Einkommensmobilität Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Der soziale Aufstieg aus dem Elternhaus gelingt

Eltern arm, Kinder arm? In der öffentlichen Diskussion klingt es häufig so, als sei das in Deutschland die Regel. Doch eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, dass sich die Einkommen von Generation zu Generation teilweise stark verändern.

Kernaussagen in Kürze:
  • Eine neue IW-Studie vergleicht die Arbeitseinkommen der Väter- und der inzwischen im Erwerbsleben stehenden Sohn-Generation: Fast zwei Drittel der Söhne verdienten in den vergangenen Jahren real mehr als ihre Väter im selben Alter.
  • Sechs von zehn Söhnen, deren Väter einst dem untersten Einkommensviertel angehörten, schafften den Aufstieg in eine höhere Schicht.
  • Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass der Zusammenhang zwischen dem Einkommensstatus der Eltern und dem der Kinder in Deutschland schwächer ist als etwa in den USA und Großbritannien.
Zur detaillierten Fassung

Geht es um Fragen der Ungleichheit, geraten schnell die Einkommen in den Blick. Denn sie sind ein guter Indikator dafür, wie sich der Wohlstand in einer Gesellschaft verteilt.

Die meisten Analysen stellen dabei auf eine jährliche Querschnittsbetrachtung der Einkommensverteilung ab – also darauf, wie sich das Einkommen einer Gesellschaft zum Zeitpunkt X auf die Köpfe verteilt. Der Nachteil dieser Betrachtung: Sie vernachlässigt, dass nur ein relativ geringer Anteil von Menschen dauerhaft in einem Einkommensbereich verharrt. Die sogenannte intragenerationale Einkommensmobilität zeigt dagegen, wie sich das Einkommen von Menschen im Lauf des Lebens verändert.

Noch weiter geht jetzt das IW: Die Forscher klären in ihrer Studie, wie es um die sogenannte intergenerationale Einkommensmobilität steht – dieser Ansatz untersucht, wie sich die realen Einkommen von Generation zu Generation verändern.

Dafür sind zwei Arten der Einkommensmobilität von Interesse:

Die absolute Einkommensmobilität zeigt, welche Einkommensunterschiede es zwischen Eltern und ihren Kindern in vergleichbaren Lebensabschnitten gibt.

Die relative Einkommensmobilität weist aus, inwiefern sich Kinder im Einkommensgefüge der Gesellschaft besser oder schlechter positionieren als ihre Eltern.

Grundlage beider Vergleiche sind Daten des Sozio-oekonomischen Panels von westdeutschen Männern: Die Väter gehören zu den Geburtsjahrgängen 1928 bis 1954, die Söhne zu den Jahrgängen 1955 bis 1975.

Fast zwei Dritteln der Söhne gelingt es, das Einkommen ihrer Väter zu übertreffen.

Dass nur Männer in Westdeutschland betrachtet werden, hat rein praktische Gründe: Zum einen gibt es für Ostdeutschland keine vergleichbaren Daten für die Zeit vor der Wiedervereinigung und zum anderen würde die im Untersuchungszeitraum deutlich gestiegene Erwerbsbeteiligung der Frauen die Ergebnisse verzerren.

Mit Blick auf die absolute Einkommensmobilität ist der Befund allerdings schon für westdeutsche Männer eindeutig:

Rund 63 Prozent der Söhne haben ein höheres Arbeitseinkommen als ihre Väter.

Dabei werden reale Größen verglichen, also Preissteigerungen herausgerechnet.

Bei 57 Prozent ist auch das Familieneinkommen höher. Für diese Einkommensart werden statt des Bruttolohns des Mannes die Nettoeinkommen aller Haushaltsmitglieder sowie beispielsweise Kapitalerträge und staatliche Transferzahlungen berücksichtigt und bedarfsgewichtet, also zur besseren Vergleichbarkeit auf Einpersonenhaushalte umgerechnet. Dabei zeigt sich ebenfalls ein positiver Trend (Grafik):

Liegen die Familieneinkommen der Jahrgänge 1961 bis 1965 nur in 42 Prozent der Fälle über denen der Väter, gilt das bereits für 71 Prozent der Jahrgänge 1971 bis 1975.

So viel Prozent der Söhne aus den Geburtsjahrgängen 1961 bis 1975 haben ein höheres Einkommen als ihre Väter

Hierbei fällt ins Gewicht, dass immer mehr Frauen arbeiten und so das Familieneinkommen merklich erhöhen.

Aufstieg und Abstieg – beides ist möglich

Hervor sticht, dass vor allem den Söhnen der einkommensärmsten Väter der finanzielle Aufstieg gelingt:

Rund 90 Prozent der Söhne von Vätern aus dem untersten Einkommensviertel erreichen ein höheres Einkommen als ihre Väter.

Und 47 Prozent der Söhne mit einem Vater aus dem untersten Viertel verdienen sogar mindestens 50 Prozent mehr als ihre Väter.

Söhne, deren Vater bereits im obersten Einkommensviertel zu Hause ist, schaffen es nur zu 31 Prozent, mehr zu verdienen als ihr alter Herr.

Die absolute Einkommensdynamik ist zwischen Vätern und Söhnen also hoch. Doch auch relativ betrachtet kommt es zu erheblichen Einkommensverschiebungen zwischen den Generationen (Grafik):

Immerhin 60 Prozent der Söhne von Vätern, deren Einkommen im Zeitraum 1984 bis 1993 zum untersten Quartil gehörte, schaffen es in ein höheres Einkommensviertel.

So viel Prozent der Söhne befinden sich im gleichen bzw. höheren oder niedrigeren Einkommensquartil wie ihr Vater

Waren die Väter dagegen Teil des obersten Einkommensviertels, gelingt es nur 46 Prozent der Söhne, die Position zu halten. Die übrigen 54 Prozent landen in einem niedrigeren Einkommensviertel. Ähnliche Befunde gelten für die Familieneinkommen.

Insgesamt zeigt die Studie also, dass die Einkommensmobilität in Deutschland in beide Richtungen wirkt. Und: Die nachgewiesene Durchlässigkeit zwischen den Einkommensgruppen hat sich im Lauf der Jahre nicht verschlechtert – anders als beispielsweise in den USA, wo es den jüngeren Generationen immer schwerer fällt, ihre Eltern finanziell zu überholen.

Bedenklich sind die Ergebnisse für Deutschland allein mit Blick auf die Tatsache, dass besonders niedrige und besonders hohe Einkommen bei den Söhnen häufiger vorkommen als bei ihren Vätern.

Deutschland durchlässiger als oft unterstellt

Wie gut oder schlecht sich die Bundesrepublik mit diesen Ergebnissen im internationalen Vergleich positioniert, beantwortet ein Vergleich des sogenannten Elastizitätskoeffizienten der Einkommen: Er gibt an, wie stark der Zusammenhang zwischen den Einkommen der Väter und der Söhne ist. Dabei gilt: Je größer der Wert, der zwischen null und eins liegt, desto stärker ist der Zusammenhang. In Deutschland liegt er für die Arbeitseinkommen bei 0,319 – bildlich gesprochen heißt das:

In Deutschland „vererbt“ ein Vater rund 32 Prozent seines Einkommensstatus an den Sohn.

International rangiert die Bundesrepublik damit im Mittelfeld – zwischen Schweden mit einer Einkommenselastizität von 0,27 und Frankreich mit 0,41. Deutlich mobiler sind die Einkommen zwischen den Generationen in Dänemark (0,15) und Norwegen (0,17). In den USA (0,47) und Großbritannien (0,5) dagegen entscheidet die Herkunft viel stärker über das eigene Einkommen.

Mit Blick auf die Einkommen ist Deutschland also durchlässiger als oft unterstellt. Dennoch ist noch Luft nach oben: Höhere Bildungsabschlüsse – vor allem der Menschen in den unteren Einkommensbereichen – könnten die Einkommensmobilität weiter steigern.

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