Einkommensverteilung Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Reich oder nicht reich?

Wer in Deutschland zu den Reichen zählt, ist nicht leicht zu beantworten. In den üblicherweise verwendeten Statistiken jedenfalls bewegen sich Reiche in ganz anderen Einkommensregionen, als es die meisten Bundesbürger glauben.

Kernaussagen in Kürze:
  • Ab wann jemand reich ist, darüber gehen die Meinungen der Bundesbürger und die offiziellen Angaben weit auseinander.
  • Laut Statistik gehört ein Single ab einem monatlichen Einkommen von rund 3.500 Euro netto zu den oberen 10 Prozent.
  • Für die Bundesbürger ist eine Person erst mit einem Nettoeinkommen von 7.000 bis 10.000 Euro reich.
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Keine Frage: Wer in Deutschland als Single monatlich 3.529 Euro netto zur Verfügung hat, der muss sich finanziell keine Sorgen machen. Doch ist man mit diesem Einkommen auch reich?

Ja, sagen die Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer regelmäßigen Befragung von rund 16.000 Privathaushalten. Demnach gehörte ein Alleinstehender im Jahr 2017 – neuere Daten gibt es nicht – mit diesem Nettoeinkommen zu den einkommensreichsten 10 Prozent dieser Gruppe. Als Einkommen zählt dabei nicht nur das Gehalt – auch Mieteinnahmen, Gewinne aus Aktien, Nettoeinkommensvorteile aus selbst genutztem Wohneigentum und staatliche Leistungen wie das Kindergeld gehören dazu. Steuern und Sozialversicherungsbeiträge sind dagegen bereits abgezogen. Analysiert man die SOEP-Daten nach Erwerbsstatus, Geschlecht und Bildung, ergeben sich folgende Charakteristika:

  • 55 Prozent der oberen 10 Prozent sind männlich; auf der Haushaltsebene sind sogar 70 Prozent der Hauptverdiener Männer.
  • 24 Prozent der Topverdiener sind Angestellte mit einer hochqualifizierten Tätigkeit.
  • Etwa zwei Drittel der Hauptverdiener der oberen 10 Prozent haben ein abgeschlossenes Studium – im Durchschnitt aller Haushalte sind es nur 28 Prozent.
  • 48 Prozent aller Topverdiener-Haushalte sind Paare ohne Kinder oder sie haben Kinder, die aber nicht mehr im gleichen Haushalt leben.
  • Rund 760.000 der gut acht Millionen Personen, die gemäß ihres bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommens zu den einkommensreichsten 10 Prozent gehören, sind Kinder – damit leben in diesen Haushalten weniger Kinder als im Durchschnittshaushalt.

Die SOEP-Zahlen zeigen, dass sich trefflich darüber streiten lässt, ob die oberen 10 Prozent der Einkommensbezieher tatsächlich als reich bezeichnet werden können. In Analysen zur Schere zwischen Arm und Reich steht die Einkommensentwicklung der ärmsten 10 Prozent im Vergleich zu jener des reichsten Zehntels dennoch häufig im Vordergrund.

Die meisten Bundesbürger vermuten, dass mindestens 20 Prozent der Bevölkerung reich sind – tatsächlich sind es zwischen 7 und 8 Prozent.

Doch während die Grenze zur Armutsgefährdung eine weitverbreitete Konvention darstellt – betroffen ist, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat – herrscht bezüglich der Schwellenwerte zum Reichtum weit weniger Konsens.

In amtlichen Statistiken werden häufig diejenigen als relativ einkommensreich ausgewiesen, die über das Doppelte des bedarfsgewichteten Medianeinkommens verfügen. Das Medianeinkommen teilt alle Einkommensbezieher in zwei gleich große Gruppen – die eine Hälfte verdient mehr, die andere weniger. Und die Bedarfsgewichtung berücksichtigt zum Beispiel, dass Kinder tendenziell weniger Geld zur Deckung ihrer Bedürfnisse brauchen als Erwachsene oder ein gemeinsamer Haushalt Kostenvorteile gegenüber einem Singlehaushalt hat.

Im Jahr 2017 betrug das Medianeinkommen für einen Alleinstehenden in Deutschland 1.946 Euro netto pro Monat, ein Paar ohne Kinder kam auf 2.919 Euro und eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren auf 4.086 Euro (Grafik). Verdoppelt man diese Einkommen, dann heißt das:

Ein Alleinstehender war 2017 ab rund 3.890 Euro netto einkommensreich, ein Paar ohne im Haushalt lebende Kinder zählte ab rund 5.840 Euro dazu und eine Familie mit zwei Kindern ab knapp 8.200 Euro.

Monatliches Haushaltsnettoeinkommen im Jahr 2017 in Euro

Mit diesen Nettoeinkommen zählte man auf Basis der SOEP-Daten nicht nur zu den oberen 10 Prozent, sondern bereits zu den oberen 7 Prozent.

Fragt man jedoch die Bundesbürger, ab welchem Einkommen jemand zu den Reichen zählt, kommen noch deutlich höhere Werte heraus (Grafik):

Für die meisten Bundesbürger wird die Reichtumsgrenze erst ab einem monatlichen Nettoeinkommen von 7.000 bis 10.000 Euro überschritten.

... so hoch ist das monatliche Nettoeinkommen, ab dem eine Person nach Meinung der meisten Bundesbürger zu den Reichen gehört. Nach offiziller Definition gilt ein Alleinstehender ab rund 3.890 Euro als relativ reich.

Die subjektiven Reichtumsgrenzen variieren allerdings sehr stark und hängen nicht zuletzt vom eigenen Einkommen ab.

Nur wenige Bundesbürger zählen sich zum obersten Einkommenszehntel

Auffallend ist auch, dass sich nur sehr wenige Bundesbürger selbst als reich bezeichnen. Bei einer Einordnung in eine zehnstufige Oben-unten-Skala in der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften im Jahr 2018 zum Beispiel sortierten sich nur 1,2 Prozent in die zehnte und damit oberste Schicht.

Grundsätzlich aber sind die Bundesbürger hinsichtlich ihrer persönlichen Einordnung in den vergangenen Jahren optimistischer geworden: Fast die Hälfte der bundesdeutschen Bevölkerung verortete sich 2018 in der siebten Schicht oder höher – im Jahr 2006 traf dies nur auf knapp ein Viertel der Bundesbürger zu.

Interessanterweise wird zudem der Anteil der Reichen an der gesamten Bevölkerung überschätzt (Grafik): Auch wenn die meisten Bundesbürger höhere Schwellenwerte zum Reichtum anlegen, ist ihre Einschätzung, dass mindestens 20 Prozent der Bevölkerung zu den Reichen gehören, weit von der statistischen Erfassung des Reichtums entfernt.

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