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Stochern im britischen Nebel

Schon in knapp einem Jahr treten die Briten aus der EU aus, doch noch immer wissen die deutschen Unternehmen nicht, wie die künftigen Handelsbeziehungen mit dem Vereinigten Königreich aussehen werden. Das IW legt eine aktuelle Einschätzung vor.

Kernaussagen in Kürze:
  • Wie die Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU nach dem Brexit aussehen werden, ist weiterhin unklar.
  • Derzeit wahrscheinlich ist eine Übergangsphase bis Ende 2020 und ein anschließender Austritt der Briten aus Binnenmarkt und Zollunion.
  • Beide Seiten streben eine weitgehende Zollfreiheit an. Falls keine Einigung erzielt wird, drohen hohe Abgaben vor allem auf Agrarwaren und Kraftfahrzeuge.
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Der Brexit ist zwar noch nicht vollzogen, dennoch hat er in der deutschen Exportwirtschaft bereits Spuren hinterlassen. Denn nach dem Referendum im Juni 2016 wertete das britische Pfund um mehr als 10 Prozent ab und verteuerte so die deutschen Ausfuhren. Die Folge (Grafik):

Im zweiten Halbjahr 2016 sind die deutschen Warenlieferungen an das Vereinigte Königreich deutlich eingebrochen.

Deutsche Warenausfuhren in das Vereinigte Königreich

Weil sich die Exporte auf die Insel seitdem stabilisiert haben, scheint das Gros der negativen Wechselkursauswirkungen aber bereits überwunden zu sein.

Weitgehend unklar ist dagegen noch immer, wie die Wirtschaftsbeziehungen nach dem Austritt aussehen werden. Aus heutiger Sicht sind folgende Schritte wahrscheinlich:

Übergangsphase. Nach dem Austritt Großbritanniens wird es wohl eine Übergangsphase bis Ende 2020 geben. Sie soll dazu dienen, mehr Zeit für die komplizierten und zeitaufwendigen Verhandlungen zu haben und den Unternehmen dann eine einzige Änderung der Rahmenbedingungen zuzumuten – und nicht viele kleine.

Austritt aus Binnenmarkt und Zollunion. Nach der Übergangsphase werden sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen voraussichtlich verschlechtern, denn die Regierung in London will den EU-Binnenmarkt und die Zollunion definitiv verlassen. Infolgedessen müssen an den Grenzen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich Kontrollen eingeführt werden – es wird also zu kostenträchtigen und langwierigen Zoll- und Prüfverfahren kommen. Das britische Parlament scheint allerdings eine Zollunion mit der EU zu wollen.

Auch knapp ein Jahr vor dem Brexit ist völlig offen, wie die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich anschließend aussehen werden.

Weitgehende Zollfreiheit. Da beide Seiten ein umfangreiches Freihandelsabkommen anstreben, wird es wohl nicht zu Zöllen im Warenhandel kommen. Sollten die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen jedoch wider Erwarten scheitern, wäre der sogenannte harte Brexit die Folge und Großbritannien würde zunächst vermutlich die gleichen Zölle erheben, die die EU derzeit gegenüber Drittstaaten ohne Freihandelsabkommen anwendet. In diesem Fall drohen vor allem im Handel mit Agrarwaren hohe Zölle, aber auch für einige industrielle Produktgruppen wie Pkws und Lkws.

Es ist zwar unwahrscheinlich, dass es so weit kommt, dennoch müssen sich die Unternehmen auch auf ein No-Deal-Szenario vorbereiten, also auf den Fall, dass die Austrittsverhandlungen scheitern. Dann würden beide Seiten ohne klare Regeln auseinandergehen – und es herrschte vorübergehend rechtliches Chaos.

Noch weniger wahrscheinlich ist nur eines: dass die Briten ihre Entscheidung, aus der EU auszutreten, wieder zurücknehmen.

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