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„Das Demografieproblem ist schlimmer als gedacht“

Deutschlands Bevölkerung schrumpft, vor allem die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter wird künftig kleiner. Deshalb müssen deutlich mehr Hochqualifizierte aus Drittstaaten zuwandern, sagt IW-Demografieexperte Wido Geis-Thöne. Mittelfristig sollte Deutschland seine Fachkräfte aus dem Ausland auch verstärkt selbst ausbilden.

Kernaussagen in Kürze:
  • Wenn künftig nicht mehr qualifizierte Menschen nach Deutschland einwandern als bislang, wird es in manchen Regionen bald schwer werden, einen Handwerker zu finden, sagt IW-Demografieexperte Wido Geis-Thöne.
  • Um den Fachkräftemangel zu lindern, müsse insbesondere die Erwerbszuwanderung aus Drittstaaten weiter gestärkt werden.
  • Gegenüber anderen Ländern habe Deutschland beispielsweise den Vorteil, keine Studiengebühren von Studenten aus Drittstaaten zu verlangen, so Geis.
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Was passiert, wenn es in Deutschland bis 2030 nicht mehr Zuwanderer gibt als bislang?

Ein ganz großes Thema wird die Versorgung betreffen: Wir haben heute schon Fachkräfteengpässe im Handwerk, es gibt beispielsweise viel zu wenige Elektriker und Sanitärfachleute. Vor allem in Regionen, die besonders stark vom demografischen Wandel betroffen sind wie in Teilen Ostdeutschlands, dürfte es künftig schwer werden, einen Handwerker für solche Arbeiten zu finden.

Man muss damit rechnen, dass die Wirtschaft in Deutschland aufgrund des absehbaren Fachkräftemangels bis zu einem gewissen Grad schrumpfen wird.

Auch in der Industrie drohen wir in einen stärkeren Fachkräfteengpass hineinzulaufen. Das wird man teilweise mit einer stärkeren Technisierung abfangen können, doch man muss damit rechnen, dass die Wirtschaft bis zu einem gewissen Grad schrumpfen wird, wenn Fachleute fehlen. Das Kernproblem ist dabei, dass die Bevölkerungszahl nicht parallel dazu sinkt: So stehen einer steigenden Zahl an Rentnern künftig wesentlich weniger Beitragszahler in der gesetzlichen Rentenversicherung gegenüber. Selbst bei einem deutlich steigenden Renteneintrittsalter wird es sehr schwer werden, die öffentlichen Leistungen in ihrer jetzigen Form weiter zu finanzieren.

Wie könnte Deutschland denn Anreize setzen, damit mehr Fachkräfte aus dem Ausland hierherkommen?

Zuerst muss man in Deutschland mal verstehen, dass die Lage schlimmer ist, als man sie sich für gewöhnlich vorstellt. In den letzten Jahren hatten wir eine sehr starke arbeitsmarktbezogene Zuwanderung aus der EU, vor allem aus Polen, Rumänien, Bulgarien, Ungarn und Kroatien. All diese Länder sind aber selbst vom demografischen Wandel betroffen, sodass es hier kaum mehr in ähnlichem Maße wie in der Vergangenheit Personen geben wird, die zu uns kommen können. Die Erwerbszuwanderung aus Drittstaaten, die bisher keine ganz so große Rolle spielt, muss also nicht nur die Zahl der ins Land kommenden Fachkräfte weiter stärken, sondern auch die erwerbsbezogene Zuwanderung aus der EU per saldo zu einem großen Teil ersetzen.

Das ließe sich doch ganz einfach lösen: indem man die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen möchten, reinlässt.

Für die Fluchtmigration sollten allein humanitäre Gründe ausschlaggebend sein. Fachkräftezuwanderung sollte sich hingegen an den gesuchten Qualifikationen orientieren oder an der Möglichkeit, diese in einem überschaubaren Zeitraum in Deutschland erwerben zu können. Zwar leisten auch Geflüchtete einen Beitrag zur Fachkräftesicherung, allerdings sind immer noch nur 33 Prozent der Personen im erwerbsfähigen Alter aus den Hauptherkunftsländern der Asylsuchenden sozialversicherungspflichtig beschäftigt – im Vergleich zu 57 Prozent bei den Personen aus den neuen EU-Mitgliedsländern.

Müssen nicht ohnehin viele Zuwanderer nachqualifiziert werden?

Nicht unbedingt. Es gibt zum Beispiel hochqualifizierte Zuwanderer aus Indien, die als Ingenieure oder Informatiker Deutschland sofort in hohem Maße weiterhelfen, ganz ohne Nachschulungen. Auch die Zuwanderer aus den Westbalkanländern, die ein viel niedrigeres Qualifikationsniveau mitbringen, finden meist direkt einen passenden Job.

Wichtig ist nur, dass die Zuwanderung tatsächlich arbeitsmarkt- oder ausbildungsbezogen erfolgt. Mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das 2020 in Kraft getreten ist, haben wir beim rechtlichen Rahmen einen Riesenschritt gemacht. Allerdings fiel sein Inkrafttreten mit dem ersten Lockdown zusammen. Deshalb können wir noch nicht sagen, wie gut das neue System insbesondere auch mit Blick auf die relativ komplizierte Anerkennung beruflicher Qualifikationen in der Praxis funktioniert. Da muss man abwarten, bis es wieder so etwas wie einen Normalzustand gibt.

Ist es nicht ziemlich egoistisch, wenn Deutschland aus ärmeren Ländern wie Indien hochqualifizierte Fachkräfte abwirbt?

Indien hat selbst ein Interesse daran, dass viele junge Menschen in andere Länder gehen und dort Kontakte zur Wirtschaft in Indien aufbauen. Außerdem muss man sehen, dass viele der zu uns kommenden Personen sonst nicht in Indien bleiben würden, sondern in die USA, nach Großbritannien oder Kanada gehen würden. Generell achtet Deutschland darauf, dass keine gezielte Ansprache von Fachkräften insbesondere im medizinischen Bereich stattfindet, wenn es in den Herkunftsländern eine Knappheit an Medizinern gibt.

Dennoch ist es in vielen Bereichen migrationspolitisch hilfreich, wenn viele Zuwanderer ihre Qualifikationen erst in Deutschland erwerben. Dies sorgt auch für eine noch bessere Anschlussfähigkeit am deutschen Arbeitsmarkt. Bereits heute kommen insbesondere viele junge Chinesen, aber zunehmend auch Inder zum Studium nach Deutschland und bleiben nach ihrem Abschluss hier. Gegenüber anderen Zielländern kann Deutschland bei den Studierenden aus Drittländern dabei mit dem Verzicht auf Studiengebühren punkten. Die Kehrseite ist allerdings, dass es hierzulande kein stark ausgebautes Stipendiensystem gibt. Für junge Menschen aus Ländern mit niedrigem Einkommensniveau und ärmeren Familien ist das ein großes Problem, da sie den für die Einreise geforderten Nachweis eines gesicherten Lebensunterhalts in Deutschland kaum erbringen können.

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