhelmshaven (48 Prozent), Flensburg (48 Prozent), Bremerhaven (45 Prozent) und im Kreis Lüchow-Dannenberg (45 Prozent) hatte 2014 fast die Hälfte der Neugeborenen unverheiratete Eltern.
  1. In Köln wurden zuletzt annähernd 35 Prozent der Babys nichtehelich geboren, in München betrug ihr Anteil sogar nur gut 27 Prozent.
  1. Vergleichsweise selten sind uneheliche Geburten in diesen Gegenden: im Landkreis Eichstätt (18 Prozent), im Enzkreis (19 Prozent), im Kreis Böblingen (19 Prozent), im Landkreis Rottweil (19 Prozent) und im Landkreis Calw (20 Prozent). Die meisten Kreise, in denen besonders wenige Kinder außerehelich auf die Welt kommen, liegen in Baden-Württemberg und in Bayern, wobei es sich hier nicht nur um ländlich geprägte Gebiete handelt.
  1. In Ostdeutschland entfallen die höchsten Quoten für nichteheliche Geburten auf die Stadt Brandenburg (70 Prozent), den Stadtkreis Dessau-Roßlau (69 Prozent), die Stadt Cottbus (69 Prozent) sowie die ländlich geprägten Kreise Elbe-Elster (69 Prozent) und Altenburger Land (68 Prozent).
  1. Auch im Osten kommen in den Großstädten nicht überproportional viele Kinder unehelich auf die Welt: In Leipzig wurden zuletzt 61 Prozent und in Dresden rund 58 Prozent der Kinder außerehelich geboren. In Berlin trifft dies sogar nur auf jedes zweite Baby zu (51 Prozent), allerdings nimmt die Hauptstadt als ehemals geteilte Stadt auch eine Sonderrolle ein.
  1. Die niedrigsten Raten an nichtehelichen Geburten finden sich in Ostdeutschland im Landkreis Eichsfeld (47 Prozent), im Wartburgkreis (54 Prozent) und in der Stadt Jena (55 Prozent).

Die rechtlichen Folgen des Trends zum Kind ohne Trauschein

Die Tatsache, dass von Jahr zu Jahr mehr Kinder außerehelich geboren werden, hat nicht nur weitreichende soziale, sondern auch politische Implikationen. Um die Rechte und Pflichten der biologischen Väter neu zu definieren, wurde beispielsweise das Sorgerecht reformiert. Bis zum 19. Mai 2013 hatten Väter von nichtehelich geborenen Kindern keine Möglichkeit, gegen den Willen der Mutter das gemeinsame Sorgerecht auszuüben. Dies ist nun deutlich einfacher: Auf Antrag des Vaters verfügen Familiengerichte auch ohne Zustimmung der Mutter das gemeinsame Sorgerecht für nichteheliche Kinder – es sei denn, dies widerspräche dem Kindeswohl.

Seit Mitte 2013 dürfen auch Väter unehelicher Kinder das gemeinsame Sorgerecht beantragen.

Außerdem steht biologischen Vätern seit der Sorgerechtsreform auch dann ein Umgangsrecht mit dem Kind zu, wenn zwischen beiden noch keine enge soziale Bindung besteht.

Die Rechte unehelicher Kinder wurden auch im Zuge der Unterhaltsreform gestärkt, die Anfang 2008 in Kraft getreten ist. Zuvor hatten Ex-Ehepartner in puncto Unterhalt häufig Vorrang gegenüber Kindern aus anderen Beziehungen. Seit der Reform stehen Unterhaltsansprüche minderjähriger Kinder grundsätzlich an erster Stelle – egal, ob sie ehelich oder unehelich geboren wurden.

Politischer Handlungsbedarf besteht angesichts der Vielzahl von familiären Beziehungsgeflechten, in denen Kinder heutzutage groß werden, allerdings noch bei einer Reihe von ehe- und familienpolitischen Leistungen. So sollten Instrumente wie beispielsweise die beitragsfreie Mitversicherung von Ehegatten in der Sozialversicherung dahingehend geprüft werden, ob ihre eigentliche Zielgruppe Ehepaare oder Familien sind. Handelt es sich um Leistungen für Familien, sollten sie gegebenenfalls so umgestaltet werden, dass sie unverheirateten Paaren mit Kindern und Alleinerziehenden im selben Umfang zugutekommen wie Ehepaaren.

Ob ehelich oder unehelich: Minderjährige Kinder haben die gleichen Unterhaltsansprüche.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de