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Die sechs wichtigsten Fragen zur Steuerlast der Bundesbürger

Eine gute Nachricht: Die Grundidee des deutschen Steuersystems funktioniert – wer viel verdient, zahlt auch entsprechend mehr Steuern. Eine schlechte Nachricht: Den sogenannten Spitzensteuersatz zahlen auch Menschen, die zwar gut verdienen, aber alles andere als Spitzenverdiener sind. Ein kinderloser Single zum Beispiel muss bereits ab einem Jahresbruttoeinkommen von etwa 65.000 Euro den Einkommenssteuerhöchstsatz von 42 Prozent berappen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Knapp 68 Millionen Menschen zahlen in Deutschland Einkommenssteuern – allein 48 Prozent des Steueraufkommens stammen von der obersten 10 Prozent der Haushalte.
  • Die unteren Einkommensklassen sind im Verhältnis stärker mit Mehrwertsteuern als mit Einkommenssteuern belastet.
  • Im Schnitt führen die Bundesbürger rund 40 Prozent ihres Einkommens an den Staat ab – mehr ist es in keinem anderen Industrieland außer Belgien.
Zur detaillierten Fassung

Wie in fast jedem Bundestagswahljahr werden auch dieses Mal die vermeintlichen Ungerechtigkeiten in Deutschland hitzig diskutiert, und wie immer steht dabei auch das Steuersystem am Pranger.

Besonders populär ist die These, dass Spitzenverdiener in Deutschland vergleichsweise glimpflich davonkommen und deshalb stärker besteuert werden sollten.

Um die tatsächliche Steuerbelastung der Bundesbürger zu ermitteln, hat das IW Köln die beiden aufkommensstärksten Steuerarten herangezogen: Die Einkommenssteuer einschließlich des Solidaritätszuschlags sowie die Mehrwertsteuer, die in der Studie einschließlich der Versicherungssteuer ausgewiesen wird, machen zusammen rund zwei Drittel der öffentlichen Einnahmen aus. Die Ergebnisse der IW-Analyse:

1. Wer zahlt überhaupt Einkommenssteuern?

In Deutschland leben derzeit 67,6 Millionen Menschen, die mindestens 18 Jahre alt sind. Davon zahlen 46,2 Millionen Einkommenssteuern (Grafik). Die übrigen 21,4 Millionen zahlen nichts – weil sie zu wenig oder gar nichts verdienen, weil sie eine Ausbildung durchlaufen oder studieren oder weil sie bereits im Ruhestand sind.

2. Wer zahlt wie viel Steuern?

Um diese Frage zu beantworten, haben die IW-Forscher die deutschen Haushalte in zehn Einkommensgruppen unterteilt und sich dabei am Bruttoäquivalenzeinkommen der Haushalte orientiert. Diese Gewichtung ist wichtig, denn sie berücksichtigt die Tatsache, dass ein gemeinsamer Haushalt im Vergleich zu einem Singlehaushalt bestimmte Ersparnisse mit sich bringt – so muss zum Beispiel ein Vierpersonenhaushalt nur eine Waschmaschine kaufen, nicht vier.

Schaut man nun auf die Verteilung der Steuerlast, dann ergibt sich ein eindeutiges Bild (Grafik):

Die 10 Prozent der einkommensstärksten Haushalte zahlen mehr als 48 Prozent der gesamten Einkommenssteuer – vereinen aber nur 27 Prozent aller Haushaltsbruttoeinkommen auf sich.

Hinzu kommt, dass die Statistik die Haushalte mit den höchsten Einkommen aus Datenschutzgründen nicht vollständig erfasst, sodass ihr Anteil am Steueraufkommen sogar noch höher ausfallen dürfte als hier berechnet. Fasst man jedoch die oberen drei Dezile zusammen, bleibt ohnehin nicht viel übrig: Fast 80 Prozent seiner Einnahmen aus der Einkommenssteuer kassiert der Staat vom oberen Drittel der bundesdeutschen Haushalte.

Die oberen 10 Prozent der Haushalte zahlen mehr als 48 Prozent der Einkommenssteuer – haben aber nur 27 Prozent der Einkommen.

Allerdings verdienen „die da oben“ bei weitem nicht alle so viel, wie mancher glauben möchte. Denn der Spitzensteuersatz von 42 Prozent greift bereits bei einem zu versteuernden Jahreseinkommen von rund 54.000 Euro, das sind rund 65.000 Euro brutto. Zur Erinnerung: Unter Bundeskanzler Helmut Kohl lag die Schwelle, ab der der Spitzensteuersatz gilt, bei 120.000 D-Mark.

Auch ein Blick auf die unteren Einkommensklassen zeigt, dass das Leistungsprinzip im deutschen Steuersystem grundsätzlich funktioniert – starke Schultern tragen mehr als schwache:

Die fünf Zehntel der Haushalte mit den niedrigsten Einkommen zahlen zusammen nur knapp 7 Prozent der gesamten Einkommenssteuer.

3. Und was ist mit der Mehrwertsteuer?

Konsumsteuern wie die Mehrwertsteuer unterscheiden sich von der Einkommenssteuer zum einen dadurch, dass es keine Freibeträge gibt. Wer konsumiert, zahlt also auf jeden Fall auch Steuern. Zum anderen hat die Mehrwertsteuer keinen progressiven Tarif, sondern zwei Stufen: den Regelsatz von 19 Prozent und den ermäßigten Satz von 7 Prozent.

Weil die Mehrwertsteuer jeden trifft, stellt sich die Belastung für die einzelnen Gruppen anders dar als bei der Einkommenssteuer. Während die Anteile dort von 0 bis 48 Prozent reichen, halten sich die Unterschiede bei der Mehrwertsteuer mit einer Spanne von 5,5 bis 17,5 Prozent in engen Grenzen.

Die unteren Einkommensklassen sind deshalb von der Konsumsteuer besonders betroffen – sie zahlen mehr Mehrwertsteuern als Einkommenssteuern. Erst ab einem durchschnittlichen Bruttomonatseinkommen von 2.700 Euro ist es umgekehrt.

4. Wie hoch ist die Steuerbelastung insgesamt?

Fasst man Einkommens- und Mehrwertsteuer zusammen, verändern sich zwar die Anteile der einzelnen Einkommensgruppen am gesamten Steueraufkommen. Der grundsätzliche Befund aber bleibt:

Die oberen 10 Prozent der Haushalte tragen gut 37 Prozent des gesamten Aufkommens aus Einkommens- und Mehrwertsteuer. Die fünf Dezile mit den niedrigsten Einkommen zahlen insgesamt rund 18 Prozent.

5. Wie viel Netto bleibt vom Brutto?

Die OECD hat erst vor ein paar Tagen wieder einmal darauf hingewiesen, dass Deutschland nach Belgien weltweit die zweithöchste Belastung durch Steuern und Sozialabgaben hat. Und tatsächlich: Weitgehend unabhängig vom Haushaltstyp müssen selbst die Bundesbürger mit mittlerem Einkommen rund 40 Prozent an den Staat abführen – darin sind die Arbeitgeberbeiträge zu den Sozialversicherungen noch nicht einmal eingerechnet.

6. Was also tun?

Weil ein Absenken der Sozialbeiträge negative Auswirkungen auf die Rentenansprüche hätte und die Mehrwertsteuer relativ verzerrungsneutral ist, bleibt nur das Absenken des progressiven Einkommenssteuertarifs. Das würde zum einen speziell bei einer Absenkung im unteren Verlauf zu einer Entlastung aller Steuerzahler führen und zum anderen den Anreiz erhöhen, erwerbstätig zu werden.

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