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Genderparadies Bahamas

Dass die Skandinavier in puncto Geschlechtergerechtigkeit ziemlich weit vorangekommen sind, ist nichts Neues. Doch wenn es um Arbeit und Beruf geht, finden Frauen in Ländern wie Barbados oder den Bahamas die besseren Bedingungen vor. Global betrachtet kommt die Gleichberechtigung allerdings nur schleppend voran: Der weltweite Gender Gap war im Jahr 2017 nur zu 68 Prozent geschlossen – und damit sogar etwas größer als 2016.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums vergleicht den Stand der Gleichberechtigung von Frauen und Männern in 144 Ländern – Deutschland belegt Platz 12.
  • Die ersten drei Plätze gehen an skandinavische Länder, unter die Top Ten haben es aber Ruanda, Nicaragua und die Philippinen geschafft,
  • Auffallend schlecht schneidet Deutschland mit Platz 43 in der Kategorie Wirtschaft ab – der Hauptgrund: Hierzulande sind weniger als 30 Prozent aller Führungspositionen mit Frauen besetzt.
Zur detaillierten Fassung

Seit zwölf Jahren veröffentlicht das Weltwirtschaftsforum (WEF) den Global Gender Gap Report – und zwar immer einige Wochen vor dem berühmten Treffen in Davos. Der aktuelle Report vergleicht 144 Länder im Hinblick auf die Geschlechterlücke und deckt dabei vier Themengebiete ab: die wirtschaftliche Teilhabe, den Zugang zu Bildung, die Gesundheit sowie die politischen Mitwirkungsmöglichkeiten. In dieser Gesamtbetrachtung schneidet Deutschland zwar recht gut ab, zählt jedoch nicht zu den zehn besten Ländern (Grafik): Die Bundesrepublik landet im aktuellen Gleichberechtigungs­ranking auf Platz 12 und hat sich damit im Vergleich zu 2016 um einen Platz verbessert. Die Ergebnisse des Global Gender Gap Report 2017 Im ersten Jahr des Reports, 2006, schaffte es Deutschland noch auf Platz 5, und das mit weit weniger Punkten als heute. Dass die Bundesrepublik aktuell schlechter abschneidet, liegt daran, dass einige Schwellenländer in puncto Gleichberechtigung enorm aufgeholt haben: Ruanda, Nicaragua und die Philippinen haben ihre Gender-Lücken inzwischen zu mindestens 80 Prozent geschlossen und liegen deshalb alle auf Top-Ten-Plätzen, wo sie so manches Industrieland verdrängt haben.

Auf den Bahamas gibt es mehr weibliche als männliche Führungskräfte.

Die meisten Fortschritte gibt es in der Kategorie Bildung, hier herrscht inzwischen schon in 27 Ländern vollkommene Gleichberechtigung: in europäischen Ländern wie Belgien, Dänemark, Frankreich oder Tschechien, aber auch in Schwellenländern wie Kuba, Botswana oder Jamaika. In all diesen Staaten haben beide Geschlechter dieselben Bildungschancen und erreichen deshalb auch denselben Grad der Alphabetisierung sowie gleiche Bildungs- und Hochschulabschlüsse. Erstaunlicherweise landet Deutschland in Bildungsfragen im Gender-Report lediglich auf Platz 98 – gleich hinter Saudi-Arabien und Vietnam. Das liegt unter anderem daran, dass, anders als etwa in Jamaika, in der Bundesrepublik Frauen jenseits der 65 deutlich seltener einen Hochschulabschluss haben als Männer dieser Altersgruppe: Von den Frauen haben 12 Prozent ein Studium beendet, von den Männern 30 Prozent. Auch der Anteil der Männer mit Doktortitel ist mit 1,8 Prozent höher als der der Frauen, von denen 0,8 Prozent promoviert haben. In Jamaika ist dies, allerdings auf niedrigerem Niveau, anders – hier haben jeweils 5,1 Prozent der über 65-jährigen Männer und Frauen einen Hochschulabschluss; die Doktortiteldichte wird nicht erfasst. Die Geschlechterlücke in Deutschland in der Unterkategorie Bildung wird sich erst mit der nächsten Generation schließen, denn von der Bildungsexpansion der vergangenen 30 Jahre haben vor allem die Frauen profitiert.

Wo Frauen ökonomisch mit Männern auf Augenhöhe sind 

Überraschend sind auf den ersten Blick auch die Sieger in der Kategorie „Wirtschaftliche Teilhabe und Chancengleichheit“: Burundi, Barbados und die Bahamas bieten Frauen weltweit die besten Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt. Als einziges europäisches Land hat es in dieser Kategorie Norwegen in die Top Ten geschafft. Deutschland belegt Platz 43, gleich hinter Australien. Den Ausschlag für die vorderen Plätze der afrikanischen und karibischen Staaten geben die Erwerbstätigenquote und das im Geschlechtervergleich höhere Einkommen der Frauen: In Burundi beispielsweise sind fast 86 Prozent der Frauen erwerbstätig, aber nur knapp 84 Prozent der Männer. Zudem haben die Frauen mit einem Jahreseinkommen von 882 Dollar durchschnittlich 212 Dollar mehr in der Tasche als die Männer. Im zweitplatzierten Barbados liegt die Erwerbstätigenquote der Frauen mit 75 Prozent zwar 6 Punkte unter derjenigen der Männer. Auch verdienen Frauen mit durchschnittlich 13.750 Dollar pro Jahr in Barbados weniger als Männer, die auf rund 20.100 Dollar kommen. Doch die Karibik-Insel kann mit einem höheren Frauenanteil bei Fachkräften und Technikern punkten sowie durch eine paritätische Besetzung der Managementpositionen. Auch auf den Bahamas, Platz 3 in der wirtschaftlichen Gleichberechtigung, sind Fachkräfte und Führungspositionen ausschlaggebend für das gute Resultat: In dem Inselstaat haben Frauen mehr als die Hälfte aller Managementpositionen inne, ihr Anteil beim Fachpersonal und den technischen Fachkräften liegt sogar bei über 60 Prozent.

In Deutschland gibt es in Sachen wirtschaftliche Gleichstellung noch viel zu tun

Und Deutschland? Die Bundesrepublik belegt in der Kategorie Gleichberechtigung in der Wirtschaft nur Platz 43. Ein entscheidender Grund für dieses schlechte Ergebnis ist, dass weniger als 30 Prozent der Führungskräfteposten mit Frauen besetzt sind. Auch das durchschnittliche Jahressalär von umgerechnet knapp 40.000 Dollar liegt aufgrund der hohen Teilzeitquote deutlich unter dem der Männer, die im Schnitt mehr als 58.000 Dollar im Jahr verdienen. Global betrachtet bleibt Westeuropa in puncto Geschlechtergerechtigkeit aber die beste Region, auch wenn Länder wie die Niederlande von Platz 12 im Jahr 2006 auf Platz 32 im Jahr 2017 abgerutscht sind. Schlusslichter im Global Gender Gap Report sind der Nahe Osten und Nordafrika mit Ländern wie Syrien, dem Jemen und Marokko. Dass es 2017 einen Rückschritt in der weltweiten Gleichberechtigung gab, bedauerte auch die Mitautorin des Berichts und Leiterin der Abteilung Arbeit, Bildung und Gender des Weltwirtschaftsforums, Saadia Zahidi. Für das Weltwirtschaftsforum selbst haben die WEF-Organisatoren den Vorsitz jedes der sieben Panels mit einer Frau und einem Mann besetzt – unter anderem mit der Vorstandsvorsitzenden von IBM, Ginni Rometty, der Direktorin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, der Premierministerin von Norwegen, Erna Solberg, und der Generalsekretärin des Internationalen Gewerkschaftsbundes, Sharan Burrow. Insgesamt nahmen am diesjährigen Gipfeltreffen mehr als 600 Frauen teil – klingt erst mal nach viel, tatsächlich lag der Anteil der weiblichen Partizipanten damit allerdings nur bei 21 Prozent.

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