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Bildungsmonitor: Kaum noch Fortschritte

Seit 2004 untersucht das Institut der deutschen Wirtschaft die Bildungssysteme der Bundesländer. Im Jahr 2018 gibt es zum ersten Mal einen Rückschritt gegenüber dem Vorjahr, zudem fallen die Fortschritte im langfristigen Vergleich immer kleiner aus. Vor allem in Sachen Schulqualität, Bildungsarmut und Integration besteht dringender Handlungsbedarf.

Kernaussagen in Kürze:
  • Im Bildungsmonitor 2018 hat Sachsen am besten abgeschnitten und belegt bereits zum 13. Mal den ersten Platz.
  • Im Vergleich zum Vorjahr konnten sich nur Berlin und Schleswig-Holstein verbessern, alle anderen Bundesländer haben sich zum Teil deutlich verschlechtert.
  • Unterm Strich kann die deutsche Bildungspolitik mit der aktuellen Entwicklung des Bildungssystems nicht zufrieden sein. Vor allem bei der Schulqualität, der Reduzierung von Bildungsarmut und der Integration gab es zuletzt Rückschritte.
Zur detaillierten Fassung

Es geht um die Kompetenzen der Schüler, um Klassengrößen, Ganztagsbetreuung und Bildungsausgaben: Anhand von 93 Einzelindikatoren auf zwölf Handlungsfeldern analysiert das IW seit 15 Jahren die Bildungssysteme der 16 Bundesländer. Wie in jedem Jahr gibt es auch im Bildungsmonitor 2018 Gewinner und Verlierer (Grafik):

Mit 69,2 von 100 Punkten hat Sachsen am besten abgeschnitten und belegt zum 13. Mal Platz eins.

Abschneiden der Bundesländer im Bildungsmonitor 2018

Auch die Plätze zwei und drei gehen zum wiederholten Mal an Thüringen und Bayern. Neu ist allerdings, dass das Dauerschlusslicht Berlin in diesem Jahr die rote Laterne abgibt – an Bremen.

Sachsen erreicht Spitzenplätze auf den Handlungsfeldern Förderinfrastruktur, Schulqualität, Vermeidung von Bildungsarmut und Forschungsorientierung.

Thüringen punktet mit Bestnoten bei der Ausgabenpriorisierung und den Betreuungsbedingungen.

Bayern ist Spitzenreiter bei der beruflichen Bildung.

Berlin verbessert sich

Auffallend im Bundesländer-Ranking 2018 ist vor allem, dass sich gegenüber dem Vorjahr nur Berlin (plus 1,0 Punkte) und Schleswig-Holstein (plus 0,8 Punkte) verbessern konnten, während alle anderen zwischen 1,2 und 3,9 Punkte verloren haben.

Vergleicht man die Ergebnisse von 2018 mit denen von 2013 – damals wurde erstmals die aktuelle Methodik und Indikatorenauswahl verwendet –, dann steht das Saarland mit einem Plus von 13,2 Punkten auf dem Siegertreppchen, gefolgt von Hamburg (plus 6,3 Punkte) und Berlin (plus 4,9 Punkte). Am stärksten verschlechtert haben sich Thüringen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt mit einem Minus von jeweils rund 3 Punkten.

Trotz einiger Fortschritte kann die deutsche Bildungspolitik mit der aktuellen Entwicklung des Bildungssystems unterm Strich nicht zufrieden sein.

So wie die einzelnen Bundesländer haben sich auch die zwölf Handlungsfelder seit 2013 zum Teil höchst gegensätzlich entwickelt (Grafik):

In Sachen Internationalisierung, Förderinfrastruktur und Betreuungsbedingungen haben sich die Bundesländer am meisten verbessert – Rückschritte gab es unter anderem bei der Schulqualität, der Reduzierung von Bildungsarmut und der Integration.

Ergebnisse des Bildungsmonitors 2018 im Vergleich zu den Jahren 2013 und 2017

Für beides – Verbesserungen und Rückschritte – gibt es konkrete Gründe:

Die Internationalisierung hat von allen Handlungsfeldern die größten Fortschritte gemacht – von 2013 bis 2018 um 17,5 Punkte. Gründe dafür waren vor allem die verbesserten Englischkenntnisse der Schüler und der gestiegene Anteil ausländischer Studentinnen und Studenten.

Die Förderinfrastruktur hat sich vor allem wegen der deutschlandweit gestiegenen Zahl von Ganztagsplätzen an den Grundschulen verbessert.

Die Betreuungsbedingungen sind unter anderem dank der günstigeren Betreuungsrelationen in den Kindertageseinrichtungen und in der Sekundarstufe I besser geworden.

Die Schulqualität ist das Handlungsfeld, auf dem die Bundesländer seit 2013 die größten Einbußen (minus 13,5 Punkte) erlitten haben. Dahinter steckt vor allem das schlechte Abschneiden der Schüler in Bildungstests: Erreichten die Viertklässler im Jahr 2011 beim Lesen 500 Punkte, waren es 2016 nur noch 493 Punkte – noch größer war der Qualitätsverlust beim Hörverständnis von deutschen Texten und in Mathematik.

Die Bildungsarmut ist größer geworden, weil zum einen die Schulabbrecherquote gestiegen ist und zum anderen weniger Absolventen des Berufsvorbereitungsjahres ihre Abschlussprüfung bestanden haben.

Die Integration hat sich verschlechtert, weil die Zahl der ausländischen Schulabsolventen gesunken und zugleich die Zahl der ausländischen Abgänger ohne Schulabschluss gestiegen ist.

Trotz einiger Fortschritte – unterm Strich kann die deutsche Bildungspolitik mit der aktuellen Entwicklung des Bildungssystems nicht zufrieden sein:

Von 2014 bis 2018 haben sich die Bundesländer nur um jahresdurchschnittlich 0,2 Punkte verbessert – im Zeitraum 2010 bis 2013 waren es noch 2,6 Punkte. Zudem gab es 2018 gegenüber dem Vorjahr erstmals einen Rückschritt.

Dieser Befund wiegt umso schwerer, als die Herausforderungen für das Bildungssystem vor dem Hintergrund der Migration, des demografischen Wandels und der Digitalisierung (siehe „Analoge Klassenzimmer“) eher größer als kleiner werden. Das IW hatte bereits im Bildungsmonitor 2017 – der den Ländern ebenfalls nur noch leichte Fortschritte attestierte – eine Reformagenda entwickelt. Was ist daraus geworden?

Empfehlungen des IW

Die Durchlässigkeit des Bildungssystems weiter erhöhen: Dieses Ziel wird zwar auch von der Politik deutlich formuliert, gleichwohl bedarf es noch einiger Anstrengungen, um die Integration zu verbessern und die Bildungsarmut zu reduzieren.

Flüchtlingsmigration meistern: Aufgrund der Zuwanderung hat das IW jährliche Mehrausgaben von 3,5 Milliarden Euro vorgeschlagen – eine stärkere Priorisierung der Integrationsaufgabe durch die Politik ist nach wie vor wünschenswert.

Die Qualität der Kitas verbessern und zusätzliche Plätze schaffen: Dafür hat das IW einen jährlichen Bedarf von rund 5 Milliarden Euro veranschlagt. Die im Koalitionsvertrag geplanten Bundesmittel von 3,5 Milliarden Euro für 2018 bis 2021 dürften – auch ergänzt um die Mittel der Länder – jedoch geringer sein.

Schulfrieden schaffen: Der bildungspolitische Diskurs sollte weg von einer Zeit- und hin zu einer Qualitätsdiskussion. Tatsächlich aber investieren einige Bundesländer viel Kraft und Ressourcen, um von G8 zu G9 zurückzukehren – statt in die Qualität ihres Bildungssystems.

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